Viertelfinale ist Pflicht für die DHB-Auswahl bei der Weltmeisterschaft

Start in die Handball-Weltmeisterschaft 2021 in Ägypten: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft ist auf dem Flughafen von Kairo gelandet. Noch auf dem Rollfeld wartet medizinisches Personal in Corona-Schutzanzügen auf die deutsche Delegation. Am Fuße der Gangway wird bei Bundestrainer Alfred Gislason die Temperatur gemessen.
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Start in die Handball-Weltmeisterschaft 2021 in Ägypten: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft ist auf dem Flughafen von Kairo gelandet. Noch auf dem Rollfeld wartet medizinisches Personal in Corona-Schutzanzügen auf die deutsche Delegation. Am Fuße der Gangway wird bei Bundestrainer Alfred Gislason die Temperatur gemessen.

Mit dem Duell zwischen dem Gastgeber und Chile startet an diesem Mittwoch die 27. Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten. Erstmals nehmen 32 statt 24 Nationen am interkontinentalen Titelkampf teil.

Kreis Soest – Am 31. Januar wird feststehen, ob Dänemark Weltmeister bleibt oder ein anderes Land jubeln darf. Das Team des Deutschen Handballbundes (DHB) mit Bundestrainer Alfred Gislason muss auf mehrere Stammspieler verzichten. Vor dem WM-Start hat der Anzeiger vier Handball-Experten von Vereinen aus dem Kreis befragt, was sie von der Austragung in Pandemie-Zeiten halten, wie intensiv sie die Spiele verfolgen, wie die Aussichten der DHB-Auswahl sind und welche Mannschaften zu den Favoriten zählen.

Großevent umstritten

Ist es richtig, dass die Weltmeisterschaft trotz der aktuellen Lage stattfindet? „Je nachdem, wie sie es aufziehen“, sagt Stefan Koerdt, seit Sommer Coach des Landesligisten TV Wickede. „Wenn sie alle Spieler, Trainer und anderen Beteiligten regelmäßig testen und abschirmen, dann ja kann nichts schiefgehen.“ Dann sei es ein gutes Zeichen, dass das Großevent durchgezogen wird, meint der 31-Jährige. „Andererseits verstehe ich auch die Spieler, die sagen: Ich spiele beruflich für einen Verein und für die Nationalmannschaft zu spielen, ist eine Ehre.“ Die Entscheidung der Spieler, die abgesagt haben, kann er also nachvollziehen.

Vor dem Hintergrund, dass keine Zuschauer in den Hallen zugelassen sind, findet Rainer Wolfgarten, seit 2017 Geschäftsführer der Handballabteilung des Soester TV, es richtig, die WM auszutragen. Allerdings sei die Aufstockung auf 32 Teams „keine richtige Lösung. Man hätte es bei 24 belassen oder sogar kürzen sollen, um schneller durch zu sein.“ Wolfgarten zweifelt „mit Verlaub“ daran, „dass die Blase, die um die Mannschaften herum da sein soll, in Ägypten so ausgeprägt wie sie vielleicht hier in Deutschland ist“.

Carina Grossmann hält sich bei der Beurteilung der Lage zurück. „Ich bin, glaube ich, die Falsche, die eine Meinung äußern sollte“, sagt die Trainerin der Frauenmannschaften und stellvertretende Abteilungsleiterin des Werler TV. „Grundsätzlich freue ich mich, dass ich zu Hause die WM gucken kann, aber in der Haut der Spieler möchte ich nicht stecken und dort meine Gesundheit aufs Spiel setzen.“ Dass nun doch keine Zuschauer zugelassen sind, hält Grossmann für die richtige Entscheidung.

