Leichtathletik WM 2017

Lückenkemper nimmt Platz vier sportlich: „Andere waren besser“

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Auch wenn es keine Medaille gab, das Lachen fanden sie ganz schnell wieder: Lisa Mayer (von links), Tatjana Pinto, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase freuen sich über ihren vierten Platz in der 4x100 Meter-Staffel bei der Leichtathletik WM 2017 in London.

London - Ein kleines bisschen ärgerte sich Gina Lückenkemper (LG Olympia Dortmund) schon, als sie sich am späten Samstagabend vom Londoner Olympiastadion auf den Rückweg zum deutschen Mannschaftshotel an der Tower Bridge machte. Diesen Abend in London hatte sich die Soesterin eigentlich etwas anders vorgestellt.

Eigentlich sollte es der Abend werden, an dem die 20-Jährige die erste WM-Medaille ihrer Karriere gewinnt. Die Chancen dafür standen nicht schlecht, doch aus dem erhofften Erfolg wurde nichts. Die deutsche 4x100 Meter-Staffel musste sich im WM-Finale mit Platz vier zufrieden geben. Immerhin ein Platz besser als bei Lückenkempers WM-Premiere in Peking vor zwei Jahren.

„Das ist schade, wir wollten mehr, aber es ist einfach so, die anderen waren heute besser“, sagte Lückenkemper kurz nach dem Rennen im Gespräch mit den Journalisten in der Mixedzone. Das Quartett des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) war schon holprig in das Rennen gestartet. Der Wechsel von Startläuferin Tatjana Pinto (LC Paderborn) auf Lisa Mayer (Sprintteam Wetzlar) lief alles andere als optimal. Mayer war zu früh losgelaufen und musste dann wieder etwas Tempo herausnehmen, damit sie den Stab überhaupt noch innerhalb der erlaubten Wechselzone annehmen konnte. Dieser Fehler kostete wertvolle Zeit – Zeit, die man in einem WM-Finale nicht hat. Zumindest nicht dann, wenn man eine Medaille gewinnen möchte.

„Im Vorlauf war es ein Sicherheitswechsel, diesmal wollten wir ein wenig riskieren“, sagte Mayer später. Auch im Vorlauf hatten Pinto und Mayer bei ihrer Übergabe einige Hundertstelsekunden liegen gelassen. „Wir wussten, dass wir mit den Wechseln von heute Morgen nichts hätten gewinnen können, daher mussten wir ein Risiko gehen“, meinte Mayer.

Lückenkemper macht in Kurve Boden gut

Deutlich besser lief es beim zweiten Wechsel von Mayer auf Lückenkemper. Anders als noch im Vorlauf am Vormittag gab Lückenkemper hier von Anfang an Vollgas und schaffte so eine flüssige Übergabe. „Ich habe bei Lisa keine Gnade gezeigt, wie im Vorlauf“, meinte Lückenkemper, die im Vorlauf noch etwas verhalten losgerannt war. Im Finale machte sie mit einem beeindruckenden Kurvenlauf auf ihrer Teilstrecke wertvollen Boden gut und schloss so zu den führenden Staffeln aus den USA, Jamaika und Großbritannien auf. „Das war wirklich weltklasse“, lobte Lückenkempers Heimtrainer Uli Kunst, der das Rennen als einer der 60.000 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion verfolgte.

Auch der dritte Wechsel von Lückenkemper auf Rebekka Haase (LV 90 Erzgebirge) klappte ohne größere Probleme. Haase gelang es auf der Zielgeraden jedoch nicht, die drittplatzierten Jamaikanerinnen zu überholen. So kam die deutsche Staffel in 42,36 Sekunden als Vierte ins Ziel. „Wir haben alles gegeben und können mit unserer Leistung zufrieden sein“, meinte Lückenkemper später. Der vierte Platz sei keine Niederlage, vielmehr sei er eine wertvolle Erfahrung gewesen. Im Vorlauf am Samstagvormittag hatten die deutschen das drittplatzierte Team aus Jamaika noch geschlagen. Hier kam die DLV-Mannschaft in 42,34 Sekunden als Sieger des zweiten Vorlaufs in Ziel. Im Finale traten die Jamaikanerinnen in etwas anderer Besetzung an und gewannen in neuer Saisonbestzeit von 42,19 Sekunden die Bronze-Medaille. Der WM-Titel ging in neuer Weltjahresbestleistung von 41,82 Sekunden an die Favoriten aus den USA, Silber sicherten sich die Gastgeber aus Großbritannien in 42,12 Sekunden.

