160 Jahre 1860 München

"Der Größte war ich und kein anderer" - der Welveraner Werner Lorant im Interview

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Der frühere Fußballtrainer Werner Lorant aus Welver lebt nun auf Campingplatz am Waginger See in einem Appartement.

Waging am See - Der größte Trainer in 160 Jahren 1860? Werner Lorant wüsste da jemanden... Diese und andere beinharte Antworten bekamen wir von dem 71-Jährigen, der in Welver geboren wurde.

Beim SV Welver machte Werner Lorant seine ersten fußballerischen Schritte auf dem Weg zum Bundesliga-Profi (u.a. Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt und FC Schalke 04). Später wurde Werner Lorant zum Erfolgstrainer der 90er-Jahre beim TSV 1860 München. Uli Kellner sprach mit dem Kult-Trainer.

Hallo Herr Lorant, Corona-Starre statt Ferientrubel. Wie lebt es sich auf einem menschenleeren Campingplatz?
Bei mir ist alles wunderbar. Ist doch schön, auch mal Ruhe zu haben. Ich muss ja dreimal am Tag mit dem Hund raus, das kann ich jetzt, ohne dass ich ständig zum Bier eingeladen werde.

Sie haben also Verständnis für Einschränkungen und Maskenpflicht?
Vieles halte ich für übertrieben, aber wir sind doch selber schuld. Wo kommt denn das Virus her? Aus China, wo ich mal zwei Jahre gearbeitet habe. Was die alles fressen: Schlangen, Ratten, sogar Hund. Der gilt da als Delikatesse. Also, da hört’s bei mir auf (knurrt und streichelt Mischling Jackson unter dem Tisch).

Dann lassen Sie uns lieber über Löwen reden – über Ihre Löwen, die am Sonntag 160 Jahre alt wurden. Was löst das in Ihnen aus?
Nicht mehr viel. Ich hatte meine Zeit. Jetzt ist eine andere Zeit. Die ist nicht mehr so gut wie früher, aber das löst nicht viel aus bei mir. Ich bin jetzt auch schon zu lange weg. Wo ich nach 1860 überall war... Türkei, China, Korea ... Ich freue mich aber, dass sie (die Löwen) wenigstens noch da sind.

Ein bisschen haben die Löwen aber auch Ihr Leben geprägt. Wer Werner Lorant hört...
... das ist doch klar. Wenn man so lange da war, bleibt natürlich was hängen. Zumindest bei der älteren Generation. Die Jungen müssen erst mal fragen: Wer ist denn das überhaupt?

Von 160 Jahren TSV haben Sie immerhin zehn Jahre geprägt.
Nicht ich allein. Auch mein Präsident (Karl-Heinz Wildmoser), der leider schon gestorben ist. Wir sind zusammen bis ganz oben gekommen, haben UEFA-Pokal gespielt, Quali zur Champions League, beide Derbys gewonnen . . . Das war natürlich eine wunderschöne Zeit.

Woran lag es, dass es so stetig bergauf ging mit den Lorant-Löwen, die ja in der Bayernliga angefangen haben?
Da gab’s viele Gründe. Einer war, dass ich mir die Mannschaft so ein bisschen zusammenbauen konnte. Der Präsident hat mir da freie Hand gelassen. Wenn ich gesagt habe: ‘Den will ich haben.’ Dann hat er gesagt: ‘Okay, warte bis nächste Woche. Dann sag ich dir, ob’s geht.’ Meistens hat er vorher aber noch gefragt: ‘Haben wir keinen im Nachwuchs?’

Die berühmten kurzen Wege.
So haben wir damals gearbeitet. Bei Olaf Bodden lief es ja auch so. Er: ‘Was willst du denn mit dem langen’ Kerl?’ Sag ich: ‘Wirst schon sehen, wie gut der wird.’ Dann er: ‘Na gut, aber auf deine Verantwortung.’

Viele kannte man vorher nicht. Zum Beispiel Jens Jeremies und Roman Tyce.
Jeremies hab ich einmal in Dresden gesehen, da war der 20 oder 21. Mir war sofort klar: Den müssen wir holen! ‘Kriegst du’, hat Wildmoser gesagt: ‘Aber auf deine Verantwortung. Und wehe, er spielt nicht!’

