Strompreise

Zurück zur billigen Kernenergie? Verbrauchern droht weiterer Aufschlag

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Strom könnte noch teurer werden: Experten geben erste Prognose.

Aktuell zahlt man für eine Kilowattstunde Strom so viel wie nie zuvor in Deutschland. Viele sehen die Bundesregierung in der Verantwortung.

Berlin - In Deutschland müssen sich die Bürgerinnen und Bürger weiterhin auf steigende Strompreise gefasst machen. Im Vergleich zum Jahresbeginn hätten sich die Preise für den Großhandel bereits verdoppelt, sagt die Chefin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Wenn Strom kurzfristig eingekauft werden müsse, lägen die Preise sogar dreimal höher als der Ursprungspreis. Der gestiegene Preis beim Einkauf wird sich auch beim Endverbraucher zeigen.

Die Beschaffungskosten, die die Energieversorger für Strom zahlen müssen, sind in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen

Chefin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Kerstin Andreae

Nicht nur der Strompreis an sich wurde in diesem Jahr teurer. Auch der Preis für CO2-Zertifikate stieg an. Innerhalb der vergangenen 24 Monate war eine Verdopplung zu beobachten. Der Preis für Strom aus Gaskraftwerken hatte sich auf Grunde des gestiegenen Gaspreises ebenfalls erhöht.

Strompreise in Deutschland: So hoch wie noch nie

Um 6,6 Prozent stieg der Strompreis in den letzten 12 Monaten, berichtet das Online-Vergleichsportal Verivox. Derzeit sei der Preis für Strom auf einem nie dagewesenen Hoch von 30,54 Cent pro Kilowattstunde angekommen.

Das Portal Check24 informiert, acht Grundversorger hätten bereits die Strompreise erhöht oder Erhöhungen angekündigt. 3,7 Prozent betrugen diese Erhöhungen im Schnitt, so Check24. Ein Haushalt, welcher 5000 Kilowattstunden verbraucht, würde also mit Mehrkosten in Höhe von 63 Euro pro Jahr rechnen müssen.

Preis für Strom: Nicht nur die teurere Erzeugung ist ausschlaggebend

Der Branchenverband BDEW machte nicht die gestiegenen Preise für die Erzeugung für den hohen Strompreis verantwortlich. „Von 100 Euro Stromrechnung sind mehr als 50 Euro staatlich verursacht“, sagte Andreae. Die Belastung für Stromkunden wäre durch Steuern, Umlagen und Abgaben zwischen den Jahren 2010 und 2020 um zirka 70 Prozent gestiegen, so die Chefin.

Weiter führte sie aus, dass von dieser Belastung nicht nur Endkunden betroffen wären, sondern auch der Wirtschaftsstandort Deutschland geschwächt würde. Auch der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Holger Lösch, bewertete den aktuell hohen Strompreis als schädlich für die Industrie. Nach der Bundestagswahl 2021 müsse die neu gebildete Bundesregierung die hohen Strompreise als eine ihrer ersten Aufgaben angehen, erklärt Lösch.

Umfrage zum Strompreis: Ein Drittel würde zurück zur Atomkraft, wenn der Strom billiger würde

Eine Umfrage des Marktforschungsinstitut Innofact fand heraus, dass sich rund dreiviertel der Deutschen strengere Maßnahmen gegen den Anstieg wünschen würden. Die im Auftrag von Verivox durchgeführte, repräsentative Studie kam außerdem zu dem Ergebnis, dass jeder Dritte (31 Prozent) dafür auch weiterhin Strom aus Atomkraft beziehen würde.

Die meisten Grundversorger ändern ihre Preise zum Jahreswechsel. Deshalb gehen wir davon aus, dass in den kommenden Monaten weitere Stromanbieter ihre Preise erhöhen werden.

Thorsten Storck, Energieexperte bei Verivox

Ein Ende der gestiegenen Abgaben und Steuern auf Strom würden laut der Studie 70 Prozent der Deutschen nicht erwarten. Auch Marktbeobachter hatten bereits angekündigt, dass es weiterhin zu Preiserhöhungen kommen könnte. Der Energieexperte Storck gab an, zum Jahreswechsel Preisanstiege bei einigen Anbietern zu erwarten. Bei wie vielen Anbietern eine Steigerung zu erwarten sei, wäre allerdings noch nicht absehbar.

Preis für Strom: Kilowattstunde könnte 1,5 Cent teurer werden

Philipp Litz äußerte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, dass er einen Anstieg des Strompreises für Privathaushalte für wahrscheinlich halte. Laut dem Experten wäre ein Anstieg um rund 1,5 Cent pro Kilowattstunde denkbar. Ohne erneuerbare Energien wäre der Anstieg laut Litz rund doppelt so hoch. Seine Annahmen begründete er mit den gestiegenen Börsenpreisen für Strom.

Am 26.09.2021 ist Bundestagswahl, mit unserem Newsletter zur Bundestagswahl bekommen sie alle Informationen und Meldungen direkt in ihr Postfach.

Während die EEG-Umlage in den letzten Jahren immer wieder ein Preistreiber beim Strompreis war, soll dies im kommenden Jahr nicht der Fall sein. Die Umlage, mit der Ökostrom-Anlagen gefördert werden, soll von der Bundesregierung in den Jahren 2021 und 2022 stabilisiert werden. Hierfür wurden im Jahr 2021 bislang 8,1 Milliarden Euro aus dem Haushalt verwendet. Im aktuellen Jahr konnte die Umlage so auf 6,5 Cent pro Kilowattstunde begrenzt werden. Im kommenden Jahr soll diese sogar auf 6 Cent sinken. In ihren Wahlprogrammen versprachen alle großen Parteien, vor der Bundestagswahl 2021 die EEG-Umlage* abzuschaffen oder zu senken.

Strompreis in Deutschland: Wenn er an der Börse steigt - sinkt die EEG-Umlage

Der gestiegene Börsenstrompreis könnte den EEG-Fond für den Bund billiger machen. „Bei steigenden Börsenstrompreisen erzielen die Wind- und Solaranlagenbetreiber höhere Einnahmen, was zu einer sinkenden EEG-Umlage führt“, erläuterte Agora-Fachmann Litz den Mechanismus.

Das beste Mittel gegen steigende Strompreise sei ein schneller Ausbau der erneuerbaren Energien, betonte Litz. Eine neue Bundesregierung müsse in den ersten 100 Tagen eine Verdreifachung der Ausbaumengen für Windkraft- und Photovoltaik auf den Weg bringen. „Das ist zentral für die Erreichung der Klimaziele und trägt dazu bei, den Strompreis zu senken.“ (Lucas Maier mit AFP) *fr.de ist Teil von IPPEN.MEDIA

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