Zweifache, deutsche Oscargewinnerin wird 100 Jahre alt

+
Mit ihren 100 Jahren ist Luise Rainer die älteste Oscargewinnerin der Welt.

London - Luise wer?...An die Schauspielerin erinnern sich nur ganz treue Hollywoodfans. Neben ihr schaffte das nur Kathrine Hepburn. Die deutsche Schauspielerin gewann zwei Oscar.

Es gibt vieles, was man mit einem Oscar machen kann: Prominent platzieren, verehren, damit prahlen. Man kann ihn aber auch als Türstopper verwenden. Oder einfach verschenken. Vor allem dann, wenn man sowieso zwei davon hat.

Einen schenkte sie Möbelpackern

Das dachte sich auch Luise Rainer, zweifache deutsche Oscar-Gewinnerin. “Ich habe einen Oscar einem Möbelpacker gegeben“, sagt sie. Die Figur sei sowieso durch ihre Funktion als Türstopper leicht angeschlagen gewesen. Rainer lacht. Der Schalk sitzt ihr im Nacken - auch noch mit fast 100 Jahren. Rainer ist die älteste Oscar-Preisträgerin, die noch lebt. Gleich zweimal hintereinander holte sie in den 30er Jahren die Trophäe, sie spielte mit Greta Garbo und Marlene Dietrich in einer Liga, sie kannte Albert Einstein und Ernest Hemingway. “Was ist so besonders dabei?“, wirft sie ein, “manche meiner Filme waren idiotisch.“ Dass sie als erste Schauspielerin zwei Oscars hintereinander für die beste Hauptrolle gewonnen hat, findet sie nebensächlich. Nach ihr hat das unter den Frauen nur Katharine Hepburn geschafft. Doch Rainers Stern verglühte so schnell wie er aufgegangen war. Nach dem Oscar-Ruhm geriet sie in Vergessenheit. Doch jetzt, vor ihrem 100. Geburtstag am 12. Januar, stehen die Journalisten wieder Schlange. “Ständig rufen Zeitungen an, englische, deutsche, Schweizer, und dann noch das Fernsehen... Schrecklich.“ Sie seufzt - und nimmt doch jeden Anruf entgegen.

Als Jüdin in Deutschland

Rainer wurde in Düsseldorf als Tochter einer jüdischen Familie geboren. Aber lange blieb sie dort nicht. Nach Stationen in Hamburg, Krefeld, Wien, Hollywood und der Schweiz lebt sie heute in London. In ihrer Wohnung am noblen Eaton Square sitzt sie jetzt in einem antiken Sessel. Seit 20 Jahren lebt sie in dem Haus, in dem einst Vivien Leigh wohnte. “Heute wohnen hier nur noch Neureiche“, bemerkt sie. Drinnen regiert aber sie in ihrer Privatoase. Um sie herum hängen Kunstwerke (“ja, das ist Käthe Kollwitz, und das hier Egon Schiele, kennen Sie den?“). Ein schwarz-weißes Foto zeigt sie lachend im Arm ihres Mannes. Er ist seit 20 Jahren tot. Auch seine Asche stand jahrelang in dieser Wohnung, aber darüber will Rainer jetzt nicht reden. “Ich vermisse ihn schrecklich.“ Zwischen Bildern, Antiquitäten und schweren Teppichen droht Rainer fast zu verschwinden, so klein und dünn ist sie. “Ich bin zehn Zentimeter geschrumpft“, sagt sie. Dafür hat sie sich schick gemacht, roter Lippenstift, Perlenkette, goldene Schuhe. Ihre Fingernägel sind sorgfältig lackiert. Auch wenn sie so zerbrechlich ist: Ihre Ausstrahlung ist immer noch die einer Filmdiva.

“Machen sie das Ding da aus“, bestimmt sie und deutet auf das Aufnahmegerät. Es folgt ein tiefes Räuspern. Erst müsse sie einen Tee trinken. “Mein Stimme klingt schrecklich“, raunt sie. “Maggie, MAGGIE!“, ruft sie ihr Hausmädchen, “du hast die Tasse zu voll gemacht.“ Dennoch führt sie das Tässchen aus feinem Porzellan zitternd zum Mund. “Und Sie, nehmen Sie ein Keks, aber nicht so zurückhaltend.“ Rainer spricht nur noch Englisch, aber ihr deutscher Akzent verleiht Befehlen einen besonderen Nachdruck. Ein Interview mit Rainer kann man nicht einfach so starten. Aus einem Korb an ihrem Gehwägelchen - sie nennt es “mein Pferd“ - fischt sie erst einmal eine dicke Hornbrille. Aus einem Kuvert zieht sie Zeitungsausschnitte, alte Fotos und Interviewanfragen. “Wer sind Sie jetzt gleich wieder?“, sie wirft einen fragenden Blick über die Brille. Einen Manager hat sie nicht mehr. Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass sie überhaupt noch existiert.

