Schauspielstudent

Nicht denken, einfach fühlen und singen

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Dem einwöchigen Workshop „Stimme und Gesang“ sah Arne Löber zunächst mit vermischten Gefühlen entgegen, am Ende war er zufrieden mit sich selbst.

Märkischer Kreis - Schauspielstudent Arne Löber berichtet über seine Erfahrungen mit seiner Stimme und dem Gesang.

Plötzlich erlischt Dezos warmherziges Lachen, er unterbricht das Klavierspiel, schaut mich an als hätte ich ihm in die Tasten gespuckt und sagt: „This is not good singing! This is just not good singing at that point! Do it again. Just you.“ 

23 Paar Augen sind auf mich gerichtet und ich würde am liebsten auf der Stelle im Erdboden versinken. Ich kann mich daran erinnern, dass ich als Kind unheimlich gerne und gut gesungen habe. In der Schule, in der Kirche, unter der Dusche, zu Besuch bei meiner Oma oder einfach wenn mir danach war. Wo immer auch gesungen wurde, ich sang aus voller Kehle mit. 

"Marmor, Stein und Eisen bricht" auf der Kirchenfreizeit

In einem Sommer in Zeiten des Stimm- und Umbruchs fuhr ich mit auf eine Kirchenfreizeit. Meine Freunde und ich trieben eine ganze Menge Schabernack, was auch von der Leitung nicht ganz unbemerkt blieb und für etwas Unmut sorgte. An einem Abend saßen wir dann zusammen und sangen Lieder à la „Marmor, Stein und Eisen bricht“, die ich persönlich sehr gern hatte. Ich sang laut und heiter mit. 

Dann unterbrach uns der Freizeitleiter, guckte mich wutentbrannt an und sagte mit bebender Stimme: „Arne, wenn du jetzt auch noch unsere Gesangsabende veralbern willst, dann ist es besser, du fährst jetzt nach Hause“. Ich starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und beteuerte, dass ich nach bestem Gewissen und Können mitgemacht hatte. Ich wurde in unser Mehrbettzimmer geschickt. 

Irgendwann in diesem Zeitraum verlor das Singen für mich etwas Spielerisches und wurde zu einem verkopften Krampf. Ich tat es nicht mehr so gerne wie früher. 

Auch zehn Jahre später, während der Aufnahmeprüfung an Schauspielschulen, grauste es mir vor den Gesangseinlagen. Zu meiner ersten Endrunde an der 12Theaterakademie August-Everding erschien ich, ohne ein Lied dabei zu haben. Dass wir ein Lied hätten vorbereiten sollen, musste ich irgendwie verdrängt haben. Also sang ich kurzer Hand die Hook aus Sidos „Hey Du“.

Der peinlichste Auftritt in seinem Leben

Auch in der dritten Runde an der Folkwang-Universität in Essen sollte man ein Lied zum Besten geben. In einem dunklen Theaterraum stand ich vor der Zuschauertribüne und sang „Use Somebody“ von Kings of Leon. Es war einer der peinlichsten Auftritte in meinem Leben. Ich erhielt anschließend Feedback von einem Prüfer, der lachend und kopfschüttelnd sagte: „Also bis hier her war ja alles top, aber bei dem Lied hast du alles liegen gelassen.“ 

Und dann sagte er noch etwas, dass enorm wichtig für mich sein sollte: „Es geht hier nicht darum die richtigen Töne zu treffen, sondern um das Gefühl, dass Du vermittelst.“ 

Für mein Vorsprechen in Ludwigsburg hatte ich ebenfalls ein Lied im Gepäck. „Mackie Messer“ aus der Dreigroschenoper von Bertold Brecht. Mit der neu gewonnenen Erkenntnis im Rücken sollte es dann klappen. Auch wenn dafür vielleicht nicht unbedingt das Lied ausschlaggebend war. Trotzdem blieb Singen ein leidiges Thema für mich.

Gemischte Gefühle vor Workshop "Stimme und Gesang" 

Kein Wunder, dass ich nicht vor Freude in die Luft hüpfte, als vor Kurzem der einwöchige Workshop „Stimme und Gesang“ in unserem Google-Kalender aufploppte. Daran konnte auch die Begeisterung meiner Kommilitonen und Dozenten nichts ändern, die vor lauter Vorfreude auf den Workshop ständig davon berichteten. 

Ida Kelarova, ihr Mann Desiderius Duzda, von allen liebevoll Dezo genannt und Wegbegleiter Oto Bunda kamen extra aus Tschechien angereist, um uns die Kultur der Roma durch Musik und Tanz näher zu bringen. Ida als bekannte Sängerin, Dezo am Klavier und Otto als Tänzer.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ steht auf einem Banner der Akademie für Darstellende Kunst (ADK).

 

Am ersten Tag sitze ich mit den anderen in einem Kreis auf dem Boden. Ida erklärt uns mit voluminöser Stimme, dass wir durch Musik zu unserer wahren inneren Kraft finden können. Eine Kraft die durch wahren Schmerz, wahre Trauer und wahre Fröhlichkeit entstehen kann. Doch vorher, sagt sie, müssen wir es schaffen „Mister Voice“ auszuschalten. Die Stimme, die uns daran hindert, unsere wahren Gefühle zu Wort kommen zu lassen. Eine Stimme, die einen mit Gedanken überflutet.

Nachmittags stehen wir dann gemeinsam um das schwarze Klavier herum und singen. An einem dieser Nachmittage stehe ich da und möchte im Erdboden versinken, denn das war „just not good singing“, was ich da verzapft habe. Dezo singt mir die richtigen Töne noch einmal vor und dann bin ich dran. Ich lege los und fühle mich unglaublich alleine, denn ich bin der Einzige, der singt.

Der richtige Moment, um vor der Gruppe zu singen

Nach einigen Versuchen nickt Dezo zufrieden mit dem Kopf und wir singen gemeinsam weiter. Ich atme erleichtert aus. Geschafft. Nicht ganz. Denn zwei Tage später stehen wir erneut um das Klavier herum, Ida präsentiert uns einen neuen Song. Dann erklärt sie, dass nun jeder von uns nach vorne treten soll, sobald der richtige Moment gekommen ist, um das Lied vor der Gruppe zu singen. Alleine. 

In meinem Kopf vermischen sich Angst und Freude zu einem merkwürdigen Cocktail. „Mister Voice“ übernimmt die Kontrolle. Soll ich anfangen. Nein. Jetzt. Nein. Was, wenn ich falsch einsetze. Jetzt. Was, wenn ich den Ton nicht treffe. Was werden die anderen denken. Und dann kommt der Moment, in dem ich einfach nach vorne trete und anfange zu Singen, ohne nachzudenken. 

Das Lied erfüllt mich mit Trauer und das ist alles, was ich fühle. Eine schöne, einsame Trauer. Dann plötzlich setzen die anderen mit ein, die Einsamkeit verschwindet und es fühlt sich an, als hätte ich die gesamte Welt im Rücken. Ich bin nicht verkrampft, mir ist egal, wie ich klinge und ich folge nur meinem Gefühl. „Mister Voice“ ist nicht mehr da.

Quelle: wa.de

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