Kirsten Heek hat in Holtum den idealen Ort für die Dressurausbildung gefunden

Dressurreiterin Kirsten Heek auf dem Gestüt Weidenhof in Holtum mit ihrer Stute „Bella Blue“

Holtum – Es ist eine abgeschiedene Idylle, die sich Kirsten Heek für ihren Neustart in der Selbstständigkeit ausgesucht hat. Seit Mai ist die früher international erfolgreiche Dressurreiterin nun Mieterin des Gestüts Weidenhof der Familie Münstermann in Holtum.

„Die Bedingungen stimmen hier einfach. Gerade im Dressurreiten ist eine gewisse Ruhe drumherum sehr wichtig“, sagt die erfolgreiche Reiterin. „Ich wollte mich verkleinern. Und ich bin dankbar, dass ich diese schöne Anlage der Familie Münstermann für meinen Ausbildungsstall nutzen kann“, sagt die diplomierte Betriebwirtin zudem.

 Sie arbeitet trotzdem nun auf einer weitläufigen Anlage, in der 22 Boxen in den Stallungen mit Pferden besetzt sind. Es gibt eine lichtdurchflutete Dressurhalle mit 60 x 20 Metern Fläche und einen Außenplatz mit denselben Maßen sowie einigen Weiden für die Pferde. Verkleinern heißt in diesen Dimensionen, dass sie und ihre Eltern den in Coesfeld betriebenen und um einiges größeren Dressurstall „Roy Blue Stables“ an den spanischen Dressurreiter Borja Carrascosa, der auf einen Start bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio hofft, und an den C&A-Erben Alexander Brenninkmeijer verkauft haben.

 Die 48-Jährige bildet auf dem Gestüt Weidenhof neben den eigenen Pferden auch Kundenpferde aus, die hier eingestellt sind. Diese soll sie formen, unterrichtet das Dressurreiten auf ihrer Anlage und hält zudem noch Lehrgänge ab. Heek bringt dabei die Erfahrung einer eigenen international erfolgreichen Karriere ein. Die aus Recklinghausen stammende Dressurreiterin holte als Junge Reiterin mit ihrem „Roy Blue“ 1992 und 1993 zweimal Mannschaftsgold sowie Einzelsilber und -bronze bei U21-Europameisterschaften. 

Dazu kam Silber bei der Deutschen Meisterschaft 1993 und vier Einzeltitel bei den „Westfälischen“ mit ihrem „Herzenspferd“, das stolze 33 Jahre alt wurde. Damals gab es noch keine U25-Reitserien, und nach dem Abitur und der Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau folgte das BWL-Studium zunächst in Bochum und in Gelsenkirchen. Parallel dazu „habe ich schon mehr Zeit im Stall verbracht“ – und ab 2005 wurde sie im „Roy Blue Stables“ in Coesfeld – benannt nach ihrem Erfolgspferd – schon professionelle Dressurausbilderin. Heek ritt weiter auf internationalem Grand Prix-Niveau, etwa mit dem dänischen Wallach „Maxim“. „Das war ein unheimlicher Kämpfer“, sagt Heek, die eine Vorliebe für „heiße und schwierige Pferde“ hat. 

Viel gelernt von einer Olympia-Starterin

„Denn es ist ein Nehmen und Geben“, sagt Heek. Ihr Handwerk als Dressurtrainerin hat sie bei Johann Hinnemann und der schon lange in Deutschland lebenden Kanadierin Leonie Bramall in Voerde am Niederrhein gelernt, später kam noch der ebenfalls in Deutschland lebende schwedische Dressurreiter Patrik Kittel als Mentor dazu. „Sie war mein sprechendes Spiegelbild“, sagt die frühere Olympia-Starterin. „Kirsten war immer sehr offen und hat viel mit Pferden gearbeitet, die nicht ganz einfach waren. Wir sind eher ungewöhnliche Wege weg von den Standard-Übungen gegangen und haben das an die Pferde angepasst. Sie betrachtet das Pferd als Individuum und vermittelt ihren Schülern diese Ansichten“, sagt die mittlerweile in Hannover arbeitende Bramall über ihre Schülerin. 

eamgold als Trainerin mit ihren thailändischen Schülerinnen Pakjira Thongpakdi und Arinadtha Chavatanont holte Kirsten Heek im Dezember 2019 in Pattaya bei den Asian Championships.

Speziell von der technischen Ausbildung durch Bramall hat Heek ganz viel mitgenommen: „Sie ist in meinem Kopf mit ihren Wörtern.“ Ihre eigene Art des Unterrichtes nennt sie „reelle Ausbildung“. Ihr Mantra ist, dass sie eine „Symbiose zwischen Schülern und Pferden“ erreichen will: „Die Pferde müssen mitarbeiten wollen. Man muss sich Zeit nehmen.“ Dazu gehört, dass sie lange Aufwärmphasen und ebenfalls lange Zeit für die Rittigkeit aufwendet.

 „Es ist nicht jedes Pferd gleich zu reiten. Ich versuche, die jungen Reiter zu motivieren, mit ihrem Sportpartner ein harmonisches Team zu werden.“ Diese seien mitunter ungeduldig – und das müsse sie ihnen abgewöhnen, damit die Kür im Dressurviereck nach Leichtigkeit und nicht nach Arbeit aussieht. Dabei stellt sie heraus, dass Pferde in der Trainingsarbeit Fehler machen dürfen. Sie sollen auch nicht zu sehr gestresst werden durch zu viel Training. So bekommen die Pferde auch täglich Freizeit und bewegen sich ohne Reiter auf den Wiesen und in der Führmaschine. „Sie werden hier wie richtige Athleten betreut“, zieht Heek einen Vergleich, und begründet das so: „Pferde sind sensibel. Sie merken, wenn ich nicht gut drauf bin. Da macht es keinen Sinn, etwas Neues einzustudieren. 

Mannschaftsgold in Thailand als Trainerin

Das muss man meist eine Woche lang nacharbeiten. Besser macht man dann an so einem Tag Basisarbeit“, hat die Dressurreiterin aus ihrer eigenen Erfahrung gelernt. Zu ihrem Team im Gestüt Weidenhof gehören fünf Angestellte, zwei davon ganztägig, drei in Teilzeit. Sie kümmern sich um die Pferde und trainieren diese. Dabei ist klar, dass Kirsten Heek als Chefin die Richtlinienkompetenz hat. „Ich habe klar mein Konzept. Zwar tausche ich mich mit meinen Mitarbeitern aus. Aber letztlich entscheide ich.“ Die Dressurschüler kommen meist aus Westfalen und Hessen in den Werler Westen, aber auch aus Thailand. 

Die Reiter aus dem asiatischen Land trainieren nun in Holtum. „Das ist eine Arbeit, die ich sehr, sehr gern mache“, sagt Heek – und die sie auch schon nach Kuala Lumpur, Jakarta oder Bangkok führte. Sie hat die Thailänderinnen auch als Trainerin bei den Southeast Asian Games zu Silber im Team und bei den Asian Games zu Bronze hinter Japan und Südkorea geführt. „Das war deren erste Mannschaftsmedaille seit 20 Jahren“, berichtet die 48-Jährige nicht ohne Stolz in ihrer Stimme. Getoppt wurde das von Mannschafts-Gold bei den Asian Championships im Dezember vergangenen Jahres in thailändischen Urlaubsort Pattaya, dazu kamen zweimal Einzelsilber und Bronze. Heek kümmerte sich dabei auch um Organisation rund um die Flugreisen der Pferde nach Südostasien und war vor Ort als Trainerin gefragt. 

So konnte sie auch einen weiteren wichtigen Bereich ihres Ausbildungskonzeptes praktisch anwenden: das mentale Training zur Stärkung der Aktiven in der Prüfungssituation. „Pferd und Reiter sollen die Leistung auf den Punkt abrufen können“, sagt Heek. Früher von ihr ausgebildete und geformte Pferde hat sie in die Vereinigten Staaten, nach Italien, in die Niederlande oder auch nach Japan oder Süd-Korea verkauft. Sie selber reitet auch noch als Mitglied des Reitvereins Lützow Selm-Bork-Olfen ab und an Turniere bis zum Grand Prix-Niveau, so zuletzt beim benachbarten Late Entry in Hamm-Rhynern. 

Dafür nimmt die Diplom-Betriebswirtin die elegante zwölfjährige „Bella Blue“, die mit einem imposanten Stockmaß von 1,80 Meter aufwartet. So entspannt, wie „Bella Blue“ für die Fotoaufnahmen trotz Essensunterbrechung bleibt, so locker zeigt sich auch Eigentümerin Heek. Sie hat sich halt verkleinert, um ihre Work-Life-Balance verbessern zu können. Das heißt, dass sie vormittags ihre eigenen Pferde reitet und nachmittags unterrichtet – und damit Dinge tut, die sie eben so sehr liebt.

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