„Und plötzlich war sie einfach weg“

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Beim gemeinsamen Malen in der Kunst-Praxis Soest haben sich Amelie (links)und Mersika kennengelernt und angefreundet. Zwei Tage vor Weihnachten wurden Mersika und ihre Familie nach Mazedonien abgeschoben.

Soest - Zwei Tage vor Weihnachten war Mersika weg. Plötzlich und unvorbereitet. Das mazedonische Mädchen war an diesem Tag mit seiner Freundin Amelie Köhne verabredet. Zusammen wollten sie in der Kunst-Praxis Soest ihrem Hobby nachgehen – der Malerei. Aber Mersika kam nicht.

Einige Stunden zuvor waren sie und ihre Familie abgeschoben worden. „Das war schlimm. Ich habe nur noch geheult und konnte nicht mehr schlafen“, sagt Amelie. Die 13-Jährige erinnert sich ungern an diesen Tag. An ein richtiges Weihnachtsfest war nicht mehr zu denken. Amelie hattte Mersika in der Soester Kunst-Praxis kennengelernt. 

Barbara Dreher vom Arbeitskreis Asyl in Lippetal und zweite Vorsitzende der Kunst-Praxis, hatte das Maltalent der jungen Mazedonierin erkannt und sie mit in die Praxis genommen. Dort freundete sie sich mit Amelie an. Sie malten zusammen, besuchten sich, hatten fast jeden Tag Kontakt. 

Die Kommunikation war kein Problem, Mersika hatte schon Deutsch gelernt. 2014 war die inzwischen 14-Jährige mit ihren beiden älteren Geschwistern und ihren Eltern nach Deutschland gekommen – auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Die Familie Bajramovsko gehört zur Bevölkerungsgruppe der Roma, die in Mazedonien gesellschaftlich ausgegrenzt und als „Zigeuner“ beschimpft wird. In Deutschland integrierten sich Mersika und ihre Schwester schnell. Sie gingen auf die Lippetalschule in Herzfeld, und Mersika hatte in Amelie auch endlich eine „beste Freundin“ gefunden. 

Es hätte alles gut werden können. Aber die deutsche Asylpolitik stand im Weg. Die Bundesregierung stufte Mazedonien bereits 2014 als „sicheres Herkunftsland“ ein. Das heißt: Asylanträge von Menschen aus diesem Land haben in Deutschland keinen Erfolg, auch wenn sie von Menschen gestellt werden, die – wie Familie Bajramovsko – in ihrer Heimat diskriminiert werden. 

Schnelle Abschiebungen sind die Folgen. Mersikas Familie war zunächst geschützt, weil ihre Mutter an Depressionen litt. Als aber ein Amtsarzt die Mutter für reisefähig erklärte, wurde die Familie am 22. Dezember morgens um halb sechs abgeholt. Niemand konnte sich verabschieden. Amelies Mutter Katrin Köhne war geschockt und wütend: „Man kann die Mädchen nicht zwei Jahre integrieren und dann einfach wegschicken.“ 

Am Tag der Abschiebung sollte eigentlich ein Gespräch über die Duldung der Familie stattfinden. „Das war wohl nur ein Vorwand, um sicherzustellen, dass die Familie anzutreffen ist“, vermutet sie. Der plötzliche Abschied ging auch Barbara Dreher und Susanne Lüftner-Haude von der Soester Kunst-Praxis sehr nahe. „Wir wussten, dass es irgendwann passieren kann. Aber als es dann wirklich soweit war, waren wir doch nicht vorbereitet“, sagt Dreher. 

Lüftner-Haude ergänzt: „Es ist eine menschliche Tragödie. Ich habe immer noch Gänsehaut, wenn ich an den Tag denke.“ Von Mersika sind nur ihre Bilder geblieben. Zwei sind jetzt in der Ausstellung „Farben Freude Fantasie“ im Lippetaler Haus Biele zu sehen. Mit viel Mühe gelang es Amelie und ihrer Mutter, über Handy Kontakt zu Mersika aufzunehmen. Sie lebt mit ihrer Familie jetzt in einem einfachen Zimmer in der Nähe von Kumánovo, der drittgrößten Stadt Mazedoniens direkt an den Grenzen zum Kosovo und Serbien. 

Für Mersika gibt es dort keine Zukunft. Roma werden auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. Es gibt kaum eine Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. Mersika und ihre Schwester gehen derzeit noch nicht einmal zur Schule. Auch ihr Vater findet keine Arbeit. Sie ziehen jeden Tag los, um Plastikflaschen zu sammeln. „Die Laufbahn wird in die Illegalität führen“, vermutet Katrin Köhne. 

Nach Deutschland gibt es keinen Weg zurück. Für die Familie gilt ein Ausreisestopp, wie für viele Roma in Mazedonien. Selbst nach Serbien, wo der Bruder inzwischen lebt, darf die Familie nicht reisen. Mersika ist gefangen im eigenen Land. Zumindest der Kontakt zu Amelie ist geblieben. Fast jeden Tag schreiben sich die Mädchen über Handy. Beruhigend sind die Nachrichten aus Mazedonien aber nicht. „Ich mache mir Sorgen. Auf den Bildern, die sie schickt, sieht sie sehr abgemagert aus“, sagt Amelie. Mersika habe außerdem von Männern mit Pistolen berichtet. In der Region gibt es immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Albanern und Mazedoniern. „Sicher ist es dort nicht“, sagt Katrin Köhne. 

Amelies Mutter hat nun ein eigenes Konto eingerichtet, um der Familie zu helfen. Sie startete Aufrufe bei Facebook, um Unterstützer zu finden, und Leute, die der Familie vor Ort helfen können. Sie schickt auch regelmäßig Pakete nach Mazedonien. Aber auch das ist nicht unproblematisch. „Wertvolle Dinge kann ich nicht schicken, weil die Pakete an der mazedonischen Grenze häufig gefilzt werden“, sagt Köhne. Mersika freue sich aber über alles, besonders als sie in einem Paket Materialien zum Malen fand. 

Aus Deutschland hatte sie in der Eile nichts mitnehmen können. Durch die Malerei kann sie der düsteren Realität entfliehen. „Sie malt Verschiedenes, besonders gerne Kleidungsstücke“, berichtet Amelie. Aber mit Malen kann sich Mersika nicht aus der Ausweglosigkeit befreien. „Mein Wunsch ist, dass es allen besser geht und sie mit ihrer Familie wieder nach Deutschland kommen kann“, sagt Amelie. 

Ein Bild von Mersika liegt noch in der Kunst-Praxis: Ein Stillleben, auf dem nur ein Apfel Farbe trägt. Der Rest ist unvollendet.

Wer Mersika und ihre Familie unterstützen will, kann sich bei Katrin Köhne unter Telefon: 0171/6189920 oder Mail: katrin.köhne@googlemail.com melden.

Quelle: wa.de

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