Deutschlands „unberühmtester Superstar“

Als Deutschlands “unberühmtester Superstar“ wurde sie schon bezeichnet. Schließlich hatte Rainer bereits nach dreieinhalb Jahren in Hollywood genug und drehte der Traumfabrik den Rücken. Zu viel “Unsinn“ sei da produziert worden. “Es ging nur ums Geld - und Partys, Partys. Ich war ein Werkzeug in einer riesigen Fabrik“, sagt sie, “du wurdest nicht nach deinem Talent beurteilt. Aber ich wollte eine gute Schauspielerin sein. Ich habe mich in Hollywood nicht mehr weiterentwickelt.“ Wenn Rainer von Hollywood spricht, bekommt sie dennoch leuchtende Augen. Sie setzt zum Erzählen an, die Augen fest auf einen Punkt in der Ferne gerichtete, als sei sie wieder ganz da, in Amerika, in Kalifornien. “Beauuutiful“, schwärmt sie immer wieder. Zwischenfragen duldet sie jetzt nicht mehr, “Wie bitte? Darling, ich kann nicht alles im Detail erzählen.“ Rainer ist so etwas wie eine coole Oma, der man stundenlang lauschen könnte. “Ich war so jung damals“, fährt sie in ihren Erinnerungen fort. Es ist in der Tat so, als säße nicht eine 99-Jährige sondern ein junges Mädchen in dem Stuhl.

Theaterkarriere

Rainer hatte vor ihrer Zeit in den USA bereits Karriere am Theater gemacht. Als 16-Jährige machte sie sich klammheimlich auf den Weg zu einem Vorsprechen bei Regisseur Max Reinhardt in Berlin. Zwar hatte sie dann vor lauter Aufregung den Text vergessen. Doch nach Engagements in Krefeld und Düsseldorf fand sie dann doch den Weg zum großen “Rrreinhardt“, der inzwischen am Theater in Wien war. Sie rollt das R, um Reinhardts Größe noch zu unterstreichen. In Wien habe sie dann “so ein Gehilfe“ des Studiobosses Louis B. Mayer entdeckt. Dieser war der Chef von Metro-Goldwyn-Mayer und so etwas wie der König von Hollywood. Nach einem Vorsprechen hätten sie ihr gesagt, sie müsse sofort nach Hollywood. “Ich habe kein Wort verstanden, mein Englisch war überhaupt nicht gut“, sagt Rainer trocken. Aber sie wollte unbedingt Amerika sehen. Damals war sie 25 Jahre alt, Angst war ein Fremdwort. “Ich habe gedacht, die schicken mich eh gleich wieder nach Hause.“ Einzige Bedingung für ihre Übersiedlung war, dass sie ihren kleinen Terrier mitnehmen durfte. Und so fuhren Rainer und Hund 1935 mit dem Schiff in Richtung USA.

Erste Liga in Hollywood

Ihren ersten Film “Escapade“ drehte sie im gleichen Jahr an der Seite von William Powell. Wenig später gewann sie für die Hauptrolle in “Der große Ziegfeld“ (1936) einen Oscar. Gleich darauf folgte ein Oscar für “Die gute Erde“ (1937), in dem Rainer eine chinesische Bäuerin spielt - obwohl sie weder chinesisch aussieht noch chinesisch klingt. Was war das für ein Gefühl, mit dem ersten Oscar in der Hand? “Ich hatte davor noch nie von den Oscars gehört. Es war nichts Besonderes, ich habe es nicht sehr ernst genommen.“ Sie sagt das mit so großer Überzeugung, dass keine Zweifel an der Aussage aufkommen. Rainer trägt Anekdoten nicht einfach vor, sie schlüpft in jede Rolle. Sie erzählt, wie sehr sie das aufgesetzte Lächeln in Hollywood und Make-up hasste. “Sie haben meinen Mund angemalt, mein Gott, es war gar nicht mehr mein Gesicht!“, ruft sie und macht ein Bewegung, als wolle sie eine lästige Fliege vertreiben.

Sie kehrte Hollywood den Rücken

Und sie erzählt in allerbester Schauspielkunst von dem Tag, an dem sie dem “Tamtam“ ein Ende bereitete. “Ich hatte meinem Friseur gesagt, dass ich aus Hollywood weg will. Wenig später rief mich Louis B. Mayer in das Frrront-Office“, sagt sie wieder mit rollendem R. “Er sagte: “Miss Rrrainer, wir haben sie berühmt gemacht und wir werden sie vernichten.““ Rainer macht jetzt eine Kunstpause. Und wie war ihre Antwort? Rainer hebt an: “Mister Mayer sie sind ein alter Mann, wenn ich 40 bin, wie all Ihre großen Schauspielerinnen, dann sind sie lange tot.“ Erneute Kunstpause, Rainers Hand zittert sich langsam in Richtung Teetasse. Vielleicht denkt sie an ihre schwierige Ehe mit dem linken Intellektuellen Clifford Odets. Auch diese Ehe spielte eine Rolle für das Ende in Hollywood. “Ich war sehr jung und er sehr kompliziert.“ Später heiratete Rainer den Publizisten Robert Knittel, mit dem sie 47 Jahre bis zu dessen Tod glücklich verheiratet war. Ob sie bereut, dass ihre Filmkarriere so schnell wieder vorbei war? “Wieso, ich habe doch nachher noch Filme gemacht.“ Ja, sie spielte noch in einigen weniger bekannten Filmen, ihren letzten Auftritt hatte sie mit fast 90 Jahren in “Der Spieler“ nach dem Roman von Dostojewski.