Sehen Sie mehr als andere?
Viel mehr! Zu Wildmoser hab ich immer gesagt: ‘War ich Fußballer oder du?’ Das musst du so deutlich sagen, denn wenn wir verlieren, werd’ ja auch ich in die Pfanne gehauen – und nicht der Präsident. Wobei: Viel verloren haben wir ja nicht. Bis auf das letzte Jahr – da ist der Präsident dann leider ein bisschen verrückt geworden.

„Werner Beinhart“ – hier im Jahr 2000 – als Bundesliga-Trainer von 1860 München in seinem Element.

Inwiefern verrückt?
Er hat sich eingebildet, dass wir besser werden müssen als Bayern München. Dabei war mir klar: Das passiert nur einmal in zehn Jahren, dass du die zweimal in einer Saison schlägst.

Sind Wildmoser die Derbysiege zu Kopf gestiegen?
Ja, ganz klar. Danach konnte er überall in der Stadt rumrennen und sich feiern lassen (lacht).

Das könnte erklären, warum er Sie nach einer 1:5-Niederlage gegen Bayern vor die Tür gesetzt hat.
Nach so einem Superjahr ist es doch normal, dass du mal 1:5 verlierst. Wir konnten leider nicht so einkaufen wie die Vereine heute. Und man darf nicht vergessen: Die Bayern waren auch ein bisschen nervös. Die ganze Stadt lag uns zu Füßen – da war Meister Hoeneß richtig sauer und hat aufgepasst, dass wir nicht an denen vorbeiziehen.

Wie war Ihre Reaktion, als er Sie entlassen hat?
Da gab’s keine. Ich war beim Training und sollte danach in sein Büro kommen. Sag ich: ‘Quatsch nicht lang rum, was haste denn?’ Darauf er: ‘Ich muss dich leider entlassen.’ Ich hatte ja gewusst, was kommt. ‘Wunderbar’, hab ich zu ihm gesagt: ‘Ich hab noch ein Jahr Vertrag. Ich setz mich jetzt zu Hause in den Garten, mach mir ein Weißbier auf, dann kannst du mir jeden Monat mein Gehalt überweisen.’

Ihr Sohn Tobias soll vor Wut sein 1860-Trikot angezündet haben.
Der war so was von sauer! Ist er heute noch. Mit 1860 brauchst du ihm nicht mehr zu kommen. Aber ich? Alles kein Problem. Ein Jahr vorher wollte ich eh wechseln. Damals hätte ich mir die Vereine in Deutschland aussuchen können: Frankfurt, Dortmund, Stuttgart. Mein einziger Fehler war, dass ich zu lange geblieben bin.

1860 spielt wieder in Giesing. Eine richtige Entscheidung?
Vollkommen richtig. Die Arena war das Schlimmste für 1860. Kein Fan wollte da rein. Die Löwen gehören nach Giesing – auch wenn hinter den Häusern die Bayern sind.

Haben Sie das Wildmoser so gesagt?
Oft. Wollte er aber nicht hören. Dauernd ist er am Schluss zu den Roten hin. ‘Ich muss rüber, was bequatschen’, hat er immer gesagt. Mit dem Uli und dem Franz – da wollt’ er schön dabei sein. Verstehe ich ja, aber für 1860 war das nicht gut.

Als Folge der Stadion-Fehleinschätzung brauchte Sechzig 2011 einen Investor. Neun Jahre später ist der Verein immer noch nicht warm geworden mit Hasan Ismaik. Hätten Sie einen Lösungsvorschlag?
Da gibt’s keinen. Ich kenn’ ja diese Mentalität, hab genug mit den Menschen dort zu tun gehabt. Kannst du vergessen, dass die sich zurückziehen. Geld haben die genug, die Ölquelle läuft ja jeden Tag. Die sind auch nicht einfach im Umgang. Da hab ich genug Kampfgespräche geführt im Iran oder der Türkei.

