Leistungssportler Pferd: Athlet unterm Sattel

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Hoch über der Staumauer in Günne haben Reiterin Heike Papenhoff  und Ross die Muße, langsam voneinander loszulassen –Dressur-Ass Fido hat sich mit seinen 18 Jahren die „Rentnerweide“ redlich verdient.

Kreis Soest - Pferde sind auch nur Menschen – zumindest die Leistungssportler unter ihnen. Gut, sie posten keine Urlaubsfotos von Yachten vor Dubai, aber was sie von eher gemütlich veranlagten Artgenossen unterscheidet, erinnert doch sehr an jene Unterschiede zwischen Menschen wie Dich und mich und solchen, denen außergewöhnliches Talent und ebensolcher sportlicher Ehrgeiz gegeben ist. Körperliche Klasse und charakterliche Tugenden sind bei Vier- wie bei Zweibeinern gefordert – welche das sind, darüber kann Heike Papenhoff viel erzählen.

 

Die „ambitionierte Amateurin“ hat bereits einen beträchtlichen Teil ihrer Kindheit auf dem Rücken von Pferden verbracht und ist seitdem, inzwischen 53 Jahre alt, nie wieder richtig abgestiegen. Geboren in Bochum, seit einiger Zeit aber am Möhnesee in Günne in Sichtweite der Staumauer lebend, hat sie im Laufe der Zeit viele Pferde ausgebildet, ist mit ihnen Dressurprüfungen bis hinauf aufs S-Niveau geritten, war mit ihnen erfolgreich und durchschritt gemeinsam mit ihnen auch Täler der Enttäuschungen. Beides, so sagt sie, ist eine untrennbar miteinander verbundene Leistung von Reiter und Pferd – gegeneinander geht da gar nichts. 

Nicht wegzudiskutieren ist natürlich ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen tierischen und menschlichen Sportlern auf hohem Niveau: Kein Pferd wählt diesen Karriereweg und teilt das seinem Besitzer mit – im Gegenteil: Der (oder die) trifft diese Entscheidung alleine. Dabei ist der Reitsport natürlich ein Bereich, in dem es auch um viel Geld geht. „Es wäre naiv zu glauben, dass vor diesem Hintergrund junge Pferde immer entsprechend ihrer tatsächlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse ausgebildet würden“, weiß Papenhoff. Aber: Ohne sich aufeinander einzulassen, ohne tatsächlich Partner zu werden, kann es nichts werden mit dem langen Ritt an die Spitze. 

Und ohne viel Training auch nicht – in endlosen Stunden fernab aller Rampenlichter. Nicht nur bei Springpferden mit der Fokussierung auf die beim Absprung und der Landung extrem beanspruchte Muskulatur, geht es dabei ganz wesentlich um physische Fitness, auch im Dressurviereck sind kraftlose Pferde unweigerlich überfordert, wenn sie vor strengen Richtern, die auf jedes Detail achten, Höchstleistungen bringen sollen. 

Was Heike Papenhoff im Fachjargon mit „gymnastizieren“ beschreibt, ist über viele Jahre hinweg ein kontinuierliches Entwickeln der körperlichen Stärken, die bei außergewöhnlich talentierten Dressurpferden schon im Fohlenalter entdeckt und dann spätestens ab dem Alter von drei Jahren gezielt gefördert werden. Die Physis des Tieres wird dabei, wenig verwunderlich, mit viel Bewegung trainiert – dazu gehören schnelle Wechsel zwischen den Gangarten, aber auch lockere Ausritte und, wenn möglich, Training im Wasser mit seinen sanften Widerständen. 

Erfolg, so Heike Papenhoff, ist aber nicht nur eine Frage des Fitnesslevels – wie beim menschlichen Profisportler muss dafür nicht nur der Körper willig, sondern auch der Geist stark sein. Lust auf Leistung, und dann noch punktgenau zu einem Termin, den das Pferd kaum in seiner Lebensplanung berücksichtigt haben dürfte – wie geht das? 

Auch hier bemüht Heike Papenhoff die über Jahre gewachsene gegenseitige Sensibilität von Ross und Reiter füreinander als Erklärung. „Wenn es gut läuft spüre ich, dass mein Pferd für mich kämpft“, beschreibt sie die Magie eines Momentes im Dressurviereck, den so wohl nur Sattelmenschen nachfühlen können. Für alle anderen: Zwang, übertriebener Druck und ein hypersensibles oder gar ängstliches Tier sind das Gegenteil von hilfreich, wenn es drauf ankommt – eine „Rampensau“ unterm Sattel zu haben, die den Ritt vor manchmal Tausenden von Zuschauern genießt und genau dann zur Höchstform aufläuft, kann dagegen sehr hilfreich sein. Sowohl für den Seelenfrieden beider Sportler, als auch eine hohe Punktzahl, also eine gute Platzierung. 

Allerdings, weiß Papenhoff, gibt es unter den vierbeinigen Stars in der Dressurwelt durchaus auch eher introvertiertere Charaktere, die mit ihren deutlich temperamentvolleren Konkurrenten mithalten können.

Bis irgendwann, auch hier ist die Analogie zum zweibeinigen Leistungssportler nicht zu übersehen, die Zeit des Loslassens kommt: Der Zahn der Zeit nagt am Top-Athleten Pferd ebenso unweigerlich wie am Top-Athleten Mensch. Das kann bekanntlich für Letztere eine Herausforderung sein, an der so mancher scheitert: Ohne den sportlichen Erfolg und die damit verbundene Anerkennung fehlt ein wesentlicher Faktor zum Glück – das Leben danach scheint trist und grau. 

Für die „Rentner“, die Heike Papenhoff durch ihre sportliche Karriere begleitet haben, ist der Ruhestand dagegen vor allem grün – wie das Gras auf den Weiden, die irgendwann Reithalle und Viereck abgelöst haben. Leise Wehmut, räumt Papenhoff augenzwinkernd ein, beschränkt sich da weitgehend auf ihre eigene Gefühlswelt: „Diese innige Verbundenheit ist etwas sehr Intensives, dem ich dann wohl länger hinterher trauere als meine Pferde. Die finden in der Herde schnell neue Freunde – und ich glaube nicht, dass dabei sportliche Erfolge noch wirklich wichtig sind“.

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