Zwangs-Schließungen im zweiten Lockdown

Fitnessclubs im Kreis Soest zwischen Bangen und Zuversicht

Rüdiger Dirksen, Geschäftsführer des Fitnessclubs „Lippe-Vital“ in Herzfeld. 
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Rüdiger Dirksen, Geschäftsführer des Fitnessclubs „Lippe-Vital“ in Herzfeld. 

Es riecht nach frischer Farbe, überall wird geschraubt und gewerkelt. Wo vielerorts Corona-bedingt zwangsweise Stillstand herrscht, gibt es an anderer Stelle so etwas wie einen Aufbruch. Im Fitnessclub „Injoy“ am Elfser Weg in Soest wird der aktuelle Lockdown dazu genutzt, das komplette Gebäude mit den Geräten sowie die Kursräume neu zu gestalten.

Soest – „Die Schließung ab dem 2. November haben wir dazu genutzt, unser Studio quasi auf links zu drehen“. sagt Christoph Mielke, Geschäftsführer des „Injoy“-Studios. Im großen Raum mit den zahlreichen Fitness- und Sportgeräten bekommen die Wände neue und gedeckte Farben und dunklere Elemente, dazu werden große Bilder angebracht und alles erhält ein zeitgemäßeres Aussehen.

„Wir hatten den Umbau sowieso geplant. Sonst hätten wir den im laufenden Betrieb gemacht und nun ziehen wir das halt vor“, sagt Mielke. Bis Ende Januar soll das abgeschlossen sein: „So haben wir das beste aus der Situation gemacht.“ Auch die kleineren Räume wie für Yogakurse und der „Cycling Room“ werden komplett neu gestaltet. „Die Mitglieder werden sich über den neuen Look freuen können, wenn es wieder los geht“, verspricht der 56-Jährige. Er ergänzt: „Das können wir nur so stemmen, weil ein Großteil der Mitglieder die Beiträge weiter zahlt.“ Von seinen 35 Angestellten ist ein Teil in Kurzarbeit, ein anderer hilft aktuell auch beim Umbau mit. Bei denen, die weniger arbeiten, stockt der Arbeitgeber den Betrag auf.

Novemberhilfe erst als Abschlagszahlung

Mielke will sich seinen Optimismus bewahren und durch den Umbau geht der Blick automatisch auch nach vorne, zumal es auch viel zu tun gibt. „Die Umstände werden sich wieder ändern, daran glaube ich fest“, sagt Mielke.

Mario Holtewert, Geschäftsführer des Lippetaler Fitness-Centers.

Nicht ganz so zuversichtlich bewertet Rüdiger Dirksen, Geschäftsführer des Fitness-Centers „Lippe-Vital“ in Herzfeld, die Lage. Zusammen mit dem Frühjahrs-Lockdown und der aktuellen Schließung kommt auch sein Fitnessstudio auf fast sechs Monate, in denen es zwangsweise geschlossen war bzw. ist.

Bei den von der Bundesregierung beschlossenen und zugesagten Novemberhilfen in Höhe von 75 Prozent des Umsatzes aus November 2019 gab es nur eine Teilerstattung, genauso auch beim „Injoy“. „Von der Anzahlung können wir hier zwei Wochen leben. Das geht insgesamt an die Existenz“, erklärt der Herzfelder Dirksen. Die Dezemberhilfen seien noch gar nicht ausgezahlt und die für diesen Januar sind noch nicht zu beantragen.

„Dabei fallen weiter Kosten für Miete und Darlehen an“, erklärt der gelernte Sport-Physiotherapeut. Einen Teil seiner neun Mitarbeiter, darunter sind auch geringfügig Beschäftigte, ist zudem in Kurzarbeit. Für dieses Jahr sind zudem Investitionen in neue Geräte in Höhe von etwa 50 000 geplant. „Einen gewissen Standard erwarten unsere Kunden einfach“, sagt Dirksen.

Christoph Mielke, Geschäftsführer des Soester „Injoys“.

