Festival vom Pech verfolgt

Rock am Ring: Süderländer Tageblatt war vor Ort

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Nürburgring/Plbg - Nachdem Rock am Ring im letzten Jahr wegen Unwettergefahr und zahlreichen schwer verletzten Besuchern abgebrochen werden musste, drohte in diesem Jahr eine Absage wegen akuter Terrorgefahr. ST-Mitarbeiter Arkadiusz Goniwiecha war vor Ort und berichtet. 

Keine zwei Wochen nach dem Anschlag auf ein Konzert in Manchester ist das größte deutsche Musikfestival Rock am Ring in vollem Gange. Die Düsseldorfer Band Broilers heizt auf der Hauptbühne die Fans für den Headliner des Tages auf: Rammstein. Die Stimmung ist ausgelassen und alle feiern. Im Mediacenter versammeln sich die Fotografen derweil, um zum Konzert von Liam Gallagher (ehemals Sänger der Band Oasis) gefahren zu werden, der auf einer der anderen Bühne spielen soll. Doch dann wird uns von RaR-Sprecherin Katharina Wenisch eine Mitteilung vorgelesen, dass das Festival wegen einer akuten Terrorwarnung unterbrochen werden muss.

Zu dem Zeitpunkt verstummt auch die Musik auf der Centerstage plötzlich und RaR-Vater Marek Lieberberg betritt sichtlich bedrückt die Bühne: "Wir müssen das Festival abbrechen. Es gibt eine konkrete Terrorlage." Die Fans zeigen sich überraschend verständnisvoll, applaudieren sogar und verlassen das Festival, ohne in Panik zu geraten. Dabei wird Geier Sturzflug gesungen: "Eins kann mir keiner, eins kann mir keiner, Eins kann mir keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben!"

Was zu dem Zeitpunkt noch niemand weiß - bei einer Verkehrskontrolle seien zufällig drei Männer aufgefallen, genauer gesagt ihre Festivalbändchen. Denn sie trugen Bändchen, die den Zutritt zum Backstagebereich des Festivals ermöglichen. Da diese mittlerweile auf die Mitarbeiter registriert sind, fällt bei der Kontrolle auf, dass die Namen mit der Identität der Männer nicht übereinstimmt. Dabei soll es sich um Aushilfskräfte handeln, die kurzfristig über ein Subunternehmen eingestellt wurden und in Verbindung zur dschihadistisch-salafistischen Szene in Hessen stehen sollen.

Rock am Ring

Während die Festivalbesucher evakuiert werden, redet sich Marek Lieberberg im Pressecenter, in dem sich auch die Jugendredaktion des Süderländer Tageblatt aufhält, in Rage und holt zum Rundumschlag aus. "Ich bin der Meinung, es muss jetzt Schluss sein mit "This is not my Islam." (...) Jetzt ist der Moment, wo jeder sich dagegen artikulieren muss. Ich möchte endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten." Später gibt er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung zu, übers Ziel hinausgeschossen zu sein: "Es kann gut sein, dass ich da etwas übers Ziel hinausgeschossen bin. Ich erwarte jedoch von allen Beteiligten eine eindeutige Gegnerschaft zu Gewalt und Terror. Nach meiner Wahrnehmung haben es die Menschen muslimischen Glaubens bisher leider weitgehend versäumt, dies auch in entsprechenden Demonstrationen zu artikulieren."

Zu dem Zeitpunkt ist es auch noch möglich, dass das Festival im zweiten Jahr in Folge komplett abgesagt werden muss. Als die Polizei dazukommt, fordert Lieberberg, dass die Ermittlungen schnellstmöglich abgeschlossen und in spätestens zwölf Stunden Ergebnisse vorliegen sollen, damit das Festival weitergehen kann. Doch die Polizei lässt nicht mit sich verhandeln: Es würde so lange ermittelt, bis das Festival wieder sicher freigeben werden könne, so die Kernaussage der Polizisten. Ob die Festivalbesucher denn auf den Campingplätzen sicher wären, wollte die Polizei aber nicht sagen und verließ kommentarlos die Pressekonferenz.

Derweil sind mehrere Bombenspürhunde an der Hauptbühne im Einsatz. Kein leichter Einsatz für die Vierbeiner: Rammstein sind für ihre feurige und explosive Bühnenshow bekannt und so schlagen die Hunde erst einmal immer wieder an. Doch nachdem sie sich an den Pyrogeruch gewöhnt haben, können sie sich laut Hundeführer auf die wichtigen Gerüche konzentrieren. Im Wechsel wird immer wieder jeder Zentimeter der Bühne abgesucht. Am nächsten Morgen ist klar: es kann weitergehen. Jetzt erst recht, könnte man die Stimmung der Besucher zusammenfassen.

Noch in der Nacht wurde auf vielen kleinen Partys gegen den Terror gefeiert. Niemand wolle seinen Lebensstil von anderen Menschen einschränken lassen, die eine Religion dafür nutzen um Angst zu schüren, war die Message. Und auch für das Gegenlager hatte Sänger Sammy Amara von den Broilers, die ihren unterbrochenen Auftritt am nächsten Tag nachholen durften, eine klare Ansage: "Die rechten Populisten sitzen zu Hause auf ihrer Couch. Die rocken einen Scheißdreck!"

Am Samstag und Sonntag war die akute Terrorgefahr vor den Bühnen schnell vergessen. Immerhin freuten sich die Besucher seit Monaten auf die Konzerte der Toten Hosen, System Of A Down und vielen anderen Bands. Der Auftritt von Rammstein ließ sich nicht nachholen, da der Bühnenaufbau so umfassend sei, dass auf der Bühne kein Platz für zwei Headliner sei. Als Trostpflaster wurde aber der Rapper Marteria mit seiner Crew für ein 60-minütiges Konzert mit einem Privatjet eingeflogen. Spätestens nach seinem Auftritt waren alle Sorgen bei den Zuschauern vergessen und es stand endlich wieder die Musik weitestgehend im Vordergrund.

Neben dem Geschehen wurden die Sicherheitsvorkehrungen schon vor der Terrorwarnung erhöht. Rucksäcke waren für die Besucher komplett verboten, die Einlasskontrollen wurden intensiviert und auch die Pressevertreter wurden beim Einlass gründlich kontrolliert und Rucksäcke mussten mit einem Neonüberzug ständig gekennzeichnet sein. Überall dort, wo sich große Menschenmassen ansammelten, wie zum Beispiel am Eingang, waren durchgehend schwer bewaffnete Polizisten und Bombenspürhunde im Einsatz. Speziell den Eingang überwachten aus einiger Entfernung auch Sondereinsatzkräfte.

"Wir verneigen uns vor eurem Enthusiasmus, eurem Trotz, eurer Hingabe, Leidenschaft und Lust am Leben! Lasst uns weiterhin feiern, was wir lieben", ist das Fazit der Veranstalter von Rock am Ring. Sicherlich schwingt dabei auch die Hoffnung mit, dass beim nächsten RaR vom 1. bis 3. Juni 2018 dann endlich wieder nur die Musik im Vordergrund des größten deutschen Festivals stehen wird.

Von Arkadiusz Goniwiecha

Quelle: wa.de

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