Homosexualität im Fußball

„Sollte normal sein“: Heimische Kicker äußern sich zu möglichem Coming Out

Sven Mislintat, Sportdirektor des VfB Stuttgart, hält ein VfB-Trikot mit dem Aufdruck eines Regenbogens, dem Symbol für die Unterstützung von LGBTQI*
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Sven Mislintat, Sportdirektor des VfB Stuttgart, hält ein VfB-Trikot mit dem Aufdruck eines Regenbogens, dem Symbol für die Unterstützung von LGBTQI*

Über 800 Profis haben sich solidarisch erklärt für den Fall, dass sich ein homosexueller Fußballer outen sollte. Mit diesem öffentlichen Appell, den das Fußball-Magazin „11 Freunde“ in seiner jüngsten am Donnerstag erschienenen Ausgabe veröffentlicht hat, wollen sie Mitspieler zu diesem Schritt ermutigen.

Kreis Soest – Den hat bislang noch kein aktiver Profispieler in Deutschland gewagt, der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger wagte sein Coming Out 2014 nach seinem Karriereende als Fußballer. Allerdings wollen die Fußballprofis und Funktionäre wie BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke niemanden dazu zwingen, sich zu seiner sexuellen Vorliebe zu bekennen. „Das ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen. Aber wir wollen, dass sich jeder, der sich dafür entscheidet, unserer vollen Unterstützung und Solidarität sicher sein kann“, heißt es in der Stellungnahme.

Der Anzeiger hat bei Spielern, Trainern und Funktionären heimischer Vereine nachgehört, was sie von der Aktion halten und wie sie in dem Falle eines Coming Outs eines Mitspielers oder einer Mitspielerin umgehen würden.

Jari Limbrock (Spieler des Bezirksligisten SG Oestinghausen): „Es ist egal, welche ethnische Zugehörigkeit und welche sexuelle Orientierung jemand hat. Das spielt alles keine Rolle. Das Leben ist frei. Es ist schon schlimm genug, dass es in diesem Jahrhundert überhaupt noch zu solchen Diskussionen kommt. Wenn es nach einem Coming Out deswegen zu Auseinandersetzungen und Sprüchen kommen würde, stellen wir uns dagegen und schützend vor den Spieler.“

Jari Limbrock, Spieler des Bezirksligisten SG Oestinghausen.

Christopher Sander (Torwart des Landesligisten SV Hilbeck): „Ich persönlich habe damit überhaupt kein Problem. Ich würde es unterstützen, wenn jemand das Bedürfnis hat, sich zu outen. Ich hatte jemanden auf der weiterführenden Schule in meiner Klasse, der sich geoutet hat. Das war 2007, 2008, also zu einer Zeit, in der das noch nicht so präsent war. Es wurde damals von allen in der Klasse befürwortet und positiv aufgenommen. Im Sport hatte ich bislang aber noch nicht damit zu tun bei meinen bisherigen Vereinen. Ich würde aber auch niemanden zu diesem Schritt drängen. Jeder sollte für sich entscheiden, ob er sich outet oder nicht. Ich glaube, dass wir beim SV Hilbeck so aufgestellt sind, dass der Verein da mitzieht und den Spieler unterstützt. Dafür stehen wir.“

Christopher Sander (Mitte), Torwart des Landesligisten SV Hilbeck.

Yacup Durucan (Bezirksligatrainer der U23-Frauen des SuS Scheidingen): „Es gibt ja Spielerinnen, die lesbisch sind und das auch offen zeigen. Es ist ihr Leben und ihre Neigung. Ich habe damit kein Problem und auch auf dem Sportplatz habe ich noch nicht erlebt, dass es damit Probleme gibt. Als ich noch in Dortmund Fußball gespielt habe, hat sich der beste Freund eines Mitspielers geoutet. Ich persönlich habe damit absolut kein Problem.“

Ich finde das Statement von Max Kruse super, wenn er sagt, dass er sich gegen solche Blödmänner stellt, die einen geouteten Mitspieler von ihm beleidigen. Genauso würde ich es auch machen.

Sebastian Tyrala, Ex-Profi aus Bad Sassendorf

Marvin Baum (Co-Trainer des Bezirksligisten RW Westönnen): „Es ist ja eigentlich nichts Besonderes mehr. Ich persönlich glaube nicht, dass es in der Mannschaft oder im Verein Probleme gibt, wenn sich ein Spieler outet. Das große Problem wäre, wenn die Zuschauer das wüssten und dann etwas Beleidigendes rufen würden. Wenn ein Profi-Spieler sich outen würde und dann zum Beispiel als gegnerischer Spieler vor der Südtribüne in Dortmund ein Tor schießen oder den Lieblingsspieler foulen würde, glaube ich schon, dass es zu Beleidigungen kommen würde. Deswegen sehe ich das als großes Hindernis, diesen Schritt zu gehen, um sich diesen Hetzjagden eben nicht auszusetzen. Wenn sich ein Spieler von uns outen würde, glaube ich, dass die Mannschaft ihn auf jeden Fall schützen würde. Er ist ein Teil von uns und wir sind ein Team.“

Marvin Baum, Co-Trainer des Bezirksligisten RW Westönnen.

