Radsport

Radsportverein löst sich auf: "Versammlung wie Beerdigung"

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Jürgen Isenhardt, Vorsitzender des RSV Werl/Wickede (links), präsentiert das aktuelle Trikot des Vereins. Raimund Sudhoff (rechts) hat tief im Kleiderschrank gekramt und eines der ersten Trikots gefunden – mit schwarzen Streifen.

Werl - Der Radsportverein Werl/Wickede löst sich kurz vor dem 60-jährigen Bestehen auf. Raimund Sudhoff, ehemaliger Vorsitzender, erinnert sich an erfolgreiche Zeiten. 

„Die Auflösungsversammlung des Radsportvereins Werl/Wickede war für mich so, als wenn ich zu einer Beerdigung gehen muss“, beschreibt die heimische Radsportlegende Raimund Sudhoff die Situation an jenem Sonntagmorgen. „Ich war auf dem Weg zum Winkel und dann läuteten auch noch die Glocken. Das war für mich ganz emotional“, ergänzt er.

Sudhoff hat mit dem Radsportverein Höhen und Tiefen erlebt. 40 Jahre war er im Vorstand engagiert und er gehört zu den erfolgreichsten Radsportlern des Vereins. Er erinnert sich noch genau, wie alles begann: „Im Mai 1972 war ich mit meiner Clique mit unseren normalen Fahrrädern unterwegs. Da entdeckte uns der Sönneraner Bernie Prünte.“ Er schlug den Werler Jugendlichen einen Eintritt in den Radsportverein vor.

„Das Angebot nahmen wir wahr und wir haben dann direkt an den Wanderfahrten des Vereins teilgenommen“, denkt Sudhoff an die Anfänge zurück. Der Start dieser Wanderfahrten, die alle zwei Wochen anstanden, war in Werl, das Ziel gab der Verein. Für die Teilnehmer gab es einen Stempel – als Beweis, dass sie die Strecke zurückgelegt hatten.

Vorsitzender meldet Quartett bei Rennen an

Am Ende der ersten Saison hatte Raimund Sudoff die meisten Stempel gesammelt und auch bei den zurückgelegten Kilometern lag er vorn. Damit war er Vereinsmeister beim RSV Werl.

Das „Radsportfieber“ hatte ihn gepackt. Der damalige Vorsitzende, Heinz Röttger, meldete das Quartett Udo Prünte, Hubert Rehbein, Achim Fischer und Raimund Sudhoff zu verschiedenen Radsportrennen an. Im VW-Käfer ging es zu den Rennen. Die Räder waren auf dem Dach des Autos montiert.

Durch Training auf dem „Trimm-dich-Pfad“ im Stadtwald und mit dem Rad waren die vier Werler inzwischen so fit, dass Siege eingefahren wurden. „Im Käfer hatten wir Probleme, den Siegerkranz mit nach Hause zu nehmen“, erinnert sich Sudhoff und lächelt.

Bereits 1973 fand Heinz Röttger die Leistung seiner neuen Schützlinge so außergewöhnlich gut, dass er die Radsportler für eine Tour im Süden von Schweden anmeldete. An diese Rundfahrt hat Raimund Sudhoff keine guten Erinnerungen. Gleich bei seiner ersten Tour stürzte der 64-Jährige und zog sich die schwerste Verletzung seiner Karriere zu. „Im linken Ellbogen war eine Sehne gerissen, die in einem schwedischen Krankenhaus zusammengeknotet wurde und unsere Mediziner zum Staunen brachte, weil Tage später wieder alles normal funktionierte“, ergänzt der Echthauser.

Zu Beginn hatte Heinz Röttger ihnen versichert, dass jeder Fahrer zwanzig Rennen braucht, um bei den Radsportlern mitfahren zu können. Bei den Neulingen aus Werl ging das schneller. 1974 war Raimund Sudhoff für die Bezirksmeisterschaft in Beckum angemeldet. Aber Sudhoff war Messdiener, musste eigentlich die Fronleichnamsprozession begleiten. Schnell stieg er nach dem Dienst in der Kirche in das Auto seines Vaters. Bei der Ankunft in Beckum fiel bereits der Startschuss. Zwei Runden musste der gebürtige Sönneraner hinterherfahren, bis er das Feld eingeholt hatte. Mit drei anderen Fahrern setzte er sich an der Spitze des Feldes fest – am Ende gewann er sein erstes Rennen. Bereits Ende der 70er Jahre stand der RSV Werl am Scheidepunkt. Weil einigen neuen Rennfahrern die Trikots des Werler Radsportvereins nicht attraktiv genug waren, wechselten diese nach Münster. Raimund Sudhoff wollte den Verein nicht sterben lassen und engagierte sich im Vorstand – als 2. Vorsitzender. Rund zehn Jahre später – 1982 – übernahm er dann den Vorsitz des Vereins.

Beim Blättern im Archiv stößt er auf die ersten Rennveranstaltungen, die der damalige Verein RSV Werl/Welver ausgerichtet hat. In Welver fanden Querfeldeinrennen statt. Den Startschuss haben häufig Prominente, wie Olympiasieger Harry Boldt, Profiboxer Peter Müller, Minister Dr. Arthur Sträter oder auch Sänger Kenneth Spencer gegeben. Später richtete der Verein Straßenrennen an verschiedenen Orten in Werl aus.

Mit der Bezirksmeisterschaft 2007 endete die lange Ära der Rennen in der Wallfahrtsstadt. „Die Auflagen und Organisation der Straßensperrungen wurden immer schwieriger“, erklärt er die Aufgabe der Rennveranstaltungen. Auch die Radtouristik und das beliebte Volksradfahren fanden nicht mehr den Anklang wie in Jahren zuvor. „Die Teilnehmerzahlen gingen immer weiter runter, dass es sich für uns am Ende nicht mehr lohnte“, blickt er zurück.

Erfolgreich waren die Anfang der 90er Jahre eingeführten Mountainbikerennen. Zu den 1200 Teilnehmern in Echthausen zählten Europameister, Weltmeisterschaftsteilnehmer, wie Mike Kluge und Jörg Kluge. „Rund 5000 Zuschauer kamen zu diesen Rennen“, blickt der noch Vorsitzende Jürgen Isenhardt zurück.

Gründungsmitglieder sehen keinen Ausweg

Am Ende fehlte der Nachwuchs und der Verein musste immer weniger Rennlizenzen ausstellen. Der Altersdurchschnitt der Mitglieder stieg in die Höhe und ein Amt im Vorstand wollte niemand mehr übernehmen. Nach 60 mehr und weniger erfolgreichen Jahren war das Aus des Radsportvereins besiegelt. Die Gründungsmitglieder Winfried Nigetiet und Egbert Teimann bedauerten schweren Herzens die Auflösung. Eine andere Möglichkeit sahen die sie aber nicht mehr. Das 60-jährige Bestehen im August wollen die 58 Mitglieder des RSV Werl/Wickede trotzdem gemeinsam feiern, auch wenn es den Verein auf dem Papier schon gar nicht mehr gibt. Auf dem Hof Rüsse-Markhoff in Welver-Ehningsen sollen letztmals Jubilare geehrt werden.

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