Kunst: So etwas gehört zum Lernprozess

„Das ist einfach ärgerlich, wenn die Wechsel geklappt hätten, dann wäre definitiv eine Medaille drin gewesen“, meinte Lückenkempers Trainer Uli Kunst am Tag nach dem WM-Finale. Für die Zukunft müssten die Sprinterinnen kritisch genug sein und bei den Wechseln mehr Selbstdisziplin und die nötige Portion Kaltschnäuzigkeit aufbringen. „Vielleicht gehört so eine Erfahrung aber auch zum Lernprozess dazu, läuferisch waren die Mädels ja schon ganz vorne mit dabei“, so Kunst.

Die deutsche Staffel war mit der drittbesten Meldezeit zur WM gefahren. Schneller als die 42,25 Sekunden des DLV-Quartetts waren vor der WM nur die Bestzeiten der Staffeln aus den USA und aus Jamaika. Dass die Deutschen auch die ganz Großen schlagen können, hatten sie bereits Ende April bei der inoffiziellen Staffel-WM auf den Bahamas gezeigt, als sie vor den Jamaikanerinnen Gold gewannen. Die USA wurden bei dem Rennen wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert.

Ihren nächsten großen Auftritt hat die deutsche Nationalstaffel bei der Europameisterschaft im kommenden Jahr. Bei der EM im Berliner Olympiastadion wollen sich die deutschen wie die Britinnen in London vorm Heimpublikum zur Medaillen tragen lassen.

Das 4x100 Meter-Finale

1. USA 41,82 Sekunden (Weltjahresbestleistung)

2. Großbritannien 42,12 Sekunden (Saisonbestleistung)

3. Jamaika 42,19 Sekunden

4. Deutschland 42,36 Sekunden

5. Schweiz 42,51 Sekunden

6. Trinidad und Tobago 42,62 Sekunden (Saisonbestleistung)

7. Brasilien 42,63 Sekunden (Saisonbestleistung)

8. Niederlande 43,07 Sekunden

Noch drei Starts

Heute Mittag wird Lückenkemper mit dem deutschen WM-Tross zurück nach Deutschland fliegen und am späten Nachmittag in Düsseldorf landen. Vorbei ist die Saison für die Soesterin allerdings nicht. Am 24. August wird Lückenkemper noch beim Meeting „Weltklasse Zürich“ im Letzigrund-Stadion laufen. Drei Tage später steht noch der Start beim ISTAF in Berlin an. Zum Abschluss sprintet Lückenkemper am 2. September noch beim Show-Wettkampf „Berlin fliegt“ vor dem Brandenburger Tor.

10 000 neue Follower

Sportlich hat Gina Lückenkemper bei der Weltmeisterschaft einen großen Schritt nach vorne gemacht. Mit ihrer neuen 100-Meter-Bestzeit kletterte die Soesterin in der ewigen deutschen Bestenliste auf den siebten Platz. Und auch im Internet hat die Soesterin während der WM deutlich verbessert. Mehr als 33 000 Facebook-Nutzer verfolgen die Bilder und Kommentare auf der offiziellen Fan-Seite der Soesterin. Das sind etwa 10 000 Follower mehr als noch vor einem Monat. Zum Vergleich: 100-Meter-Weltmeisterin Tori Bowie hat auf ihrer Facebook-Seite gut 8 900 Follower. Noch mehr Menschen erreicht Lückenkemper über ihre Instagram-Seite, hier hat sie mehr als 63 000 Abonnenten.

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