Revierderby: Widerspruch und Abweichen Teil der Inszenierung

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Martin Winands

Bielefeld - Drei Tage vor dem Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 treffen sich in Bielefeld rund 30 Fan-Forscher aus ganz Deutschland. Die Experten kommen zusammen, um sich besser zu vernetzen, das Revierderby ist dabei am Rande ein Thema.

An der Uni Bielefeld treffen sich an diesem Donnerstag rund 30 Fan-Forscher aus Deutschland, um sich in ihrem Forschungsfeld besser zu vernetzen. Martin Winands von der Fachstelle "Fußball und Konflikt" am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) ist einer der Experten. Der Sozialwissenschaftler will mit dem Treffen die Verankerung der Fanforscher in Deutschland vorantreiben. "Während sich zum Beispiel in England teilweise ganze Institute an Universitäten der Fan-Forschung widmen, sind es in Deutschland überwiegend einzelne Personen, die - neben zahlreichen anderen Feldern - den Bereich Fußball behandeln", sagt der Forscher.

Was ist das schwierigste für einen Fan-Forscher?

Martin Winands: Wir müssen Zugang bekommen zu den Fangruppen, das ist sicherlich das große Problem. Gerade die Ultras unter den Fußballfans sind eine extrem sensible Gruppe. Um da erfolgreich zu sein, müssen wir langfristige Vertrauensverhältnisse aufbauen. Gibt es da auch nur kleinste Probleme, verschließen sich diese Gruppen wieder.

Das anstehende Revierderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 boykottieren die Gäste-Ultras. Sie fühlen sich durch die Vorgaben des Sicherheitskonzepts der Polizei zu sehr gegängelt. Warum fällt es diesen Gruppen schwer, sich an Regeln zu halten?

Winands: In Jugendkulturen gehören immer ein abweichendes Verhalten und auch Widersprüchlichkeiten dazu. Die Ultras setzen geradezu darauf. Das ist wichtig, um sich zu inszenieren. Auf der einen Seite setzen sich diese Gruppen zum Beispiel für niedrigere Eintrittspreise ein. Das findet jeder Fußball-Fan dann toll, aber Ultras setzen sich eben wie bei der Pyrotechnik auch für ihre eigenen Rechte und Regeln ein, die nicht immer mit dem gesellschaftlichen Normensystem übereinstimmen. Und wenn es dann Sanktionen von der Polizei gibt, passt das nicht mehr zusammen.

Aber kommt das dann nicht einem rechtsfreien Raum im Fanblock gleich? Ist das nicht ein Machtanspruch, den sich die Vereine und die Polizei nicht gefallen lassen dürfen?

Winands: Das Verhältnis zwischen Verein und Ultra-Gruppen ist in jedem Club unterschiedlich. Da gibt es keine pauschale Aussage. Vereinzelt aber gibt es in der Tat Abhängigkeiten. Meine eigene Studie zeigt etwa, dass sich in manchen Stadien eine Abhängigkeit der Stimmung von Ultra-Gruppen etabliert hat. Wenn Ultras damit drohen, im Stadion still zu sein und keine Stimmung mehr im Stadion zu verbreiten, dann ist das auch für die Vereinsführung eine schwierige Situation.

Was hilft dann?

Winands: Schwerwiegende Konflikte gilt es zu bearbeiten, weshalb ich nur betonen kann, auch in schwierigen Situationen stets dialogbereit zu sein. Mitunter ist es empfehlenswert, Lösungen mit Unterstützung externer Beratung zu suchen. Die Aufkündigung eines Dialogs sollte in einer auf Austausch basierenden Gesellschaftsform wie der unseren keine Lösung sein. Das gilt aber für alle Beteiligten.

Zur Person:

Dr. Martin Winands (33) forscht seit 2010 am Bielefelder Institut für interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung (IKG). 2014 hat er die Beratungsfachstelle "Fußball und Konflikt" aufgebaut. - dpa

Quelle: wa.de

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