Christoph Escherhaus stellt die Änderungen vor

Neue Spielformen im Kinderfußball: „Jeder soll Erfolgserlebnisse haben“

Drei gegen drei bei den G-Junioren – das möchte der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen als neue Spielform für die jüngsten Kicker einführen.
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Drei gegen drei bei den G-Junioren – das möchte der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen als neue Spielform für die jüngsten Kicker einführen.

Die neuen Spielformen im Kinderfußball sind weiter in aller Munde. Auch wenn pandemiebedingt das Fußballtraining nur eingeschränkt möglich ist, ist das Interesse an den neuen Wettspielformaten bei den Vereinen aus Westfalen ungebrochen.

Kreis Soest – Christoph Escherhaus, Koordinator Qualifizierung im Fußballkreis Soest, stellte im Rahmen einer Online-Schulung den 35 Vertretern aus den Vereinen des Kreises die wichtigsten Änderungen vor und welche Ideen dahinter stehen. Die unterscheiden sich im Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen (FLVW) durchaus von den Ideen und Vorgaben, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gemacht hat.

„Es ist so wichtig, dass wir Kindern ermöglichen, so viel zu spielen wie möglich. Jeder soll Erfolgserlebnisse haben. Jeder soll mit einem Lächeln vom Platz gehen und sagen, das hat mir heute Spaß gemacht“, sagt der 36-jährige Lehrer aus Deiringsen.

Wenn man sich die Bolzplätze in den Städten und Gemeinden anschaut: Da ist keiner mehr.

Christoph Escherhaus, Koordinator Qualifikation Kindertraining im FLVW-Kreis.

Deshalb wird auf kleinere Teams und viel Abwechslung gesetzt. Dies soll nicht nur die individuelle sportliche Entwicklung der Kinder fördern, sondern auch den gesamten Fußball und seine Vereine an der Basis stärken. Die neuen Spielformen beziehen sich auf die Altersklassen G-, F- und E-Jugend. Der A-Lizenzler Escherhaus sagt, dass man dabei den Fußball mit Kinderaugen betrachten müsse.

Christoph Escherhaus, Koordinator Qualifikation Kindertraining im FLVW-Kreis.

Escherhaus und natürlich auch andere, die sich mit dem Kinderfußball beschäftigen, haben festgestellt, dass „uns die Straßenfußballer fehlen. Wenn man sich die Bolzplätze in den Städten und Gemeinden anschaut: Da ist keiner mehr“, sagt Escherhaus – und meint nicht nur die Corona-Zeit, sondern das als allgemeine Entwicklung und Bestandsaufnahme.

Was besagen die neuen Spielformen?

Es wird wie eine Art Treppe nach Altersstufen von der G- bis zur D-Jugend aufgebaut. Bei den G-Junioren (U6/U7) möchte der FLVW in einem 3 gegen 3 ohne Torwart spielen lassen, dazu soll maximal ein Rotationsspieler kommen, der nach einem Torerfolg eingewechselt wird. Beim DFB hingegen soll es verschiedene Schusszonen geben, das hält der westfälische Verband für zu komplex, sagt Escherhaus. Der frühere DFB-Stützpunkttrainer sagt auch, dass die beim DFB angedachten vier Tore für diese Altersstufe zu komplex seien.

Bei der F-Jugend (U8/U9) soll es im FLVW-Gebiet ein 5 gegen 5 als Spielsystem mit Torwart geben, bei den E-Jugendlichen (U10/U11) wird im 7 gegen 7 gespielt – also „klassisch wie jetzt“, sagt Escherhaus. Aber warum nicht mal ein 3 gegen 3 und zusätzlich ein 2 gegen 2? Starre Formen sollten überwunden werden, meint Escherhaus.

Dazu soll die Spielzeit 8 x 5 Minuten betragen statt 2 x 20. „Damit haben wir dann viele Ergebnisse“, sagt der A-Lizenzler. Und entsprechend würde es auch mehr Erfolgserlebnisse geben.

Einen „Auf- und Abstieg“ soll es erst ab der E-Jugend geben, sodass Siegerteams gegen andere Siegerteams spielen und Verlierer gegen andere unterlegene Teams. Und wenn zwei Vereine acht Spieler dabei haben, sollten diese auf zwei Spielfelder etwa im 4+1 gegen 4+1 und zusätzlich 3 gegen 3 aufgeteilt werden, damit alle ans Spielen kommen.

Ab wann soll das eingeführt werden?