Winfried Scharf spricht von einer „zweischneidigen“ Angelegenheit. Natürlich hätte man auf die WM verzichten können. „Andersum: Die Bundesliga spielt, die EM-Quali wird gespielt. Es muss ja irgendwie weitergehen. Ich denke daher, es ist schon in Ordnung, dass die Weltmeisterschaft durchgeführt wird“, sagt der 64-Jährige, der seit mittlerweile 1986 1. Vorsitzender der HSG Soest ist. „Ich persönlich hätte sie in dem Umfang wahrscheinlich nicht stattfinden lassen.“ Dass keine Zuschauer in die Hallen dürfen, sei zwar sinnvoll und ein Vorteil für die Mannschaften, aber an sich schade. „Der Handball ist wie der Fußball eine Sportart, die natürlich von den Fans und der Stimmung lebt“, betont Scharf. Allerdings sei Ägypten auch nicht „die Handball-Nation. Ich weiß nicht, was an Zuschauern gekommen wäre.“

Zuschauerfreundlich

Die Spiele der Deutschen sind in den Abendstunden bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zu sehen. „Mit Sicherheit“ wird Koerdt die Partien der DHB-Auswahl verfolgen – „und vermutlich auch so viel wie es geht alles andere“. Aktuell habe er ja ohnehin mehr Freizeit.

Wolfgarten freut sich ebenfalls darauf, die WM am Fernseher mitzuerleben. „Ja, natürlich“, sagt er. Der 66-Jährige guckt hauptsächlich die Partien der Deutschen. „Aber wenn interessante Spiele mit Spanien, Frankreich, Dänemark gezeigt werden, werde ich mir die auch anschauen.“

Auch Grossmann begnügt sich nicht nur mit den Spielen der Deutschen („die Termine werden freigehalten“), sondern verfolgt die WM insgesamt. „Besonders interessieren mich die Dänen, weil ich sie einfach mag.“ Die 37-Jährige wird sich immer dann vor den Fernseher setzen, wenn es zeitlich passt. Die Sendezeiten sind auf jeden Fall zuschauerfreundlich.

Scharf wird wahrscheinlich nur die Spiele der Deutschen gucken – zumindest in der ersten Phase der WM. Ein Endspiel ohne Beteiligung der DHB-Auswahl lockt den Soester jedoch auch vor den Fernseher. „Das ist natürlich interessant.“

Gruppengegner

In acht Vorrunden-Gruppen mit jeweils vier Teams geht es zunächst um den Einzug in die Hauptrunde. Die drei besten Nationalmannschaften kommen weiter. Deutschland trifft in der Gruppe A (in Gizeh) auf zwei von insgesamt drei WM-Neulingen. Sowohl Uruguay (Freitag, 15. Januar, 18 Uhr/Das Erste) als auch Kap Verde (Sonntag, 17. Januar, 18 Uhr/Das Erste), ein Inselstaat vor der afrikanischen Westküste, haben sich erstmals für die Endrunde einer Männer-WM qualifiziert. Dritter Gegner ist Ungarn (Dienstag, 19. Januar, 20.30 Uhr/ZDF).

Deutschlands Antonio Metzner wirft den Ball auf das Tor bei seinem Debut in der Nationalmannschaft. Aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus fand das WM-Qualifaktionsspiel in Köln gegen Österreich ohne Zuschauer statt.  

Für Koerdt ist Ungarn der stärkste Konkurrent. Aber „alle drei müssten geschlagen werden“, sagt der Konstrukteur, der bis April 2020 in Wickede wohnte und nun in Schwitten lebt. Die vielen Ausfälle seien auf jeden Fall zu kompensieren – zumindest in der Vorrunde. „Die Spieler, die für Deutschland auflaufen, sind aus der deutschen Liga und haben genug Qualität.“

Auch Wolfgarten ist optimistisch. „Nach meinem Empfinden werden wir als Erster aus der Gruppe rausgehen. Gegen Uruguay und Kap Verde dürften es die gleichen Ergebnisse werden wie gegen Österreich.“ Die einzige schwere Aufgabe dürfte die gegen Ungarn sein. Allerdings erwartet Wolfgarten, der bis vor 20 Jahren selbst aktiver Handballer war und in seiner Glanzzeit im Kölner Raum sogar in der Regionalliga – das war damals die zweithöchste Liga – gespielt hat, auch im letzten Vorrundenspiel einen Sieg.

Carina Grossmann, Trainerin des Werler TV.

