Leichtathletik WM 2017

Lückenkemper vor Staffel-Start: „Wir haben verdammt gute Karten“

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Nach ihrer guten Einzel-Vorstellung hatte Gina Lückenkemper allen Grund zu jubeln. Mit der 4x100-Meter-Staffel könnte am Samstagabend sogar Edelmetall möglich sein.

London - Gina Lückenkemper (LG Olympia Dortmund) hat bei der Leichtathletik-WM in London heute ihren zweiten großen Auftritt. Die 20-jährige Soesterin rennt mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel um die Medaillen. Doch die Vorbereitung auf das zweite WM-Wochenende lief nicht ganz so, wie geplant.

Im Team des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) ist das Noro-Virus ausgebrochen. Anzeiger Mitarbeiter Sebastian Moritz sprach mit Lückenkemper über Begrüßungen ohne Infektionsgefahr, über Glückwünsche aus der Heimat und natürlich über die Medaillenchancen mit der Staffel.

Die wichtigste Frage, die man einem deutschen Leichtathleten bei der WM derzeit stellen muss gleich zu Beginn: Wie geht es Ihnen?

Gina Lückenkemper: (lacht) Ich weiß gar nicht, wie oft ich diese Frage in den vergangenen Tagen schon gehört habe. Mir geht es gut, ich bin gesund und ich bin jetzt schon so lange hier in London, dass ich mir auch nicht vorstellen kann, dass ich mich mit dem Noro-Virus angesteckt habe.

Bei 13 deutschen Leichtathleten besteht allerdings der Verdacht, dass sie das Virus in sich tragen. Welche Auswirkungen hat das auf den Alltag in London?

Startzeiten

Die deutsche 4x100-Meter-Staffel mit Gina Lückenkmeper startet am Samstagmittag um 11.44 Uhr deutscher Zeit auf Bahn sechs im zweiten von zwei Vorläufen. Die ersten Drei sowie zwei weitere Zeitschnellste qualifizieren sich für das Finale am Samstagabend um 22.30 Uhr. Das ZDF und Eurosport übertragen die Rennen live.

Lückenkemper: Hier stehen inzwischen überall Desinfektionsmittelspender. Wir dürfen uns das Essen in der Mensa nicht mehr selber vom Buffet nehmen, stattdessen gibt es jetzt Mitarbeiter, die das machen, weil das die Infektionsgefahr senken soll. Außerdem ist uns jeglicher körperlicher Kontakt verboten worden. Wir dürfen uns innerhalb des Teams sogar nicht mehr die Hände schütteln. Was man uns zugesteht ist der Fist Bump (Anm. d. Red.: Faustgruß) oder, dass wir die Ellenbogen aneinander drücken, um uns gegenseitig zu begrüßen oder zu beglückwünschen, mehr ist da momentan aber halt einfach nicht drin.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) hat seine Athleten und Betreuer ja inzwischen sogar auf zwei Hotels aufgeteilt.

Lückenkemper: Ja, wir schlafen hier praktisch im verseuchten Hotel. Wir sind die, die gemieden werden müssen, weil wir ja schon etwas länger in London sind und uns möglicherweise angesteckt haben können. Die Sportler und Betreuer, die etwas später angereist sind, werden in einem anderen Hotel untergebracht, damit sie sich eben nicht bei uns anstecken.

Gina Lückenkemper bei Leichtathletik-WM in London 2017

Das klingt schon ein Stück weit nach einer Ausnahmesituation. Wie beeinträchtigt das die Vorbereitung auf das wichtige Staffelrennen heute?

Lückenkemper: Wir bekommen hier nur noch physiotherapeutische Behandlung in absoluten Notfällen, wenn es also wirklich nicht anders geht. Ansonsten wurde uns die Physiotherapie verboten, weil auch da extrem viele Keime weitergegeben werden können. In unserem Zelt im Aufwärmstadion haben wir inzwischen wieder eine Deutsch-Deutsche-Grenze, da gibt es einen großen Vorhang. Auf der einen Seite sind die Gesunden und auf der anderen Seite sind wir anderen. Es gibt zwei Eingänge und so haben wir nicht wirklich viel miteinander zu tun. Das ist alles etwas schade, weil das Team dadurch ein bisschen entzweit wurde. Zumal sich der DLV im Vorfeld viel Mühe gegeben hat, um den Team-Spitit zu stärken. Aber das ist jetzt nunmal so und das können wir auch leider nicht ändern.

Lassen Sie uns noch einmal kurz zurückblicken: Der bisher schnellste Lauf Ihres Lebens am vergangenen Samstag ist jetzt eine Woche her. Viele Soester haben zu Hause mitgefiebert. Haben Sie es schon geschafft, auf alle Glückwünsche aus der Heimat zu reagieren?

Lückenkemper: Die Nachrichten bei WhatsApp habe ich inzwischen alle beantwortet. Über die Facebook-Fanseite waren es aber so wahnsinnig viele Glückwünsche, dass ich da Unterstützung brauchte. Mein Papa und mein Bruder haben mir da geholfen. Das war schon beeindruckend, was da alles gekommen ist. Einmal nach dem 100-Meter-Vorlauf, aber dann auch nochmal nach dem Auftritt im Aktuellen Sportstudio. Seitdem bekomme ich übrigens auch total viele Flachwitze zugeschickt (Anm. d. Red.: Lückenkemper hatte sich im Sportstudio als Fan der manchmal geistlosen Wortwitze geoutet).

Nicht nur Freunde und Fans, auch die Medien verfolgen die WM-Auftritte natürlich ganz genau. Googlen Sie manchmal Ihren eigenen Namen, um zu sehen, was die Medien so berichten?

Lückenkemper: Ich beschäftige mich in Form einer Presseschau schon damit. Und ja, manchmal google ich auch meinen Namen und schaue, was da so steht. Das allermeiste ist auch echt positiv, bei manchen Sachen denke ich mir „Naja...“.

Was meinen Sie?

Lückenkemper: Manche Leute haben meinen Auftritt im Sportstudio am Samstagabend kritisiert. Sie meinten, dass ich dann fürs Halbfinale am Sonntag nicht ausgeschlafen sei. Dazu muss man sagen: Der Besuch stand schon vor der WM fest, da war noch gar nicht klar, dass ich die 10,95 Sekunden laufen würde. Ich wäre auch mit einer Zeit von 11,30 Sekunden im Sportstudio gewesen. Außerdem kann ich nach solchen Rennen ohnehin nie früh schlafen und solche Auftritte machen mir Spaß, das ist keine Belastung für mich. Ich war also am Sonntag definitiv komplett ausgeruht.

Schauen wir nach vorne: Wie realistisch ist die WM-Medaille?

Lückenkemper: Wir haben wirklich verdammt gute Karten. Das Finale ist für unsere Staffel auf jeden Fall ein Muss. Und wenn wir dann im Finale nochmal wirklich ein sauberes Rennen mit guten Wechseln auf die Bahn bringen, ist da wirklich Einiges möglich. Natürlich dürfen wir uns keine Fehler erlauben. Wenn das klappt, können wir da wirklich um eine Medaille mitrennen. Da freuen wir uns wirklich auch wahnsinnig drauf, gerade, weil wir auch wieder so ein geniales Staffel-Team hier haben. Und wir haben mit unserer Staffel auch den Vorteil, dass wir in einem Hotel untergebracht sind. Wir sind also gemeinsam im Seuchen-Hotel, das macht uns stark.

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