Der DFB möchte das flächendeckend ab der Saison 2022/23 einführen. Im FLVW gibt es aber den Wunsch, es so schnell wie möglich umzusetzen. Und Escherhaus fragt: „Warum sollen wir das nicht schon im Juni machen, wenn wir wieder loslegen können? Denn warum sollten Kinder, die zum Fußball kommen oder wegen der Corona-Pandemie ohnehin derzeit nicht spielen durften, erst noch andere Spielformen lernen und mit einem 6 plus 1 anfangen?“, fragt der Trainerausbilder weiter.

Was sind die Gründe für die neuen Ansätze?

Durch die neue Ausgestaltung wird der Fußball kindgerechter. Denn: Je größer die Gruppen, desto weniger Ballkontakte haben die einzelnen Spieler. Gerade leistungsschwächere oder auch körperlich unterlegene Kinder gehen zum Teil unter und verlieren dadurch den Spaß am Spiel und die Chance auf Weiterentwicklung. Die neuen Spielformen sollen den Kindern bessere Möglichkeiten bieten, Fußball so zu spielen, dass sie häufig am Ball sind und dabei Spaß haben. Aktuell wird im Kinderfußball häufig zu früh Wert auf Taktik gelegt, worunter die Ausbildung der fußballerischen Grundlagen leidet. Dies haben viele Untersuchungen gezeigt. Die neuen Spielformen sollen diesem Problem entgegenwirken. „Und je kleiner die Spielformen, desto mehr sind die Kinder in Aktion. Die Zahl der Torschüsse, Dribblings und Ballkontakte nimmt zu und die Kinder haben deutlich mehr Erfolgserlebnisse“, führt Escherhaus aus.

 „Wenn ich ihnen zurufe, was sie zu tun haben, töte ich jede Kreativität.

Christoph Escherhaus, Koordinator Qualifikation Kindertraining im FLVW-Kreis.

Welche Rolle übernehmen die Trainer?

Die neuen Spielformen verringern den Einfluss der Trainer und Eltern auf das Wettkampfgeschehen und fördern damit die Selbstständigkeit der Spieler. „Die Rolle des Trainers verändert sich komplett und birgt Probleme. Wenn ich drei Spielfelder habe, kann ich mich nicht auf einzelne Spieler konzentrieren“, sagt Escherhaus. Die Kinder lernen, verstärkt eigene Lösungen zu finden. „Wenn ich ihnen zurufe, was sie zu tun haben, töte ich jede Kreativität“, erklärt Escherhaus. Der neue Modus bringt mit sich, dass mehr Spiele verloren und gewonnen werden, sodass Kinder auch den Umgang damit noch besser erlernen. Trainer sollten versuchen, das Spielgeschehen „immer aus der Sicht der Kinder anzugehen“, so Escherhaus. Dazu sei auch ein größerer Austausch unter den Trainern nötig. Sie müssten klären, welche Spielform sie wählen und wie sie die Teams aufstellen.

Dabei müsse die Trainerausbildung diesbezüglich geändert werden. „Was sagt ein F-Jugendlicher, warum er Fußball spielt? Ich will Tore schießen, dribbeln. Er sagt nicht: Ich will Systeme lernen“, erklärt der frühere Westfalenliga-Spieler und frühere Seniorentrainer von SG Oestinghausen.

Die Materialfrage

In den Vereinen würde es Bedenken geben, dass man für unterschiedliche Spielformen im 3 gegen 3, 5 gegen 5 oder 2 gegen 2 auch verschiedene Torgrößen bräuchte. „Es gibt Klapptore, es gibt Tore, wo man den oberen Bereich abhängen kann. Aber man kann auch einfach Stangen nehmen, um Tore zu machen“, wirbt Escherhaus bei den Trainern dafür, hier den alten Bolzplatzgedanken des „alles ist möglich“ aufleben zulassen.

Inwieweit ist es problematisch für die Torhüterausbildung, wenn in den ersten Jahren ohne Torwart gespielt wird? Wann muss Torhüterausbildung zielgerichtet beginnen?

Zwingend ohne Torhüter wird bei den neuen Spielformen lediglich in der G-Jugend (Alter: 4 bis 6 Jahre) agiert. Im Kindesalter stehen vielfältige Bewegungserfahrungen sowie Spaß und Freude am Fußball im Mittelpunkt. Positionsspezifische Aspekte, auch im Torwartspiel, spielen für den Ausbildungsgedanken noch keine Rolle. Natürlich sollen auch Torschussspiele im Training stattfinden, in denen sich jeder im Tor ausprobieren kann. „Aber in der F-Jugend hat noch selten ein guter Torwart angefangen. Marc-Andre ter Stegen vom FC Barcelona ist erst als C-Jugendlicher Torwart geworden“, sagt Escherhaus und fordert abschließend noch einmal von allen Beteiligten in den Verbänden und Vereinen „Mut zur Veränderung“.

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