Grossmann geht ebenfalls davon aus, dass das DHB-Team als Erster in die Hauptrunde einziehen wird. „Das sollte machbar sein“, sagt die ehemalige Landesliga-Handballerin. Auch für sie ist Ungarn der stärkste Rivale. „Mein Team ist der THW Kiel. Ich hatte ein bisschen Bauchschmerzen, als ich gehört habe, dass gerade der Innenblock nicht mehr dabei ist. Aber ich bin sehr positiv überrascht, was die Mannschaft in den letzten beiden Qualispielen gezeigt hat.“ Von daher sei sie zuversichtlich, sagt Grossmann.

Winfried Scharf, Vorsitzender HSG Soest

Scharf geht fest davon aus, dass Deutschland Gruppenerster wird. „Sie haben das Zeug dazu. Alles andere würde mich überraschen“, sagt der Vorsitzende, der als Handballer immer für die HSG Soest (damals ASV Soest) aktiv war. Vielversprechend seien die Leistungen in den beiden jüngsten Duellen mit Österreich gewesen.

Deutsche Aussichten

Vom 20. bis zum 25. Januar wird die Hauptrunde ausgetragen – mit vier Gruppen à sechs Teams. Drei Mannschaften der Gruppe B, bestehend aus Spanien, Tunesien, Brasilien und Polen, stoßen zu den qualifizierten Teams aus der Gruppe A. Die ersten beiden jeder Hauptrunden-Gruppe ziehen ins Viertelfinale ein, das am 27. Januar stattfindet.

Wie weit kommen die Deutschen? Koerdt hofft, dass sie ins Viertelfinale einziehen. „Polen ist stark. Da tut sich Deutschland immer schwer gegen.“ Und Spanien sei sowieso eine Handball-Macht. Dennoch sei der Sprung unter die besten acht der Welt machbar, sagt der TVW-Coach, der für den TV Menden-Schwitten in der Oberliga spielte.

STV-Geschäftsführer Wolfgarten würde sich sehr freuen, wenn die Deutschen es ins Halbfinale schaffen würden. „Aber ich glaube eher, dass im Viertelfinale Ende sein wird.“

Rainer Wolfgarten, Geschäftsführer Soester TV.

Grossmann hatte am Montag zwar noch nicht nachgeschaut, „wer wie und wann wartet“. Das Viertelfinale traut die WTV-Trainerin Bundestrainer Gislason und seinen Jungs aber „auf jeden Fall“ zu.

Scharf erwartet eine spannende Hauptrunde mit Partien gegen Spanien und Polen. „Die Deutschen können ganz weit kommen. Sie sind eine Turniermannschaft, und ich traue ihnen das auch zu, dass sie weit kommen.“ Aber dafür müssten sich die Spieler „richtig zusammenfinden“, sagt Scharf.

Favoritenkreis

Gute Chancen auf den Weltmeistertitel haben für Koerdt die „üblichen Verdächtigen“. Dazu zählt er die Teams aus Skandinavien (Schweden, Norwegen und Dänemark) sowie Frankreich. „Ich weiß nicht, wo die die ganzen Leute herholen. Das ist abgefahren. Wie jung die teilweise sind“, sagt der 31-Jährige und hat Dika Mem vom FC Barcelona, den Linkshänder auf halbrechts, im Kopf. „Ich denke, dass Frankreich eine gute Rolle spielen wird.“ Spanien und Kroatien zählt Koerdt dagegen nicht zum Favoritenkreis.

Stefan Koerdt, Trainer des Landesligisten TV Wickede.

Wolfgarten hat die Osteuropäer dagegen auf dem Zettel. „Ich glaube, Kroatien wird stark sein. Favoriten sind für mich aber Dänemark, Frankreich und Spanien. Einer von den dreien wird es machen.“

Grossmann zählt „wie immer“ die Dänen und die Norweger zum Kreis der Titelanwärter. „Spanien und Frankreich sind natürlich auch immer gut dabei.“ Es seien nicht mehr so wenige Favoriten wie es mal waren.

Auch der HSG-Vorsitzende erwartet nicht, dass es eine große Überraschung geben wird. Scharf denkt gerade an die üblichen Nationen wie Spanien und Frankreich, wenn es um die Topfavoriten geht. „Auch die skandinavischen Länder spielen einen guten Handball.“ Europa sei federführend. „Ich glaube nicht, dass eine außereuropäische Mannschaft ins Endspiel oder unter die letzten vier kommt“, sagt Scharf.

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