Fußball

Fußballprofi Lars Dietz im Interview: "Viel laufen, wenig Ball und wenig Spaß"

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Mit Dauerläufen durch die Feldflur von Bad Sassendorf hält sich Fußballprofi Lars Dietz während der Corona-Zwangspause fit.

Die Deutschen Fußballligen ruhen - das trifft auch Profi Lars Dietz. Der 23-jährige Innenverteidiger aus Bad Sassendorf steht aktuell bei Union Berlin unter Vertrag, ist aber an Drittligist Viktoria Köln ausgeliehen. Mit dem Anzeiger sprach über Corona, den Wunsch nach Normalität und Zukunftspläne.

Herr Dietz, zunächst die wichtigste Frage vorab: Was macht ein Profifußballer, wenn alle Friseure geschlossen haben?

(lacht) Es sind zum Glück nicht nur wir Fußballer betroffen. Wenn die Friseure noch länger dicht haben, bin ich gespannt, wie die Menschen aussehen, wenn sie sich selber die Haare schneiden. 

Spaß beiseite. Sie sitzen jetzt schon mehr als drei Wochen lang zuhause. Wie fühlt sich das an?

Es ist eine harte Zeit. Durch meine Handverletzung (Dietz brach sich im Spiel gegen den FC Bayern München II am 8. Februar die Hand, Anm. d. Red.) habe ich ja schon länger nicht gespielt. Aber die Situation betrifft nicht nur uns Fußballspieler, sondern die ganze Bevölkerung. Fußball ist zur Zeit Nebensache. Mir persönlich macht es natürlich auch wenig Spaß, ich sitze zuhause und muss mich fit halten.

Wie sieht das Programm aus, das Sie derzeit absolvieren?

Zurzeit ist viel laufen, wenig Ball und wenig Spaß. Dazu gibt es Stabilisationsübungen.

Fehlt Ihnen das Mannschaftstraining und die Spiele? 

Ja, ich bin Fußballer geworden, weil es mir Spaß macht. Dieses Spielen vor vielen Zuschauern, jeden Tag das machen, was ich immer wollte, das fällt für die nächste Zeit einfach weg. Und Urlaub ist es ja auch nicht. Mit dem Kopf ist man immer beim Fußball und die Läufe müssen wir auch absolvieren. Man fragt sich ständig, wie es weiter geht und wann es weiter geht.

Wie soll es denn Ihrer Meinung nach weiter gehen?

Die Hoffnung ist natürlich, dass wir die Saison sportlich zu Ende bringen können. Das wäre für die ganze Liga die beste Lösung. Aber wir müssen abwarten, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt, die Gesundheit steht an erster Stelle. 

Mittlerweile hat auch Viktoria Köln Kurzarbeit angemeldet. Steht die Mannschaft hinter der Entscheidung? 

Jeder Verein muss sich Gedanken machen, wie er die Krise bewältigen kann. Viele Vereine – vor allem in der dritten Liga – sind abhängig von den Zuschauern und dem Sport. Die Mannschaft steht selbstverständlich hinter der Entscheidung des Vereins. Der ganze Club muss jetzt zusammenhalten. 

Der 1. FC Kaiserslautern hat als einer der ersten Vereine auf Kurzarbeit umgestellt.

Lautern, 1860 München, Eintracht Braunschweig und der 1. FC Magdeburg. Das sind Vereine, die in der dritten Liga viele Zuschauer haben. Aber natürlich trifft es auch die anderen Vereine hart. 

Waldhof Mannheim will virtuelle Tickets verkaufen. Regionalligist RW Essen hat mehr als 100 000 Euro auf diese Art und Weise eingenommen. Ein Modell für alle Vereine? 

Das weiß ich nicht. Aber es ist einfach schön zu sehen, wie Fans die Vereine unterstützen. 

Das Warten auf eine Entscheidung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) geht weiter. 

Die Entscheidung möchte ich auch nicht treffen. Wenn man sich die Ligen mal anguckt: Wer steigt auf? Wer steigt ab? Wer soll das entscheiden? Und wenn am Ende eine Entscheidung getroffen wird, wird niemand zufrieden sein. Eine Lösung, die alle zufriedenstellt wird es nicht geben. Außer die Saison kann zu Ende gespielt werden.

Ihr Leih-Vertrag bei Viktoria Köln endet am 30. Juni. Wie geht es mit Ihnen weiter, wenn die Saison darüber hinaus gespielt wird? 

Es gibt viele Szenarien, die man zurzeit durchspielt. Offiziell ist die Saison am 30. Juni beendet. Da endet mein Vertrag, das heißt die Saison müsste auch bis dahin zu Ende gespielt werden. Wie sich die Vereine einigen, wenn noch weitergespielt wird, weiß ich gar nicht. Ich bin aber nicht der einzige Spieler in einer solchen Situation, bei anderen läuft der Vertrag aus, die hätten keinen Verein mehr. Das muss bei der Entscheidung vom DFB und der DFL berücksichtigt werden. 

Blickt man auf Ihre bisherige Saison, lässt sich sagen, dass es am Anfang gut lief, dann folgten Verletzungen und Niederlagen. Wie fällt Ihr Fazit bislang aus? 

