Die Kunst der Fortbewegung

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Zwölfeinhalb Fuß – so werden die Sprungweiten im Parkour häufig gemessen – ist dieser Sprung in Halver weit.

Halver - Er springt von Mauer zu Mauer, überbrückt fliegend leicht Distanzen von mehreren Metern und landet punktgenau auf der Bordsteinkante: Jannik Ludwig macht Parkour und das schon seit mehr als sechs Jahren.

„Am Anfang wusste ich gar nicht, was das ist. Ich bin einfach mal mitgekommen“, erzählt er. Freunde von ihm hatten die Halveraner Veranstaltung Nightsports besucht, bei der einen Abend lang bis in die Nacht verschiedene Sportarten gezeigt und ausprobiert werden können. Parkour war schon damals dabei und hatte die Jungs begeistert.

Doch was ist so toll an dieser Trendsportart? „Zuerst bin ich hauptsächlich wegen der Leute weiter hingegangen. Wir haben uns gut verstanden. Man geht halt zusammen hin, es gibt eine feste Zeit, man bewegt sich, hat seinen Spaß“, sagt Ludwig. Tatsächlich habe es relativ lange gedauert, bis er „wirklich“ etwas gelernt habe. „Irgendwann kommt dann der Moment, in dem man sieht, was möglich ist. Wenn man etwas macht, das man vorher nicht für möglich gehalten hat.“ Das Lerntempo sei für jeden unterschiedlich. Es gebe auch Menschen, die beim zweiten Training einen Salto können. „Das kommt halt immer darauf an, was man vorher so gemacht hat“, weiß Ludwig. „Aber irgendwann kommt der Punkt, da hängt es nur noch davon ab, wie häufig man trainiert.“

Doch Training bedeutet da nicht etwa besonders viel Muskelkraft. Beim Parkour kommt es hauptsächlich auf die richtige Technik an, wie Ludwig erzählt. „Irgendwann braucht man auch eine gewisse Muskelkraft, um Sprünge abzufangen. Zum Springen selbst reicht meistens weniger Kraft.“ Besonders wichtig sei in erster Linie eine gesunde Selbsteinschätzung um Verletzungen zu vermeiden.

Als „Spielen für Große“ beschreibt Jannik Ludwig die Sportart.

Konkrete Regeln sucht man in dieser Sportart jedoch vergeblich. „Stell dir vor, ein Junge ist auf einem Spielplatz und schaukelt. Irgendwann springt er von der Schaukel ab. Das nächste Mal versucht er es mit einer halben Drehung, dann rollt er sich ab. Das ist das Tolle an Parkour. Es ist nichts festgeschrieben, man muss den Bewegungen keine Namen geben. Es ist wie Spielen für Große“, sagt Ludwig. Nicht umsonst werde es auch „L’art du deplacement“ (frz.: Die Kunst der Fortbewegung) genannt. Man könne sogar zum Training kommen und die ganze Zeit nur quatschen oder auch mal eine mehrwöchige Pause einlegen, wenn man zum Beispiel Prüfungen oder Klausuren hat.

Spaßig ist es allerdings nicht immer. Obwohl die Akzeptanz der Menschen laut Ludwig in den vergangenen Jahren gestiegen ist, gebe es immer noch Menschen, die einen von den „Spots“, also den Trainingsstellen in der Stadt, wegschicken. „In Kaiserslautern werden wir seit zwei Jahren immer von derselben Frau vom selben Spot weggeschickt“, sagt Ludwig, nicht ohne ein Schmunzeln.

Ein „Wir“ ist für Parkour zwar nicht zwingend nötig, aber doch oft zu finden. Eine relativ große Community erstreckt sich nicht nur über Deutschland, sondern reicht weit über Ländergrenzen hinaus.

Eine Mauer als Trainingsgerät – Parkour lässt sich nicht nur in der Halle, sondern besonders auch in der Stadt ausüben.

Um Parkour zu machen und bei sogenannten Jams mitzumachen, nehmen die Sportler teilweise weite Strecken auf sich. Was das Weiteste war, was Ludwig für Parkour zurückgelegt hat? „Das kommt jetzt wahrscheinlich. Im Oktober wollen wir nach Fontainebleau bei Paris, da gibt es einen riesigen Naturspot, quasi wie ein Felsenmeer. In Paris kann man unterwegs auch einen Halt machen, da kennen wir noch ein paar Leute, die in Kaiserslautern bei einer Jam waren.“

Dass er jemals mit Parkour aufhören wird, glaubt Jannik Ludwig nicht. „Es gibt auch Leute, die haben eine Familie und eine Arbeit und kommen trotzdem mal zwei Stunden mit.“ Dadurch, dass das Training weder orts- noch zeitgebunden ist, sei man sehr flexibel. „Vielleicht muss man irgendwann zurückschrauben. Aber David Belle macht mit seinen 44 Jahren auch noch Sprünge, von denen viele nur träumen.“

Aus dem Wald auf die Straße

Parkour ist eine Straßensportart. Einen tatsächlichen „Erfinder“ gibt es nicht, jedoch gilt der Franzose David Belle als Begründer der Sportart. Sein Vater Raymond Belle, ein ehemaliger Vietnamsoldat, brachte ihm in den Wäldern Nordfrankreichs die Méthode Naturelle bei. Dabei bewegt man sich durch die Landschaft und über natürliche Hindernisse.

Ende der 1980er Jahre übertrug David Belle diese Fortbewegungsart im Pariser Vorort Lisses auf den urbanen Raum. Aus den spielerischen Verfolgungsjagden der Kinder über Tischtennisplatten, Mauern, Geländer und Gebäude entwickelte sich einige Jahre später der Parkour. Belle führte auch einige Jahre die Gruppe Yamakasi an, die 2001 mit einem Film sich selbst und die Sportart berühmt machte.

Neben Parkour gibt es noch Freerunning. Die Sportart enthält mehr ästhetische und akrobatische Elemente, ähnelt äußerlich aber dem Parkour. Einige Traceure, wie die Sportler genannt werden, machen zwischen den Sportarten jedoch keinen Unterschied. Freerunning entstand ebenso in den Vororten von Paris, als einer der Begründer gilt das ehemalige Yamakasi-Mitglied Sébastien Foucan.

Trainingszeiten in der Umgebung

Halver: TuS Oberbrügge, mittwochs, 18 Uhr bis 19.45 Uhr, Sporthalle Oberbrügge

Lüdenscheid: TV Friesen, donnerstags, 17.30 Uhr bis 19.30 Uhr, Sporthalle Pestalozzi-Schule

Breckerfeld: TuS Breckerfeld, samstags, 8 Uhr bis 11 Uhr, Sporthalle Breckerfeld

Quelle: wa.de

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