Sebastian Tyrala (bis zuletzt Spielertrainer des A-Kreisligisten BV Bad Sassendorf, jetzt Trainer des Landesligisten Türkspor Dortmund): „Für mich stellt sich die Frage, warum wir im Jahr 2021 darüber noch große Diskussionen führen. Das ist doch traurig. Wenn sich jemand outet, würde ich ihn unterstützen. Für mich würde sich nichts ändern, auch beim gemeinsamen Duschen nach dem Training oder Spiel. Ich kann einfach nicht verstehen, dass es nicht akzeptiert wird, wenn jemand schwul oder lesbisch ist, zumal das Heiraten gleichgeschlechtlicher Paare zum Glück kein Thema mehr ist. Es ist doch seine Sache.

Ex-Profi Sebastian Tyrala, bis zuletzt Spielertrainer des A-Kreisligisten BV Bad Sassendorf, jetzt Trainer des Landesligisten Türkspor Dortmund.

Ich finde das Statement von Max Kruse super, wenn er sagt, dass er sich gegen solche Blödmänner stellt, die einen geouteten Mitspieler von ihm beleidigen. Genauso würde ich es auch machen. Aber sicherlich ist es nicht hilfreich, wenn fast zeitgleich Philipp Lahm in seinem Buch davor warnt. Entscheidend ist, wie reagieren das Team und der Verein. Aber man muss sich vor einem Coming Out überlegen, wie die öffentlichen Reaktionen auch in den Medien ausfallen. Denn alles was da gesagt und geschrieben wird, darf man dann eigentlich sich nicht so zu Herzen nehmen und das kann nicht jeder. Aber noch einmal: Es kann doch nicht sein, dass wir darüber immer noch sprechen. Aber ich kann natürlich die Bedenken verstehen. Es gibt wohl auch genug gleichgeschlechtliche Amateursportler, die sich denken: Kann ich in einen Amateurverein gehen? Dabei sollte das normal sein.“

Sascha Roreger (Sportlicher Leiter des Bezirksligisten SW Hultrop): Es sollte eigentlich kein Thema mehr sein. Wenn man etwa den offenen Umgang damit im Frauenfußball sieht, dann ist es schon komisch, dass das bei den Männern ein Thema ist. Ich glaube, dass es bei den Profifußballern Angst vor einem Outing gibt und dort speziell mit den Reaktionen von den Zuschauerrängen. Ich glaube, dass wir so loyal und offen bei Schwarz-Weiß Hultrop sind. Wir befinden uns schließlich im Jahr 2021.“

Wenn ein Mann sagt, er liebt einen anderen, dann ist das einfach so – auch im Fußball. Wenn das aber etwa Zuschauer wissen, möchte ich nicht wissen, was da alles gerufen wird. Jeder sollte zu seiner Sexualität stehen können. Aber dazu braucht es eben eine gewisse Stärke.

Ibou Mbaye, Trainer SVW Soest

Ibou Mbaye (Trainer des Bezirksligisten SVW Soest): „Meine persönliche Einstellung ist so, dass wir eine gewisse Toleranz brauchen. Wenn ein Mann sagt, er liebt einen anderen, dann ist das einfach so – auch im Fußball. Wenn das aber etwa Zuschauer wissen, möchte ich nicht wissen, was da alles gerufen wird. Jeder sollte zu seiner Sexualität stehen können. Aber dazu braucht es eben eine gewisse Stärke.

Ibou Mbaye, Trainer des Bezirksligisten SVW Soest.

Denn es können ja Reaktionen kommen, die richtig wehtun können. Wenn sich bei uns jemand outen würde, hätte ich persönlich kein Problem damit und natürlich nichts dagegen. Aber ich weiß als Moslem, dass das im Islam nicht gerne gesehen ist. Ich kenne einige homosexuelle Menschen und komme super mit ihnen klar. Und so wie ich die Jungs kenne, wäre ein Outing bei uns definitiv kein Problem. Wir haben da eine große soziale Kompetenz.“

Anja Niggemann, Abteilungsleiterin Frauenfußball TuS Wickede und ehemalige TuS-Spielerin.

Anja Niggemann (Abteilungsleiterin Frauenfußball TuS Wickede und ehemalige TuS-Spielerin): „Ich finde, dass dies kein Thema im Amateur- und Profibereich im Frauenfußball ist, und das ist auch richtig so. Das ist gang und gäbe und wird toleriert und akzeptiert, auch bei uns im Verein. Jede hat die Freiheit dazu, so zu leben, wie sie möchte. Im Sport geht es sowieso um die Sache, das Sportliche und die Leistung. Wer wen liebt, ist eigentlich zweitrangig. Warum das bei den Profi-Fußballern so schwierig ist, kann ich nicht beurteilen.“

Mitmachen und unterstützen

Auch der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen tritt für einen respektvollen Umgang miteinander ein. Fairness und die Begeisterung für den Fußball sollen dabei verbinden, niemand ausgegrenzt werden. Denn: Das Thema Homophobie kennt nicht nur die Bundesliga, sondern insbesondere auch der Amateurfußball, in dem der Großteil aller Fußballerinnen und Fußballer in Deutschland aktiv ist. „Deshalb laden wir auch unsere Vereine ein, sich an der Aktion des Fußballmagazins 11Freunde zu beteiligen und ihr Statement unter dem Hashtag #IhrKönntAufUnsZählen in den sozialen Medien zu verbreiten“, teilt der FLVW auf seiner Verbandsseite mit.

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