Mittelfeldspieler im Interview

Tranquillo Barnetta glaubt an die Wende

GELSENKIRCHEN - Als Tranquillo Barnetta im Sommer 2012 zum FC Schalke 04 wechselte, wurde dieser Transfer von vielen als äußerst verheißungsvoll angesehen. Der 27-jährige Mittelfeldspieler, der während seiner acht Jahre bei Bayer Leverkusen zur festen Säule im Werksteam geworden war, tut sich im königsblauen Trikot bislang allerdings überraschend schwer.

Jens Greinke sprach mit dem Schweizer Nationalspieler (63 Länderspiele/9 Tore) kurz vor dem Rückrundenauftakt.

Sie trugen im November des vergangenen Jahres einen bemerkenswerten Schnauzbart. Was hatte es damit auf sich?

Barnetta: Das war eine Aktion, die auf Prostata-Vorsorge-Untersuchungen aufmerksam machen sollte. Roman Neustädter, mein Zimmerpartner, hatte mir von der Aktion erzählt und ich fand, das wäre eine coole Sache. Und für einen guten Zweck. Da kann man sich auch mal für einen Monat zum Gespött machen (lacht).

Was haben Sie gedacht, wenn Sie morgens in den Spiegel geguckt haben?

Barnetta (schmunzelt): Am Anfang war es komisch, zumal man morgens ja sowieso nicht so frisch aussieht. Aber im Laufe der Zeit hatte ich mich dann daran gewöhnt. Einige Menschen waren sogar enttäuscht, als ich den Schnäuzer wieder abgemacht habe.

Tranquillo ist italienisch und heißt übersetzt „ruhig“ oder „still“. Beschreibt der Name Ihr Wesen?

Barnetta: Naja, ich kann natürlich auch anders. Aber ich denke schon, dass ich eher ein ruhiger, zurückhaltender Typ bin. Jemand, der sich nicht immer in den Vordergrund drängt. Mein Vater und mein Großvater heißen auch Tranquillo.

 Welche Motivation hatten Sie, nach vielen erfolgreichen Jahren bei Bayer Leverkusen zum FC Schalke 04 zu wechseln?

Barnetta:Da gab es mehrere Gründe. Zum einen ist Schalke natürlich eine internationale Top-Adresse. Die Fankultur hier ist wahrscheinlich einmalig in Europa. Zum anderen war für mich wichtig, dass ich mit Schalke in der Champions League spielen kann. Als ich dann trotz meiner längeren Verletzung, die ich vorher hatte, das Angebot von Schalke bekam, wusste ich, dass ich diese Chance einfach packen muss. Ich bin immer noch sehr froh, dass ich diese Entscheidung im vergangenen Sommer getroffen habe.

 Es war nicht Ihre erste schwere Verletzung, oder?

Barnetta:Mit 19 hatte ich schon einmal einen Kreuzbandriss. Anfang 2011 hatte ich dann wegen eines Innen-Meniskus-Risses zwei Monate pausieren müssen. Und im Sommer 2011 erlitt ich eine Muskelverletzung, weswegen ich bis März 2012 ausgefallen bin.

Fühlen Sie sich dadurch in Ihrem Spiel etwas gehemmt?

Barnetta: Nein, das nicht. Ich habe keine Hemmungen und auch keine Angst. Aber es kann schon sein, dass es zu gewissen körperlichen Abläufen kommt. Ein Körper schützt sich ja selbst auf seine Art nach so einer langen Verletzung. Aber ich merke selbst, dass es immer besser wird. Vom Kopf her bin ich frei.

Sie haben den Sprung in die Schalker Stammformation bislang nicht geschafft. Ich denke, Sie werden sich Ihren Start auf Schalke anders vorgestellt haben.

