Letzter Flug ins All: NASA streicht Tausende Jobs

Cape Canaveral - Wie hart es die NASA im US-Staat Florida nach dem letzten Weltraumflug der "Atlantis" tatsächlich treffen würde, konnte wohl niemand voraussagen. Jetzt sind die Ausmaße klar. 

Sobald die “Atlantis“ ab Juli zum Museumsstück wird, will die Raumfahrtbehörde NASA rund 7.000 weitere Jobs streichen. Dabei waren auf dem Höhepunkt des Shuttle-Programms noch 17.000 Angestellte zumeist für private Auftraggeber am Kennedy Space Center im Einsatz.

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Die bereits Arbeitslosen und deren Kollegen, denen der bittere Weg noch bevorsteht, dürften bald auf einen Arbeitsmarkt drängen, in dem jeder Zehnte eine neue Beschäftigung sucht. “Es scheint, als ob hier jeder mit dem Schlimmsten rechnet“, sagt der örtliche Präsident der Arbeitergewerkschaft am Kennedy Space Center. “Jeder konkurriert um die wenigen Jobs, die es da draußen noch gibt.“

Zudem ächzt die Space-Coast-Region unter der US-Immobilienkrise, die es den NASA-Beschäftigen erschwert, ihre Häuser gewinnbringend zu verkaufen, um andernorts eine neue Stelle anzunehmen.

Space Coast an wirtschaftliche Dürreperioden gewöhnt

Dabei geht der schmale Küstenstreifen am Atlantischen Ozean nicht zum ersten Mal durch wirtschaftliche Dürreperioden. So saßen die NASA-Mitarbeiter bis zum Start des ersten Shuttles im Jahr 1981 schon einmal auf dem Trockenen, nachdem das Apollo-Programm zur bemannten Mondlandung Mitte der 1970er eingestellt worden war.

Bestand jedoch damals zumindest für viele eine Aussicht auf Weiterbeschäftigung, sieht es dieser Tage düster aus. So stellte die US-Regierung unter Präsident Barack Obama im vergangenen Jahr ihre Unterstützung für das Constellation-Programm ein, das bis 2020 eine bemannte Rückkehr auf den Mond vorgesehen hatte. Die Folge: 2.000 potenzielle Jobs werden damit gar nicht erst geschaffen.

Stattdessen soll die NASA laut Regierungsplänen mit dem Bau einer neuen Weltraumkapsel und einer Rakete beginnen, die Astronauten auf einen Asteroiden und schließlich auf den Mars bringen soll. Dabei verlässt sich die US-Raumfahrtbehörde allerdings größtenteils auf private Unternehmen, die ihre eigenen Raumfähren entwickeln, mit denen Astronauten und Frachtgut zur Internationalen Raumstation (ISS) geflogen werden sollen. Den verbliebenen rund 8.500 NASA-Beschäftigten bleibt dann nur noch, das Shuttle-Programm abzuwickeln, die “Atlantis“ auf ihr Dasein als Museumsstück vorzubereiten und die neue Weltraumkapsel zu testen.

Raumfahrtingenieure wie Tony Crisafulli haben nun ein Problem. “Wir alle arbeiten hier in dem Wissen, dass wir in wenigen Tagen unsere Jobs verlieren,“ klagt er. Zwei Tage nach der Rückkehr der “Atlantis“ wird ihn sein Lebensweg nach fast 23 Jahren am Space Center in die Arbeitslosigkeit führen. Auch Crisafulli hatte seine Hoffnungen zunächst in das Constellation-Programm gesetzt. “Wir haben uns darauf verlassen, dass uns das zumindest durch die Übergangsphase trägt,“ sagt er.

Raumfahrtindustrie für Space Coast identitätsstiftend

Allein die NASA trägt nach Schätzungen der örtlichen Arbeitsagentur 1,2 Milliarden Dollar (rund 828 Millionen Euro) zur Wirtschaftsleistung Floridas bei. In der Tat geht die Bedeutung der Raumfahrt für die Space Coast jedoch weit über Wirtschaftsdaten, Jobs und Streiks hinaus - das Raumfahrtprogramm hat für die Region mittlerweile identitätsstiftenden Charakter. So war der verschlafenen Küstenstreifen einst eher für Zitrusfrüchte und Wellness-Hotels bekannt, bevor er in den späten 1950er Jahren zur Startrampe der amerikanischen Vorstöße ins Raumfahrtzeitalter bestimmt wurde.

Schon bald siedelten sich damals in den umliegenden Gemeinden Titusville, Cape Canaveral, Merritt Island und Cocoa Beach Scharen hochqualifizierte Ingenieure, Projektmanager und Techniker an. Die Raumfahrt entwickelte sich damit zum führenden Industriezweig der Space Coast.

“Riesiger Schneeballeffekt“

Dass aber dieser Tage jeder den Gürtel enger schnallt, macht sich inzwischen bei den Inhabern von Restaurants und Geschäften bemerkbar. Auch den Tourismus dürfte es hart treffen. So können die Hotels nach dem letzten Weltraumflug der “Atlantis“ nicht mehr mit dem üblichen Ansturm Hunderttausender Besucher rechnen, die im Bezirk Brevard County den Start der Shuttles verfolgten.

“Jeder bekommt die schwierige Situation langsam zu spüren. Die Menschen arbeiten nicht. Sie sparen“, sagt Donna Thrash, die in der Arbeitsagentur im Bezirk Brevard einen Workshop für arbeitssuchende Raumfahrtspezialisten leitet. Auch der Präsident der örtlichen Gewerkschaft für Raumfahrtarbeiter an den Startrampen, Lew Jamieson, zeichnet ein düsteres Lagebild: “Die Zahl jener, die einen anderen Job gefunden haben, ist vernachlässigbar. Man muss wohl schon die Gegend verlassen, um etwas zu finden.“

Die Veränderungen sind auch im Leben von Raymond Steele angekommen. Seinen Job als Logistikingenieur hat er mit der Streichung des Constellation-Programms verloren, seine Ehe ist zerbrochen. Dem 57-Jährige treibt jedoch nun vielmehr die Zukunft der Space Coast um, die für ihn immer noch seine Heimat ist.

“Das ist einfach ein riesiger Schneeballeffekt“, erklärt er. “Es geht nicht nur darum, dass ein Raumfahrtingenieur wie ich entlassen wird. Da sind auch Frauen, Kinder, Schulen und Restaurants“, sagt Steele. “Am Ende geht es nicht nur um Jobs, sondern um ganze Gemeinden.“

dapd

Rubriklistenbild: © dpa

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