Bei Union habe ich eine gute Vorbereitung gespielt, bin dann mit dem Verein so verblieben, dass ich mich noch einmal ausleihen lasse. Die sportliche Perspektive stand im Vordergrund. Ich wollte unbedingt spielen. In der 1. Bundesliga hätte ich vielleicht fünf Einsätze über wenige Minuten gehabt, oder mal ein Spiel von Beginn an. Das macht sich gut in der Vita, bringt mich aber grundsätzlich nicht weiter, wenn ich ein Jahr lang nur trainiere. Das Paket bei Viktoria hat mir am besten gefallen – auch wenn es andere Angebote gab. Die erste Zeit in Köln war super. Ich bin gut aufgenommen worden – der Verein ist super, sehr familiär. Am Anfang haben wir gegen gute Gegner, gute Ergebnisse erzielt. Dann kam ein Einbruch. 

Sie saßen Ende November eine Gelbsperre ab, sind anschließend mit einem Muskelfaserriss für vier Spiele ausgefallen. Die Spiele wurde allesamt verloren. Gibt es einen Zusammenhang? 

Nein, die Situation, dass es schlechter lief, fing auch schon in den Spielen vorher an. Aber die Niederlagenserie war sehr bitter, ich saß auf der Tribüne und habe mir natürlich etwas anderes vorgestellt. Eigentlich sollte ich dann auch schon wieder mitmachen, hatte aber einen Rückfall. Da haben wir uns medizinisch entschieden, dass ich es lieber sein lasse, um die Vorbereitung problemlos machen zu können. 

Der Plan ging auf. Nach der Pause lief es wieder. 

Wenn ich fit war, habe ich gespielt, das war mir wichtig. Bis zum Spiel gegen die Bayern-Amateure, als ich mir die Hand gebrochen habe. Die Jungs haben es aber gut gemacht. (10 Punkte aus den letzten vier absolvierten Spielen, Anm. d. Red.). 

Worauf stellen Sie sich ein, falls die Saison fortgesetzt wird? 

Elf Spiele müssten bis Mitte Juni gemacht werden, dann kommen noch Relegationsspiele. Man müsste alle drei Tage spielen. Die Belastung wäre extrem hart, wenn es über einen längeren Zeitraum der Fall wäre. In so einer Situation brechen immer ein paar Spieler weg, da ist der Kader schnell kleiner. 

Wie geht es für Sie nach der Station in Köln weiter? 

Mein Vertrag bei Union läuft noch bis 2021. Erstmal werde ich zurückgehen und die Vorbereitung mitspielen. Ich habe auf jeden Fall Bock, kann mir auch die 1. Bundesliga vorstellen. Irgendwann muss es mal klappen. 3. Liga kann ich auf jeden Fall spielen, jetzt geht es darum den nächsten Schritt zu machen. Zusammen mit Union werde ich dann im Sommer eine Entscheidung treffen. 

Stehen Sie als Leih-Spieler regelmäßig in Kontakt mit Union? 

Mit Sportvorstand Oliver Ruhnert tausche ich mich immer wieder aus. Die Mannschaft besuche ich natürlich, zuletzt war ich beim DFB-Pokal-Viertelfinale in Leverkusen. Nach dem Spiel haben wir uns noch ein bisschen unterhalten. Dann spricht man aber eher nicht über den Fußball, sondern über private Dinge.

Sie haben bei Borussia Dortmund Erfahrungen in der 1. Bundesliga gesammelt, mit Berlin in der 2. und Köln in der 3. Liga. Was haben Sie festgestellt? 

In Dortmund ist es anders als in Berlin und in Berlin ist es anders als in Köln. Einfach weil es einen anderen Fokus gibt. Union Berlin legt sich vor der Saison eine Strategie zurecht, wie sie in der Liga bleiben können. Da muss sich der BVB keine Gedanken drum machen. Dementsprechend unterschiedlich ist der Spielstil. Dortmund will schnell nach vorne spielen, den Ball halten und sich den Gegner zurechtlegen. Berlin will kompakt stehen und sich die Chancen erarbeiten. In der 1. und 2. Bundesliga wird sehr schnell gespielt, es gibt viele gute Fußballer. In der dritten Liga geht es mehr um den Kampf, wenn die Plätze zum Winter hin schlechter werden, kommt es nicht mehr so auf spielerische Dinge an. Viele Vereine wollen kompakt stehen und mit schnellen Spielern Tore erzielen. 

Passt der Kampf überhaupt zu Ihnen? 

Eigentlich lebe ich vom Spielerischen, die Erfahrung möchte ich mitnehmen. Das prägt und bringt mich weiter. 

Vier Jahre leben Sie jetzt schon als Profi. Gefällt es Ihnen noch? 

Ja, es ist das, wo ich mein Leben lang drauf hingearbeitet habe. Man hat nicht den krassen Tagesablauf, morgens ins Büro oder auf die Baustelle zu müssen und abends nach Hause. Davor habe ich sehr großen Respekt. Ich habe viel Arbeit hinter mir: Schule und Fußball zu kombinieren erfordert einen hohen Zeitaufwand. Ich musste auf viele Dinge verzichten, deswegen bin ich jetzt umso glücklicher.

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