Versäumnisse zu Pandemie-Beginn

Nach Corona-Schock für Autobauer: Chip-Konzern produziert am Anschlag - Liefer-Lücken kaum einzuholen

Kleine Teile fehlen - mit großer Wirkung: Die Automobilproduktion kommt wegen fehlender Chips nicht in die Gänge.
+
Kleine Teile fehlen - mit großer Wirkung: Die Automobilproduktion kommt wegen fehlender Chips nicht in die Gänge.

Die Autoproduktion hakt, obwohl die Industrie den Corona-Schock überstanden hat. Versäumnisse holen sie jetzt ein. Chip-Hersteller kommen nicht hinterher.

München - Ob bei Audi oder Daimler, BMW oder den Ford-Werken – überall stockt derzeit die sich eigentlich nach dem Corona*-Schock erholende Autoproduktion, weil Halbleiter fehlen. Das freut nicht einmal den Chip-Konzern Infineon.

„Bis zur Entspannung wird es noch einige Quartale dauern“, warnt Reinhard Ploss. Es bestehe sogar das Risiko, dass sich die Chipengpässe bis ins Jahr 2022 hineinziehen und die Autoindustrie erst dann jetzt ausfallende Stückzahlen wieder aufholen kann, warnt der Chef des Münchner Chipkonzerns Infineon. Was derzeit vor allem fehlt, seien Mikrocontroller, die Infineon aber nicht selbst baut, sondern sie sich von Auftragsfertigern in Asien zuliefern lässt. „Wir haben Puffer geschaffen, aber die gehen nun zur Neige“, so der Manager. Dazu kommen Probleme in einem eigenen US-Werk. Die Infineon-Chipfabrik im texanischen Austin musste wegen eines dortigen Wintersturms mit Stromausfall heruntergefahren werden. Sie läuft zwar wieder, aber weil Infineon überall am Anschlag produziert, könne man dort ausgefallene Produktion 2021 nicht mehr aufholen. Ford in Köln hat sich wegen des allgemeinen Chipmangels bereits bis Mitte August auf gedrosselte Produktion eingestellt.

Corona trifft Auto-Industrie nun verzögert: Es fehlen Chips - wie auch in anderen Branchen

Über 60 Prozent aller Autobauer und ihrer Zulieferer klagen derzeit über Engpässe bei der Chipversorgung, hat das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung ermittelt. Auch anderen Branchen fehlen Chips. „Dieser Flaschenhals könnte die Erholung der Industrie gefährden“, warnt Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. Vor allem in der Autobranche müssen Manager bei der Beschaffung nun umdenken, sagen Experten. Dort bislang übliche Lieferungen just in time, also ohne Lagerhaltung werde man zumindest bei Halbleitern nicht mehr weiterführen können, sagt Ploss. „Diese Lektion wird nachhaltig sein“, schätzt er. Bei Infineon liefen bereits Gespräche über neues und langfristigeres Bestellverhalten seitens der Autoindustrie. Zugleich arbeitet die Chipbranche mit Hochdruck an einer Aufstockung ihrer Kapazitäten weltweit. Das geht in der unter anderem von extremen Reinraumanforderungen geprägten Branche aber nicht über Nacht. Ein bis eineinhalb Jahre oder noch länger dauere es in der Regel, bis neue Fabriken arbeiten, sagen Infineon-Experten. Die Münchner selbst sind dabei aktuell im Vorteil, weil eine Ausweitung eigener Kapazitäten schon länger geplant war und nun „nur“ beschleunigt werden muss. Im österreichischen Chipwerk Villach kann eine Kapazitätserweiterung um drei Monate auf Herbst 2021 vorgezogen werden. Auch die Dresdner Fabrik wird ausgebaut.

Coronavirus: Versorgungsengpässe in Automobilindustrie - Chip-Bestellungen zu stark reduziert

Die Autoindustrie leidet besonders unter den Versorgungsengpässen, weil sie vor Jahresfrist unter dem Eindruck der Pandemie ihre Bestellungen bei Chipherstellern erst einmal reduziert hatte. Dann kam die Autonachfrage aber schneller zurück als erwartet. Auf die freien Chipkapazitäten hatten sich inzwischen aber Hersteller von Computern und Smartphones gestürzt, weil deren Produkte in der Pandemie wegen eines anhaltenden Digitalisierungsschubs stark gefragt sind. Verglichen mit Computer- und Handyherstellern sind Autobauer relativ kleine Abnehmer der Chipbranche. Etwa acht Prozent aller weltweit produzierten Halbleiter wandern in Autos. So viel verbaut allein der US-Technologieriese Apple. Nun muss sich die Autobranche erst mal hinten anstellen, was sie nicht gewohnt ist. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare