Segeln

Jenseits jeglicher Vorstellungskraft: Nonstop-Regatta Vendée Globe fasziniert

Boris Herrmann auf seiner Rennyacht „Seaexplorer“
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Boris Herrmann auf seiner Rennyacht „Seaexplorer“

Er ist sicher einer der erfahrensten – wenn nicht der erfahrenste – Segler vom Möhnesee. Er hat viele Meisterschaften mitgemacht, diverse Titel geholt. Er ist sozusagen mit allen Wassern gewaschen. Aber das, was im Moment im Segeln abgeht, was andere Wassersportler gerade leisten, das nötigt ihm allergrößten Respekt ab. 

Delecke – Die Teilnehmer der sogenannten Vendée Globe, einer Nonstop-Regatta für Einhandsegler, die auf der Südhalbkugel einmal um den Globus segeln, absolvieren damit eine Herausforderung, die für Joachim „Jocky“ Hellmich als Topsegler und erst recht für „Normalsterbliche“ eigentlich jenseits jeglicher Vorstellungskraft liegt.

Rund zweieinhalb Monate – der Rekord liegt bei 74 Tagen, drei Stunden, 35 Minuten und 46 Sekunden – sind die Segler völlig allein auf dem Wasser und allen Unbilden der Natur ausgeliefert. Rund 24 000 Seemeilen, entsprechend fast 44 500 Kilometern, gilt es zu absolvieren. „Und das in den gefährlichsten Regionen, die man ersegeln kann“, gibt Hellmich einen kleinen Einblick in das Geschehen auf dem Wasser. Sein Interesse an der „Vendée“ ist umso größer in diesem Jahr, da auch ein Bekannter von ihm die Tortur auf sich genommen hat. Boris Herrmann aus Hamburg arbeitete gut zwei, drei Monate an dem Projekt „Sailing-Team Germany Academy“, das Hellmich von 2010 bis 2013 in Kiel leitete, mit. „Da war Boris Anfang 30. Ein total fokussierter Mann, sehr sympathisch, welt- und sprachgewandt, ein toller Charakter. Ein Mann mit Ausstrahlung, Visionen und einer Mission“, beschreibt der Möhneseer den Weltumsegler, der 1981 in Oldenburg geboren wurde. „Da war schon total klar, dass er unbeirrt in die Richtung gehen würde“, erinnert sich „Jocky“ an die gemeinsamen Wochen zurück.

Kap Hoorn und Kap der Guten Hoffnung

„Es gibt nur eine mögliche Route, den Globus zu umrunden: auf der Südhalbkugel“, beschreibt Hellmich den Wettbewerb, den er „lange Zeit eher sogar verurteilt“ hat. „Das ist zu dicht am Tod, an der Schwelle zum Wahnsinn, das wäre nichts für mich. Trotzdem habe ich vor den Teilnehmern eine gigantische Achtung“, spricht er in Superlativen von der Herausforderung. „Die technischen Voraussetzungen sind im Wandel, die lebensrettenden Tools lassen das Risiko inzwischen ansatzweise kalkulierbar erscheinen.“ So gilt es nicht zuletzt, nach dem Kap der Guten Hoffnung, den Südspitzen von Australien und Neuseeland das Kap Hoorn zu umschiffen, eine der gefürchtetsten Schiffspassagen der Welt.

Wie gefährlich die Regatta ist, erfuhr Herrmann sehr direkt. Er gehörte zu den drei Seglern, die nach zwei Wochen mitten in der Nacht im Süd-Atlantik von der Wettfahrtleitung umgeleitet worden waren, um einem havarierten Teilnehmer das Leben zu retten. Eingreifen musste Boris Herrmann letztlich nicht. Das gelang einem der beiden anderen.

Wenn er es auf das Podium schafft, ist er ein Superstar!

Joachim Hellmich

Diese Aktion kostete dem Oldenburger aber viel Zeit, so bekam er vom Veranstalter eine Sechs-Stunden-Zeitgutschrift, wie Hellmich erklärte. Als der Anzeiger mit dem heimischen Segler sprach, hatte Herrmann rund 220 Kilometer Rückstand auf den Führenden. „Jocky“ rechnete schnell die Zeitgutschrift ein und kam bei einem Durchschnittstempo seines Bekannten von 17,4 Knoten oder 32 km/h auf nur noch 30 Kilometer Rückstand – eine lächerlich geringe Distanz nach rund 42 000 absolvierten Kilometern. Das wären nicht einmal eine Zehntausendstel Sekunde bei einem 100-Meter-Sprint. Gestern Nachmittag betrug der Rückstand nur 144 Kilometer.

