Reiner Calmund tapfer beim Halbmarathon

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Der ehemalige Fußballmanager Reiner Calmund (M) kommt mit seinem Trainer Joey Kelly (r) ins Ziel des Ruhrmarathons in Essen .

Essen - Sahnetorte, gegrillte Würstchen oder Schoko- Naschereien - die Zuschauer am Streckenrand versuchten alles, um den früheren Fußball-Manager Reiner Calmund in Versuchung zu führen.

Doch Calmund greift am Sonntag tapfer zum trockenen Energie-Riegel und absolviert in knapp vier Stunden seinen ersten Halb-Marathon im Walking von Gelsenkirchen nach Essen. Der 60-Jährige kämpft sich 21,1 Kilometer weit voran.

Schon nach den ersten Schritten streift Calmund sich die leichte Jacke vom massigen Körper. Es ist schwül und nieselt. Die Nordic- Walking-Gruppe “Stockenten“ macht ein paar Fotos vom Stargast beim Ruhr-Marathon, bevor sich das Klackern der Damen langsam entfernt. Das Tempo ist zuerst noch gemächlich. Calmund lacht in jede Kamera, winkt routiniert und grüßt. “Danke, Liebchen“, freut er sich über weiteren weiblichen Zuspruch.

Das Läufer-Credo “Wenig Reden“ nimmt Calmund nicht sonderlich ernst. Bereitwillig erzählt er, wie er mit dem Extremsportler und Musiker Joey Kelly vor zehn Monaten das Training begonnen und seitdem knapp 30 Kilo abgenommen hat. Immer noch wiegt Calmund nach eigenen Angaben 137,5 Kilo und fühlt sich selbst “leicht wie eine Bleifeder“, wie er sagt. “Ein bisschen Bammel hatte ich schon, aber ich kann nicht verlieren.“ Er nimmt Fahrt auf.

Rund 30 Leute haben sich Calmund angeschlossen, der einen guten Fremdenführer gibt. “Rechts ist die Glückauf-Kampfbahn. Da hat früher der Schalker Kreisel geglänzt“, berichtet er. Bis 2004 war Calmund Geschäftsführer beim Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen. Seither macht er den Eindruck eines Getriebenen. Ob mit seiner eigenen TV- Sendung, als Gourmet in Koch-Shows, als EM- und WM-Botschafter oder Talk-Gast - die Marke “Calli“ ist überall präsent. “Er ist ein Arbeitswahnsinniger. Calli hat das alles gar nicht mehr nötig, aber arbeitet trotzdem 18 Stunden am Tag“, erzählt Trainer Kelly.

Die erste Schrecksekunde bei Kilometer 12,5 in einer alten Essener Bergmannssiedlung: Calmunds Füße schmerzen, Pflaster sollen Linderung verschaffen. Kelly rückt im strömenden Regen einen Campingstuhl für den schnellen Schuhwechsel zurecht, ein ganzer Betreuerstab überwacht das Projekt “Iron Calli“. “Er ist am Anfang zu schnell gelaufen, die Euphorie war zu groß“, analysiert Hans-Jürgen Tritschoks von der Deutschen Sporthochschule Köln die Zwischenzeiten.

Wenige Kilometer vor dem Ziel überholen die ersten Marathon-Skater das mittlerweile kleiner gewordene Grüppchen um Calmund. Selbst die schnellsten Flitzer finden noch Zeit für einen kurzen Gruß. “Calli“ pustet schwer, das Lächeln ist inzwischen etwas gequälter. Für das Zielfoto halten die Betreuer noch schnell ein frisches rotes T-Shirt bereit, dann fällt Calmund nach 3:56:07 Stunden seiner Frau Sylvia in die Arme. “Ich bin so stolz“, sagt sie mit Tränen in den Augen. “Es hat Riesen-Spaß gemacht. Ich will etwas länger leben und ein bisschen Vorbild für andere Dicke spielen“, erklärt Calmund seine Motivation. Im ersten Moment der Entspannung betrachtet er in einem Zelt seine Medaille, nimmt einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. Doch die Ruhe wird nicht lange währen - am Mittwoch steht bereits der nächste Fernseh-Auftritt auf dem Terminkalender.

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