Könnten Sie in so einer Konstellation Trainer sein?
Das würde mich gar nicht interessieren. Als Trainer zählt für mich nur: Was hab ich für eine Mannschaft? Kann ich mit der Erfolg haben oder nicht? Wie die da oben das regeln, das ist nicht meine Sache. Druck würde ich natürlich trotzdem machen (lacht).

Bei Ihnen gibt’s keine Einmischung ins Sportliche.
Niemals. Vor zwei Jahren war ich in Hallein (Dritt- bzw. Viertligist im Salzburger Land/Red.), da wollte der Investor auch reden. Sag ich: ‘Was wollen Sie? Reden? Vom Fußball?’ Sag ich: ‘Da haben Sie keine Ahnung, das mach’ ich selber.’

Könnten Sie denn mit der heutigen Spielergeneration, die viel Energie in soziale Netzwerke, Frisuren und Tätowierungen steckt?
Frisur, wenn ich das schon höre. Ich hab ja nichts gegen Haare, aber in Hallein hab ich das auch erlebt, dass ein Spieler gesagt hat: Trainer, morgen kann ich nicht kommen. Frag ich: Wieso, musst du arbeiten? Sagt er: Nee, Friseur. Pass auf, hab ich zu dem gesagt: Geh ruhig zum Friseur, aber dann brauchst du diese Woche gar nicht mehr wiederzukommen. Spielst eh nicht am Samstag. Was, meinen Sie, hätte Branko Zebec gemacht, wenn ich gesagt hätte: Ich muss morgen zum Friseur. Der hätte mich direkt rausgeschmissen! So was darfst du nie durchgehen lassen, sonst kommen alle anderen auch an.

Wie stehen Sie zu Twitter, Instagram und Facebook?
Das Schlimmste, was es überhaupt gibt. So ein Mist, da krieg’ ich doch einen Vogel. Zum Glück bin ich da nie.

Trainer könnten Sie aber schon noch sein?
Könnte ich, möchte ich aber nicht mehr. Die in Hallein rufen mich immer mal wieder an. Ich sag aber jedes Mal: Lasst mich doch zufrieden mit Euerm Rumpelfußball, geht lieber Skifahren!

Zurück zu 1860: Wer waren die größten Trainer in der Löwen-Geschichte?
Der Größte war ich und kein anderer.

Was ist mit einem gewissen Max Merkel?
Nix, da braucht kein anderer zu kommen.

Und wer war der größte Spieler, den Sie bei 1860 trainiert haben?
Da gab’s mehrere. Peter Pacult war richtig gut. Führungsspieler, Persönlichkeit – und in seinem Alter auch noch ein Vorbild. Wenn sie durch den Wald laufen mussten, hat er nicht gemeckert, sondern war immer mit den jungen Kerlen vorne. Er ist auch nicht einmal zu spät gekommen. Ein absoluter Profi.

Halten Sie es für möglich, dass 1860 noch mal an die Erfolge Ihrer Ära anknüpft?
Also, ich werde das nicht mehr erleben.

Sie wollen doch 100 werden.
Trotzdem nicht. Wie denn?

Hätten Sie keine Idee?
Ich hätte genug Ideen, aber wenn sie nicht fragen, sind sie selber schuld. Die wissen ja alles besser. Deswegen gehe ich auch gar nicht mehr hin.

Von der aktuellen Mannschaft wäre wahrscheinlich Sascha Mölders Ihr Lieblingsspieler?
Ach was! Dem kannst du ja beim Laufen die Schule besohlen. Der kann ja noch nicht mal einen ausspielen. Auf Konter spielen geht auch nicht mit dem: Wenn die einen schon im Strafraum sind, ist er noch an der Mittellinie. Weg mit dem!

Gibt es etwas, das Sie 1860 mit auf den Weg gehen wollen zum Jubiläum?
Ich hoffe, dass sie noch mal aufsteigen. Und noch mal vielleicht. Ist doch normal, dass ich denen das wünsche.

Sagen Sie das auch Ihrem 16 Jahre alten Stiefsohn?
Keine Chance. Der ist Roter und fertig. Das kriegst du nicht mehr aus ihm raus. Interessiert mich im Grunde auch nicht. Nur darf er nicht in mein Zimmer kommen mit dem roten Trikot.

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