Joachim Hellmich

Anhand der Rettungsaktion verdeutlichte Hellmich noch einmal, wie gefährlich die „Globe“ ist. Hilfe von außen, außer von den Mitstreitern, ist nicht oder kaum möglich, die Boote sind zumeist zu weit voneinander entfernt. Das Festland ist zu weit weg. Weiter als die Reichweite von Rettungshubschraubern. Am weitesten „am unsäglichen Point Nemo“, erklärt Hellmich. Das ist der Punkt in den Weltmeeren, der am weitesten von jeglichem Land entfernt ist – 2688 Kilometer. „Da ist medizinische Versorgung unerreichbar!“ Der Möhneseer kann etliche Schwierigkeiten aufzählen, die bei der Regatta für höchste Gefahr sorgen können. So weiß er, dass Herrmann einen Schaden an der Mastspitze beheben musste. „Da muss man erst passendes Wetter für die Reparatur abwarten. Und man muss immer die Angst haben, dass man sich in den Seilen verfängt und damit womöglich festhängt.“ Ein anderes Beispiel ist ein „UFO“, also ein „unidentified floating object“ oder auf Deutsch ein unbekanntes Treibobjekt wie ein über Bord gegangener Warencontainer, der schwimmt. Auch auf Zusammenstöße mit Walen oder Bruchstücken von Eisbergen müssen die Teilnehmer durchaus gefasst sein.

Extreme Vielseitigkeit

„Die körperliche und mentale Leistung ist nicht vorstellbar“, kann Hellmich über die Teilnehmer erzählen, die beim Anzeiger-Gespräch schon über 70 Tage auf See waren. Denn immer gibt es etwas zu tun: Das ständige Trimmen und Wechseln der Segel beispielsweise, um sich der Windrichtung und -stärke anzupassen, sei für eine Einzelperson eine große Aufgabe, die auch mit der nötigen Vorsicht zu erledigen sei, „damit da nichts passiert“. Es müsse eben alles alleine bewältigt werden. „Boris muss sich mit Elektrik, Elektronik, Datenverarbeitung, Hydraulik, Wetter, Klima, Strömung, Boots- und Segelreparatur, Video- und Audio-Technik auskennen“, zeigt Hellmich allerhöchsten Respekt. So sei Herrmann zum Beispiel vor die Aufgabe gestellt worden, die ausgefallene Frischwasseraufbereitung zu reparieren. Für die lebensbedrohliche Situation war letztlich ein Kabelbruch im Batteriebereich verantwortlich, wie der Möhneseer erklärt. „Ich bewundere diese extreme Vielseitigkeit, und man muss sich jahrelang auf alles vorbereiten.“ Zeit für Schlaf gebe es an Bord nur mal „15 oder 30 Minuten, wie es gerade passt. Irgendwo in einer Hängematte zwischen all dem Equipment.“

So zeigt sich Hellmich „total geflasht“ von einer Regatta, die er „in diesem Leben nicht machen würde“. Mal zwei Nächte nicht an Land – das habe er allenfalls mal bei einem Törn von der Ostsee hoch Richtung Skandinavien erlebt. „Das kann man mit nichts vergleichen“, so sein Fazit zur Vendée Globe, bei der er seinem Bekannten natürlich die Daumen drückt: „Wenn er es auf das Podium schafft, ist er ein Superstar!“

Glücksmomente

Weihnachten hat Boris Herrmann vom Südpazifik in die ganze Welt gegrüßt. „Dabei hatte er einen Weihnachtspullover an und eine Weihnachtsmütze auf. Auch daran musst du bei deinen Vorbereitungen denken. Du musst eben auch deine eigenen Glücksmomente im Voraus planen“, so Jocky Hellmich über die perfekte Vorbereitung seines Bekannten auf die „Vendée Globe“. Herrmann hat hochauflösende Kameratechnik an Bord, mit der er täglich produziert und über Satellit verschickt.

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