Bunte-Chefin: "Ausspionieren verbitte ich mir"

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Bunte-Chefin Patricia Riekel sagt über sich: "Ich bin kein Frühstückdirektor."

München - Scharping im Pool, Kachelmann im Kreuzfeuer und immer wieder gekrönte Häupter. Seit knapp 15 Jahren steht Patricia Riekel an der Spitze der Zeitschrift “Bunte“. Die Zügel hält sie fest in der Hand.

Auf der einen Seite reicht der Blick über Münchens Ausläufer, auf der anderen an eine reich beklebte Wand mit vielen wechselnden Zeitschriftenseiten im Kleinformat: Patricia Riekel (62) hat den Schreibtisch im Burda-Verlagsgebäude zu der Wand hin ausgerichtet. Die Chefredakteurin der Zeitschrift “Bunte“ entscheidet seit fast 15 Jahren darüber, welche der kleinen Zeitschriftenseiten von der Wand auch wirklich erscheinen, und welche nie.

“Ich bin kein Frühstücksdirektor“, sagt die Society-Expertin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. “95 Prozent aller Seiten gehen über meinen Schreibtisch und werden von mir abgezeichnet“, berichtet die Chefredakteurin und Leiterin der Burda-Stylegroup, als solche auch Herausgeberin von Modeblättern wie “Instyle“, “Elle“, “Freundin“, “Burda-Style“, “Donna“ und “Cover“.

Riekel ist längst unangefochten im Verlag, trifft sich nach eigenen Angaben wöchentlich mit Verleger Hubert Burda. Gut ein Jahr nach der Medienaffäre um angebliche Spitzelmethoden bei Recherchen zum Privatleben Franz Münteferings (SPD) hat sie im Presserat und zuletzt auch vor Gericht obsiegt - es war nicht zu belegen, dass die “Bunte“ über die Recherchemethoden der angeheuerten freien Mitarbeiter Bescheid wusste, was Riekel wiederholt bestritt. Klar ist für sie, “das Sozialverhalten von Leitfiguren ist Thema für die Gesellschaft“ und: “Das Wort Ausspionieren verbitte ich mir.“

Manche Medienbeobachter sehen Riekel als Urheberin der Entwicklung, Privatleben von Politikern in das öffentliche Interesse zu heben - lange vor dem Obama-Effekt in den USA. “Was heute möglich ist, war vor 15 Jahren in der Bonner Republik nicht möglich“, sagt sie selbst dazu mit Blick auf ihre Anfänge bei “Bunte“. Viele Politiker drängen sich auch selbst auf deren Seiten - mit guten oder negativen Folgen, wie sie etwa Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) nach Veröffentlichung seiner Turtel-Bilder im Pool erlebte. Riekel bezeichnete dies in der “Süddeutschen Zeitung“ mal als “eine Art Tauschgeschäft“ - ein wenig Privates gegen Publizität.

Der Journalist und Medienberater Michael Spreng, der für mehrere Unionspolitiker als Medienberater tätig war, sieht deren Einlassen auf dies Tauschgeschäft als fahrlässig an. “Wer einmal die Tür zum Privatleben öffnet, der kriegt sie nicht mehr zu“, sagt er über Politiker, die etwa mit Familienfotos auf Wahlkampftour gehen und dann zu ihrem Ärger bei Eheproblemen ebenfalls in den Blättern stehen. “Die “Bunte“ ist eindeutig das Leitmedium für Privatberichterstattung“, sagt der Medienprofi - und zollt Riekel hohen Respekt: “Sie ist die entscheidende Erfolgsfrau dahinter - sie hat die “Bunte“ zu dem gemacht, was sie ist.“

Riekel liebt die Aufgabe: “Die “Bunte“ zu machen, das ist sicher in meiner Branche eine der ganz großen Positionen, die man innehaben kann - und deshalb bin ich auch sehr glücklich“, bekennt die Lebensgefährtin von “Focus“-Gründer Helmut Markwort offen. Nach einem Zeitungs-Volontariat beim “Münchner Merkur“ hatte sie zuvor als freie Autorin und bei Zeitschriften wie “Die Aktuelle“ gearbeitet. “Riekel hat mit der “Bunten“ mittlerweile die Deutungsmacht, wer in Deutschland zum Promi wird“, urteilte die “Zeit“ im Fühjahr 2010 über die Bedeutung der Chefredakteurin.

Zwischen echten Prominenten, die sich mit Talent und viel Arbeit “hochgeschafft haben“ und den durch Castingshows emporgekommenen unterscheidet Riekel klar. Erstere gingen oft eher entspannt mit Journalisten um, die Casting-“Eintagsfliegen“ ließen jeden Seufzer von Manager und Anwalt autorisieren: “Die treten abends auf und können nicht singen, werden von einem Jurymitglied fertiggemacht, weil sie nicht singen können, und füllen trotzdem am nächsten Morgen die Schlagzeilen. Dann denken sie “okay, ich bin jetzt berühmt“.“ Dann kämen gleich ein Manager und Anwalt, die “ein Geschäft wittern“ und alles gegenlesen wollten.

“Im angelsächsischen Geschäft wird Journalismus nicht gegengelesen. Es gilt das gesprochene Wort“, sagt Riekel, auf deren Münchner Schreibtisch sich internationale Magazine stapeln.

In der Debatte um die Berichterstattung zum Kachelmann-Prozess weist Riekel alle Vorwürfe der Einseitigkeit scharf zurück: “Wir haben von Anfang an versucht, mit Kachelmann auch in Kontakt zu treten.“ Das hätten die Anwälte verhindert - wohl deshalb, weil die Ex-Freundinnen in “Bunte“ sprachen. Üblich ist laut Riekel, dass einige dafür Geld bekamen. “Ich werde hier nicht über Summen sprechen, aber Nachrichten sind eine Ware“, sagt Riekel zu den Gerüchten, eine der Zeuginnen habe für ihre Story 50 000 Euro kassiert. Informationen, ein sensationelles Foto - vielen Medien sei dies Geld wert und das werde auch bezahlt, nicht nur bei “Bunte“.

Zu den “Scoops“ in der jüngsten Geschichte zählt sie denn auch das Interview “mit der Frau, die Kachelmann vor Gericht gebracht hat“ nach dessen Freispruch. Sie hätte überall reden können, sagte Riekel. Doch sie entschied sich - ebenso wie vor Jahren die Ex-Geliebte des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer (CSU) - gezielt für Riekels Blatt. “Die “Bunte“ hat sich im Lauf der Zeit einen Ruf erworben, dass wir oft auf der Seite der Frauen kämpfen - was ich auch in Ordnung finde“, sagt die Chefredakteurin. Mit Kampagnen habe dies aber absolut nichts zu tun.

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