Überhaupt keine Hilfen bekommt das Lippetaler Fitness-Center von Mario Holtewert. Da er auch noch andere Betriebe habe, wurden die Zahlungen abgelehnt. „Dabei ist das eine eigenständige GmbH. Wir haben viel Geld investiert und es wird schwierig, wenn es nicht bald weiter geht“, sagt Mario Holtewert, der auch noch ein Stahlbau- Unternehmen sowie eine Eventfirma hat. „Wir arbeiten Tag und Nacht im Stahlbaubetrieb, um über die Runden zu kommen“, erklärt Holtewert.

Das benachbarte Fitness-Studio „Lippe-Vital“, in dem auch viele Ältere therapeutisch und prophylaktisch trainieren, sei auch ein „sozialer Treffpunkt. Wir haben eine relativ familiäre Atmosphäre. Einige treffen sich hier, auch um Kaffee zu trinken“, erklärt Dirksen weiter.

Viele davon beklagen, dass sich ihr körperliches Befinden durch das Sportverbot im Fitnessstudio verschlechtern würde. So würden Beschwerden an der Bandscheibe und den Hüftgelenken zunehmen, weil auch dieser therapeutische Bereich brach liegt.

Wir sind auch ein sozialer Treffpunkt. Wir haben eine relativ familiäre Atmosphäre. Einige treffen sich hier, auch um Kaffee zu trinken.“

Rüdiger Dirksen, Geschäftsführer des „Lippe-Vital“

Seine spezifisch als Sportwissenschaftler, Physiotherapeuten und auch Reha-Trainer ausgebildeten Mitarbeiter würden die Zeit für Weiterbildungen nutzen.

Während das „Injoy“ etwa 1000 Online-Kurse auf Abruf für seine Mitglieder produziert hat und zur Verfügung stellt, verzichtet Dirksen hier ganz drauf. „Die Leite versorgen sich woanders im Internet mit professionell gemachten Videos“, sagt er.

Falls es dann irgendwann wieder losgehen darf unter Hygiene-Bedingungen, die die Fitness-Studios im Frühjahr vergangenen Jahres auch schon vorlegen mussten, glaubt Dirksen nicht an eine sofortige Rückkehr seiner Kunden: „Die kommen nicht sofort wieder. Alle sind stark verängstigt.“

Christoph Mielke präsentiert auch einen Brief, in dem ein Kunde seine enge Verbundenheit zu seinem Fitnessclub ausdrückt und allen Mitarbeitern das Beste für die Zeit des Lockdowns wünscht und sich auf ein Wiedersehen danach freut.

Dabei „sind wir ein Teil der Lösung und nicht das Problem“, erklärt der „Lippe-Vital“-Geschäftsführer Dirksen und spricht auch Mielke aus dem Herzen. Denn der Muskelaufbau fördert neben der richtigen Ernährung, der Entspannung und ausreichend Schlaf die Stärkung des Immunssystems – und das ist gerade in Zeiten Von Corona elementar wichtig.

Keine Neu-Akquise von Kunden möglich

Auch wenn sowohl im „Injoy“ als auch bei „Lippe-Vital“ die Kunden insgesamt treu seien, kommt es doch zu einer gewissen Fluktuation und durch die aktuelle Schließung ist das Gewinnen von Neu-Kunden gar nicht möglich.

Der „Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen“ hat in einem offenen Brief an die Bundesregierung auch darauf hingewiesen, dass in denen „für die Branche wichtigen Monaten Januar und Februar in der Regel die meisten Neuverträge abgeschlossen“ werden. „Es handelt sich somit um die umsatzstärksten Monate. Aufgrund des erneuten Lockdowns und der wiederum damit verbundenen Schließung aller Fitness- und Gesundheitsanlagen ist dieses so wichtige Geschäft – das die natürliche Fluktuation ausgleicht – nicht möglich“, heißt es weiter.

Denn gerade am Anfang des Jahres würden viele ihre guten Vorsätze zum neuen Jahr umsetzen und wollen mehr für ihre Gesundheit tun. „Sie wollen den Weihnachtsspeck los werden“, sagt Mielke. Dirksen bestätigt: „Auch im vergangenen Frühjahr fiel die Akquise neuer Kunden aus – und jetzt haben wir ebenfalls wieder diese Situation.“

„Wir hoffen, dass es in absehbarer Zeit los geht und wir den Menschen wieder zur Verfügung stehen“, sagt Mielke und behält seine Zuversicht. „Die Menschen wollen gerne etwas für sich tun – und das in Gesellschaft.“

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