Wollte nie eine Ikone sein

Aber eine Ikone wie Greta Garbo oder Marlene Dietrich wurde Rainer nicht. Dafür hatte sie Träume. Und sie war getrieben von Wissensdurst. Das ist ihr geblieben. Rainer scheint nicht auf die Idee zu kommen, dass sie mit fast 100 Jahren einen unglaublichen Eindruck macht. “Bald wird doch jeder zweite 100.“ Dass aber von diesen Hundertjährigen nur wenige die Neugier eines Kindes besitzen, die noch die Welt bestaunen können, weiß sie offenbar nicht. “Reden wir doch jetzt mal über Sie“, wirft sie immer wieder ein. Zeitweise wird das Interview zum Rollentausch. Was ist wichtig mit 100? “Liebe. Menschen. Ich interessiere mich für Menschen, ich spreche gerne mit interessanten Menschen“, sagt sie. Und wer sind diese interessanten Menschen? “Cézanne, Picasso, Einstein, Toscanini....Sie wissen schon.“ Nun muss man vor allem wissen, dass Rainer zumindest einige dieser Größen wirklich kannte. Einstein sei zum Beispiel “won-der-ful“ gewesen, so “einfach“. Eingeschüchtert habe das Genie sie nicht. “Ich war immer so wie ich war.“ Später zeigt sie wie zum Beweis auf ein Foto in ihrem Arbeitszimmer.

Da steht sie als zierliches junges Mädchen lächelnd neben einem etwas zerzausten Einstein. War er vielleicht ein bisschen in sie verliebt? “Ach nein!“, ruft sie, “ich habe solche Menschen immer angezogen, ich weiß nicht warum. Ich wollte immer so viel wissen.“ Rainer faszinierte nicht nur Einstein. Sie half auch Hemingway im spanischen Bürgerkrieg. Für Bertolt Brecht unterschrieb sie eine Bürgschaft, um ihm während der Nazi-Herrschaft zu helfen, nach Amerika zu gelangen. Und Fellini wollte sie unbedingt für die Hauptrolle in “La Dolce Vita“ haben. “Er fiel auf die Knie, bombardierte mich mit Telegrammen.“ Doch Rainer lehnte die Rolle ab. Sie beugt sich jetzt nach vorne und flüstert: “Ich sollte mit ihm Sex haben.“ Nein, nicht mit Fellini! Mit dem Schauspieler Marcello Mastroianni, vor laufender Kamera. Und auch das Drehbuch habe ihr nicht gefallen. “Ich war schon als Kind ein Teufel“, erklärt Rainer. Sehr zum Leid ihres strengen Vaters. Für diesen war es ein Skandal, dass sie gegen seinen Willen ans Theater ging - nur ihre Mutter, eine Klavierspielerin, hatte Verständnis.

Nazi-Zeit - Grauenszeit

Rainer spricht nicht gerne über ihren Vater. Während der Nazi-Zeit nutzte sie ihren Ruhm jedoch, ihre Eltern nach Amerika zu bringen. Einige ihrer Verwandten seien dagegen im Konzentrationslager umgekommen. “Eine schreckliche Zeit. Aber muss ich jetzt davon erzählen?“ Groll empfindet sie dennoch nicht auf ihr Geburtsland. “Ich liiiebe Deutschland“, sagt sie immer wieder. Reisen kann sie nicht mehr. Auch ihre Tochter, Enkel und Urenkel in den USA kann sie nicht mehr besuchen. “Ich kann nicht mehr durch die Gegend wirbeln. Der Wille ist da, aber der arme Körper leidet.“ Die Zeit vertreibt sie sich nun mit Lesen, Musik und Kunst. Dabei hat sie ihre ganz eigenen Vorstellungen von modernen Zeiten. Auf die Frage, ob sie auch zeitgenössische Kunst möge, ruft sie: “Natürlich, ich liebe Cézanne“. Selbst mit Computern will sie sich beschäftigen, “aber bis ich die Taste getroffen habe, habe ich schon vergessen, was ich schreiben wollte“. Hin- und wieder sieht sie auch fern. Und welche aktuellen Schauspieler mag sie? “Diese Julia... Wie heißt sie nochmal?“ “Roberts?“ “Ja genau die, beauuutiful.“ Und schaut sie auch manchmal noch bei der Oscar-Verleihung zu? Rainer überhört die Frage. Nach fast drei Stunden Interview ist sie jetzt müde. Ihren kleinen Körper hält sie mit Mühe aufrecht, nur die Augen glitzern wie gehabt. “Es tut mir schrecklich leid, aber ich muss mich jetzt hinlegen“, sagt sie. So ganz egal können ihr die Oscars übrigens dann doch wieder nicht gewesen sein: Nachdem der Möbelpacker damals mit dem Oscar von dannen gezogen war, habe sie gleich in Hollywood angerufen. “Die haben mir gleich einen neuen geschickt“, freut sie sich.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare