Serie 50 Jahre Frauenfußball

Christin Wiemer und das Wir-Gefühl beim Mannschaftssport

Christin Wiemer mit einigen Erinnerungsstücken aus ihrer Laufbahn.
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Christin Wiemer mit einigen Erinnerungsstücken aus ihrer Laufbahn.

Niederense/Bremen – Christin Wiemer (geborene Willenborg) ist auf die Zielgeraden ihrer Fußball-Laufbahn eingebogen. „Das ist mein letztes Jahr, aber das glaubt mir noch keiner“, sagt die 30-Jährige bestimmt. Und geht es nach ihrem Wunsch, endet die Saison der Kreisliga Lippstadt/Soest (wenn sie denn irgendwie zu Ende gespielt und gewertet wird) für sie und ihren TuS Bremen mit der Meisterschaft und dem Sprung in die Bezirksliga.

Das wäre für die zweifache Mutter der dritte Aufstieg mit den Husaren nach dem Titelgewinn gleich im ersten Seniorenjahr 2007 und später noch in 2017. Auf Platz drei liegt der TuS aktuell nach sechs Spieltagen mit einem Zähler Rückstand auf das Spitzenduo SuS Störmede und MFFC Soest als einzig ungeschlagenes Team der Liga. Von den 27 erzielten Saisontoren gelangen der offensiven Mittelfeldspielerin fünf.

Taktgeberin im zentralen Mittelfeld

Sie ist als eine der erfahrenen Spielerinnen im Team auch Taktgeberin in zentaler Rolle und Führungsspielerin. „Es wäre für mich ein schöner Abschluss. Auch wenn unser Trainer Jörg Ladkau niemals das Wort Aufstieg in den Mund nehmen würde, bin ich schon so ambitioniert und ehrgeizig“, sagt Christin Wiemer.

Mit dieser Einstellung zieht sie auch ihre Mitspielerinnen mit. Das würde man auch in der aktuellen Situation merken, in der kein gemeinsames Training möglich ist. Wenn Spielerinnen die Ergebnisse ihrer gelaufenen Kilometer in der Mannschaftsgruppe posten, würde das andere auch animieren.

Auf jeden Fall wird Wiemer den Zusammenhalt im Mannschaftssport vermissen. „Man fühlt sich als eins – und das intensiv. Ich brauche das ganz arg, das Teamgefühl“, versucht die Erziehungspflegerin in einer Tagesstätte für psychisch erkrankte Menschen den Wert des Teamgeistes zu beschreiben. So stand Wiemer auch acht Wochen nach der Geburt ihres zweiten Sohnes wieder auf dem Platz.

Die Sachen, die wir früher hatten, waren XXL und fast Zelte. Wir dürfen jetzt auch Trikots anziehen, die uns passen.

Christin Wiemer

Dazu gehören für die routinierte Fußballerin auch die Abschlussfahrten etwa nach Zandvoort, Kalkar und auch Mallorca, die sie auch mit organisierte. „Bei der ersten Mannschaftsfahrt nach Cochem an der Mosel musste ich noch meine Mutter um Erlaubnis fragen, weil ich noch nicht volljährig war“, erinnert sich die routinierte Spielerin. Auch das Outfit habe sich im Laufe der Jahre sehr zum Positiven verändert. „Die Sachen, die wir früher hatten, waren XXL und fast Zelte. Wir dürfen jetzt auch Trikots anziehen, die uns passen.“

Sie und ihre Teamkameradinnen haben sich darüber hinaus auch dauerhaft verewigt mit einer Stickeraktion. Die an einer Kleidermarke angelehnten Aufkleber wurden – bis zu dem Corona-bedingten Reisebeschränkungen – quasi weltweit in der Nähe von Sehenswürdigkeiten angepappt und „sind auch in und an den Kabinen unserer Gegner zu finden“, grinst Wiemer.

Das Bremer Meisterteam der Saison 2016/17 mit Christin Wiemer (unten 3. von links).