Lesen Sie dazu auch:

Schalke auch unter Keller im Tief

Schalker Tiefflug geht weiter

Streitende Versager nach kollektivem Versagen

Barnetta: Diese Frage wird mir oft gestellt. Klar, ich habe mir vielleicht den ein oder anderen Einsatz mehr gewünscht. Aber hätte mir vor einem halben Jahr nach meiner Verletzung jemand gesagt, dass ich in der Champions League zwei Mal von Beginn an auflaufe, dass ich wieder in der Schweizer Nationalmannschaft spiele und dass ich bei Schalke so oft eingewechselt werde oder von Beginn an spiele, dann hätte ich das sofort unterschrieben. Ich weiß, dass es nach so einer langen Verletzung eine gewisse Zeit dauert, bis ich an mich selbst den Anspruch stellen kann, in jedem Spiel im Team zu stehen. Ich habe die Zeit hier auf Schalke mehr genossen, als viele es vielleicht annehmen. Ich werde natürlich weiter daran arbeiten, mehr Einsatzzeiten zu bekommen. Es ist auch so, dass etwas das Selbstvertrauen fehlt, wenn man nicht so oft spielt. Wir haben in der Hinrunde in der Startformation ja nicht so viel gewechselt. Und es ist dann sehr schwer, Akzente zu setzen, wenn man in den letzten Minuten auf den Platz kommt. Man braucht nach einem so langen Ausfall einfach die Spielpraxis, um auch das Selbstvertrauen wieder zu erlangen. Es geht eben nicht immer, auf Knopfdruck seine Leistung abzuliefern.

Mit Jens Keller ist nun ein neuer Trainer da, mit der Rückrunde beginnt sozusagen ein neues Kapitel auf Schalke. Wie sehen Sie Ihre Chancen?

Barnetta: Ich werde weiter an mir arbeiten und versuchen, gute Leistungen abzurufen. Ich fühle mich in dieser Beziehung auf einem guten Weg. Ich habe auch gemerkt, dass ich die Vorbereitung in diesem Winter viel besser verkraftet habe als die im Sommer, weil ich wieder besser im Saft stehe. Ich will dem Trainer in der Rückrunde zeigen, dass er an mir einfach nicht vorbei kommt.

Haben Sie das Gefühl, dass der Wettbewerb innerhalb der Mannschaft unter dem neuen Trainer offener geworden ist?

Barnetta: Ich glaube schon. Es tut einer so jungen Mannschaft wie unserer meiner Meinung nach gut, wenn rotiert wird und die Spieler auch mal Pausen erhalten.

Wie beurteilen Sie die persönliche Ansprache von Jens Keller?

Barnetta: Er hat vor Weihnachten viele Gespräche geführt. Es tut jedem Spieler gut, wenn er weiß, was der Trainer von einem will. Kritik ist nicht immer schön, hilft einem aber in aller Regel weiter. Es bringt nichts, alles immer nur schön zu reden. Diese Einzelgespräche halte ich für sehr wichtig. Bislang ist das alles sehr, sehr positiv.

Wie sehen Sie die Schalker Gesamtsituation zu Beginn des Jahres 2013?

Barnetta: Wir haben in den letzten Spielen nicht das abgerufen, was wir eigentlich können. Das Potenzial ist da, das wissen alle. Aber: Jeder in der Mannschaft muss sich bewusst sein, dass er an seine Leistungsgrenze gehen muss. Wenn das jeder Einzelne hinkriegt, werden wir auch als Mannschaft erfolgreich sein. Wir haben ein sehr gutes Trainingslager in Doha hinter uns, auch wenn das 0:5 im Test gegen Bayern München schmerzhaft war. Aber oft ist es gar nicht so schlecht, wenn man bei der Generalprobe noch einen mitkriegt. Dann weiß jeder, dass wir an einem Strang ziehen und die optimale Leistung abrufen müssen. Es ist ja nicht so, dass wir in der Liga komplett abgeschlagen sind.

Wie ist Ihr Gefühl für die Rückrunde?

Barnetta: Das ist sehr positiv. Aber das heißt ja nicht, dass dann auch alles gut wird. Im Endeffekt zählen die Resultate. Wenn wir einen Dreier gegen Hannover holen, dann interessiert keinen mehr die 0:5-Klatsche gegen die Bayern.

Steht Tranquillo Barnetta am 34. Spieltag in der Schalker Startelf?

Barnetta (lacht): Ich hoffe es. Aber wenn wir uns dank meiner Mithilfe zu diesem Zeitpunkt schon für die Champions League qualifiziert haben, dann lasse ich am 34. Spieltag auch gerne anderen den Vortritt.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare