Kicken als Zerstreuung – Flüchtlinge bei BW Eickelborn willkommen

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Gemeinsam mit Spielern der ersten Mannschaft jagten einige Flüchtlinge aus dem Nahen Osten auf dem Eickelborner Sportplatz das runde Leder; mit dabei Yussif Alrassam (Vierter von rechts oben).

Eickelborn - Mossul, Millionenstadt im Norden Iraks, seit über einem Jahr unter der Herrschaft des Islamischen Staates – das Fußballstadion durch eine Sprengung der Spielfläche unbrauchbar gemacht. Eickelborn, westlichster Stadtteil von Lippstadt, einst nordöstlichster Außenposten des Fußballkreises Soest – der Sportplatz ist trotz maroder Flutlichtanlage noch sehr gut nutzbar.

Auf dem grünen Rasen an der Rosenstraße hat Yousif Alrassam wieder die Gelegenheit, seinem liebsten Hobby nachzugehen, das in seiner Heimat verpönt ist. Der 26-Jährige suchte mit einem guten Dutzend Gleichgesinnter ein wenig Ablenkung von den schrecklichen Erlebnissen der vergangenen Monate und Jahre und fand in den Fußballern von Blau-Weiß Eickelborn Mitmenschen, die die Flüchtlinge mit offenen Armen empfingen.

16 „Refugees“, die in der Eickelborner Notunterkunft leben, hatten in der vergangenen Woche beim Training der Alten Herren der Blau-Weißen angeklopft. Kurzerhand holten die BWE-Oldies gebrauchte Fußballschuhe von zu Hause, auf dem Dachboden des Vereinsheims wurden Trainingskleidung und Trikots gefunden, die Erstausstattung der allermeisten Hobbykicker war gesichert.

Kein Wunder, dass eine Woche später am Mittwochabend wieder eine ganze Reihe von Flüchtlingen auf dem Eickelborner Sportplatz erschien, um mit den Kickern von Blau-Weiß das runde Leder zu jagen. Diesmal kümmerten sich Khodor Ballout, Trainer der ersten Mannschaft der Gastgeber, und Ali Ghaddar aus den Reihen der SG Eickelborn/Benninghausen um die kickenden Flüchtlinge.

Für sie ist die Verständigung kein Problem. Mit ihren libanesischen Wurzeln haben die beiden Eickelborner die gleiche Muttersprache wie die Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien. Auf arabisch können sie den Männern aus dem Nahen Osten vermitteln, was der Vorstand des Vereins zum Ausdruck bringen will.

Was das ist, verdeutlichten Patrick Baker, Vorsitzender Fußballabteilung, und Axel Durben, dessen Stellvertreter, im Gespräch mit dem Anzeiger. „Uns liegt die Integration am Herzen“, so Baker, der darauf verweist, dass auch in der ersten Mannschaft der SG mit Benninghausen viele Spieler mit Migrationshintergrund kicken.

Mit seiner Maxime rannte der Vorstand bei allen Beteiligten im Verein offene Türen ein, wie die spontane Hilfe beweist. „Egal, welche Hautfarbe. Hier geht es doch darum, gemeinsam Spaß zu haben“, so Baker, dem auch im normalen Fußballer-Leben in der Kreisliga das Temperament eines Fußballers mit südländischen Wurzeln durchaus sympathisch ist. „Das sind Emotionen, die können beflügeln“, wirbt er um Verständnis.

Soweit, dass auch sie in Deutschland in einer Mannschaft das runde Leder jagen können, sind Yousif Alrassam und seine Mitstreiter noch lange nicht. Schon am Wochenende ist damit zu rechnen, dass es für einen Teil von ihnen weiter geht nach Bielefeld. Damit ist die Flucht also noch längst nicht zu Ende.

„Entweder Flucht oder Kopf ab“

Eine Flucht, die für Alrassam begonnen hat, als die IS-Terroristen das Regime in Mossul übernommen hatten. Als Mitarbeiter der inzwischen abgezogenen US-Streitkräfte drohte Alrassam der Tod. „Entweder Flucht oder Kopf ab“, beschrieb der Iraker in drastischen Worte seine Wahl. Nach längerem Aufenthalt in der Türkei ging es per Boot nach Griechenland, weiter über Mazedonien und Serbien nach Ungarn, wo er Prügel von der Polizei bezog. Vor 20 Tagen schließlich erreichte Alrassam Deutschland, Tausende Kilometer fern seiner Familie.

Dass ihm und den anderen Flüchtlingen die Trennung von der Heimat überaus schwer gefallen ist, weiß, Khadour Ballout. Der SG-Trainer, der als Baby aus dem vom Bürgerkrieg geschüttelten Libanon mit seinen Eltern nach Deutschland kam, ist zwar hier längst heimisch geworden. Doch er weiß aus den Gesprächen mit den Asylsuchenden, dass die Flucht keineswegs die Rückkehr ausschließt – im Gegenteil: „80 Prozent von ihnen wollen wieder zurück, wenn die Verhältnisse es zulassen.“

Bis dahin wollen die Eickelborner den Flüchtlingen ein wenig Zerstreuung von ihrem grauen Alltag ermöglichen. Ob auch unter den nächsten Neuankömmlingen ein paar leidenschaftliche Kicker sind, bleibt abzuwarten. Die Hilfe der Blau-Weißen ist ihnen jedenfalls gewiss.

BW Eickelborn kann weiterhin Sachspenden wie Fußballschuhe oder Trainingsanzüge gebrauchen. Mit Axel Durben kann unter 0151/21735452 eine Übergabe vereinbart werden.

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