Dass sie so einen guten Draht zu den jüngeren Spielerinnen im Team hat, ist auch ihrem vorherigen Engagement als Jugendtrainerin zu verdanken. Von 2006 bis 2009 trainierte sie in ihrem Wohnort Niederense die D-Mädchen. „Ich bin erst als Betreuerin angefangen und wurde schnell Trainerin“, erzählt die Erzieherin über ihre Anfänge mit 16 Jahren. Einen Trainerschein hat sie dabei nie gemacht. „Den hätte ich zu Beginn machen müssen. Später kamen so viele Sachen dazu, dass keine Zeit mehr dafür blieb“, begründet Wiemer.

Danach ging es mit einem Großteil der Mädchen mangels Perspektive zum TuS Bremen, die dort zunächst zusammen eine Spielgemeinschaft bildeten. Dort war sie bis 2015 weiterhin als Jugendtrainerin und auch stellvertretende Geschäftsführerin aktiv bis zur Geburt ihres ersten Sohnes im Jahr 2015. Zuvor war sich auch federführend bei der Gründung eines D-Juniorenteams im Jahr 2011.

Auszeichnung mit Förderpreis

In 2013 wurde sie vom Lions Club Werl mit dem Förderpreis „Junges Engagement“ bedacht. „Geht es um Mädchenfußball beim TuS Bremen, geht alles über Christin und ohne sie nichts. Und das, obwohl sie selbst aktive Spielerin in der Bremer Damenmannschaft ist. Christin schultert mit ihrem jahrelangen Engagement, ihrer Verlässlichkeit, ihrem Organisationstalent und ihrer Energie und Lebensfreude Lasten, die viele Ältere scheuen“, heißt es in der Laudatio zu dem Preis durch das ehemalige TuS-Vorstandsmitglied Andreas Lange.

Nicht nur daran erkennt Wiemer, dass die Akzeptanz für Frauenfußball deutlich angewachsen ist. „Man hatte oft mit Vorurteilen zu kämpfen. Heute ist das eine ganz tolle Zusammenarbeit mit den Vorstand und allen Männermannschaften. Seitdem wir die Heimspiele zusammengelegt haben, stehen die sonntags am Platz und schauen bei uns zu“, berichtet die Mittelfeldspielerin.

Die 1000 Euro Preisgeld für die Auszeichnung durch den Lions Club flossen auch zum Großteil in die Mannschaft – eine tragbare Musikanlage wurde davon für das Mädchenteam angeschafft – zur Stärkung des Wir-Gefühls.

Und die Mädchen, die sie einst trainiert hatte, wechselten irgendwann in den Frauenbereich. Christin Wiemer sammelte in der Anfangszeit die jungen Spielerinnen auch in Niederense ein, da diese ja noch kein Auto hatten.

Sie half auch beim Übergang für die B-Juniorinnen in den Seniorenbereich, sportlich wie auch mental. „Es war mir wichtig, auch ihre Ansprechpartnerin zu sein und ihnen bei dem Wechsel auch die Furcht zu nehmen.“

Dass sie zum Fußball kam, verdankte sie ihrem Beharrungswillen und auch dem Zufall. „Ich habe mit den Jungs aus meiner Klasse auf dem Bolzplatz gespielt. Meine Mutter fand das eher nicht so gut. Aber auf einem Foto auf dem Sportplatz habe ich meine Mutter erkannt – im Fußball-Trikot. Da konnte sie nichts mehr sagen.“

Wenn die aktuelle Saisonvorüber ist, ist die Zeit gekommen, „in der meine Kids mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Der Große ist auch selber angefangen, Fußball zu spielen.“ Also bleibt sie auf anderer Weise ihrer Leidenschaft Fußball treu...

Serie 50 Jahre Frauenfußball im Kreis Soest

In diesem Herbst ist es 50 Jahre her, dass der Frauenfußball aus seinem Schattendasein getreten ist. Am 31. Oktober 1970 beschloss der DFB-Bundestag, sein Verbot des „Damenfußballs“ von 1955 zu kippen. Einen knackigen DFB-Slogan gibt es zum Jubiläum: „Früher nicht erlaubt. Heute verboten gut.“ In der Nachkriegszeit war es genau dieser DFB, der seinen Mitgliedern untersagte, Frauenteams zu gründen oder auch nur auf Vereinsanlagen spielen zu lassen. Der Anzeiger berichtet diesmal über die Bremer Spielerin Christin Wiemer.

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