Tarifverhandlungen der Länder

Weniger Geld für Altenpfleger als für Flughafen-Kontrolleure - Gewerkschaft erklärt sich

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Pflege

Ver.di fordert wesentlich weniger Geld für Altenpfleger als für Flughafenkontrolleure - im Netz sorgt das für Unglauben. So erklärt die Gewerkschaft ihre Haltung:

Weniger Geld für Altenpfleger als für Flughafen-Kontrolleure - Gewerkschaft erklärt sich

Update vom 21. Januar: 16 Euro für Altenpfleger, 20 Euro für Flughafenkontrolleure - die Lohnforderungen der Gewerkschaft ver.di in aktuellen Tarifstreits haben am Wochenende für Unglauben auf dem Kurznachrichtendienst Twitter gesorgt: User wunderten sich über die vergleichsweise niedrige Forderung im zunehmend wichtigen Altenpflege-Sektor (siehe unten). Mit Renate Künast schaltete sich gar eine bekannte Politikerin in die Debatte ein.

Auf Anfrage von Merkur.de* hat die Dienstleistungsgewerkschaft nun die Hintergründe der sehr unterschiedlichen Verhandlungsziele erläutert - und die schwierige Lage bei der Entlohnung der Altenpfleger mit (noch) mangelnder Verhandlungsstärke begründet.

„Forderungen haben immer etwas mit der Beschäftigunglage, der Organisationsstärke und dem eigenen Selbstbewusstsein zu tun“, erklärte eine ver.di-Sprecherin Merkur.de am Montag. Während die Sicherheitskräfte an Flughafen „eine lange Tradition mit Tarifverhandlungen“ hätten und gut organisiert seien, stünden die gewerkschaftlich organisierten Altenpfleger „in den Anfängen“.

Ziel sei es, „auch hier durch Verhandlungen und Aktionen an Stärke zu gewinnen“. Eine schnelle Verbesserung der Löhne in der Altenpflege scheint, so lässt sich schließen, also nicht in greifbarer Nähe. 

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Erstmeldung: Weniger Geld für Altenpfleger als für Flughafen-Kontrolleure - Gewerkschaft erntet Unglauben

Berlin - Fast gleichzeitig wird in der Altenpflege und beim Flughafenpersonal um neue Stundenlöhne gestritten - und die sehr unterschiedlichen Forderungen der Gewerkschaft ver.di für diese beiden Bereiche sorgen zumindest online für heftiges Kopfschütteln. „Die Gewerkschaft ver.di fordert einen bundesweiten Tarifvertrag für die Altenpflege. Fachkräfte sollen 16€ verdienen. Für ungelernte Flughafenkontrolleure fordert Verdi 20€“, schrieb ein Twitter-User am Sonntag auf dem Kurznachrichtendienst: „Seid ihr eigentlich bei Sinnen?“

Auch die frühere Grünen-Fraktionschefin Renate Künast schaltete sich ein. In ihrer „Eigenschaft als Mitglied“ erkundigte sie sich in einem weiteren Tweet bei der Gewerkschaft nach einer Begründung für die unterschiedlichen Forderungen. Eine Antwort erhielt Künast zunächst nicht - allerdings hatte sie auch versehentlich einen falschen Account mit dem Namen „verdi“ angeschrieben.

Ver.di fordert weniger Geld für Altenpfleger als für Flughafenkontrolleure - heftige Debatte im Netz

Dafür entspann sich unter dem Ausgangsposting eine lebhafte Diskussion über Sinn und Unsinn der Bezahlung verschiedener Berufe. „Liegt nicht an Verdi, sondern an einer Gesellschaft, der der Flugverkehr wichtiger ist, als zu pflegende Menschen“, schrieb ein Nutzer.

„Bei Flughafenkontrolleuren lassen sich die Lohnkosten auf 30-45 Passagiere pro Stunde abwälzen, jeder zahlt quasi nur Centbeträge für den Lohn eines Kontrolleurs mit. Diese Kalkulation klappt bei Pflegern natürlich nicht“, konstatierte ein anderer nüchtern.

Wirbel um Bezahlung der Altenpfleger - „das wird Geld kosten, das viele nicht haben“

Der Hintergrund der Debatte: In Deutschland mangelt es an Altenpflegern, viele von ihnen klagen zudem über Überlastung. Zugleich wird die Finanzierung der Pflege immer schwieriger. Die Gewerkschaft Verdi hatte am Freitag Forderungen für einen Tarifvertrag Altenpflege aufgestellt. Verdi verlangt einen Stundenlohn von mindestens 16 Euro für Fachkräfte. Bereits dieser Betrag ist umstritten.

Anständige Löhne seien die Basis für attraktive Arbeitsplätze und engagierte Mitarbeiter, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Zugleich schränkte er ein: „Ohne Zweifel wird das Geld kosten, das viele Pflegebedürftige aber nicht haben.“

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Der Pflege-Arbeitgeberverband bpa kritisierte den geplanten Tarifvertrag Pflege als „überflüssig“. „Es bleibt bemerkenswert, dass die Verdi, die so gut wie keine Mitglieder unter den Beschäftigten der Altenpflege hat, sich anmaßt, für die ganze Branche zu sprechen“, kritisierte der bpa-Präsident und frühere FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.

Warnstreiks an den Flughäfen: ver.di fordert 20 Euro für geprüfte Mitarbeiter

Auch der Tarifstreit beim Flughafenpersonal schlug zuletzt hohe Wellen. Am vergangenen Dienstag waren wegen erneuter Warnstreiks privater Sicherheitskräfte an acht Flughäfen in Deutschland hunderte Verbindungen ausgefallen. Hintergrund sind die bislang ergebnislosen Tarifverhandlungen für rund 23.000 Beschäftigte der Branche. Verdi verlangt für die etwa 15.000 staatlich geprüften Mitarbeiter brutto 20 Euro pro Stunde, der Deutsche Beamtenbund fordert 19,50 Euro.

Bisher sind die Stundenlöhne regional sehr unterschiedlich. In Bayern verdienen staatlich geprüfte Gepäckkontrolleure derzeit 13,93 Euro. Verdi pocht auf deutliche Lohnerhöhungen auch in Ostdeutschland.

Spahn plant Reformen - wie soll die Pflege finanziert werden?

Das Thema Pflege dürfte das Land allerdings noch wesentlich länger beschäftigen. Angesichts der immer zahlreicheren Pflegebedürftigen hatte zuletzt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) neue Finanzierungsmodelle in der Pflege gefordert.

Die CSU-Gesundheitspolitikerin Emmi Zeulner forderte unterdessen eine Begrenzung der finanziellen Eigenanteile von Pflegebedürftigen. Nötig sei ein Systemwechsel, damit Pflegebedürftigkeit nicht zum Armutsrisiko werde und Betroffene nicht von Sozialleistungen abhängig würden, sagte Zeulner der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Schon heute beziehe rund ein Drittel der Heimbewohner Sozialhilfe, weil ihr Vermögen und ihre Rente nicht reichten, um die Eigenanteile zu bezahlen.

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fn/dpa

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