BVB-Reise nach Auschwitz: "Müssen uns selbst auf den Weg machen"

+

Die 26-jährige Pia Horsthemke aus Dortmund war eine der Teilnehmerinnen der jüngsten Bildungsreise nach Auschwitz. Im Gespräch mit Jens Greinke schildert die hörbehinderte Gebärdensprach-Dozentin ihre Eindrücke.

Was war Ihre Motivation, diese Reise mitzumachen?
Mich interessiert natürlich das Thema. Es ist für mich sehr wichtig, dass das nicht in Vergessenheit gerät. Wir sind mittlerweile in der dritten Generation danach, die Zeitzeugen sterben aus. Deshalb ist es wichtig, dass sich unsere Generation so langsam selbst auf den Weg macht. Hinzu kam, dass dies eine inklusive Fahrt mit Gebärdensprach-Dolmetschern ist. Das ist für mich sehr hilfreich. Ich kann zwar Lautsprache auditiv wahrnehmen. Doch es ist ohne Dolmetscher sehr anstrengend für mich, allem zu folgen.

Sie sind selbst oft im Dortmunder Stadion. Wie empfinden Sie es, wenn es Spruchbänder oder andere Aktionen gibt, die am rechten politischen Rand zu verorten sind?
Das finde ich natürlich nicht in Ordnung. Aber als Einzelperson kann man da meiner Ansicht nach nur wenig bewirken. Dem kann man sich nur gemeinschaftlich entgegen stellen, wie zum Beispiel mit Projekten wie diesem. Ich sehe diese Reise deshalb auch als Symbol, als ein Zeichen gegen rechte Aktionen. Es ist wichtig zu verstehen, warum es zu einem Auschwitz gekommen ist - und daraus Erkenntnisse zu ziehen. Zu erkennen, wenn sich heutzutage neue Strukturen bilden, die ähnlich sind.

Wie wichtig ist für Sie während dieser Reise die intensive Vor- und Nachbearbeitung der einzelnen Programmpunkte?
Ich empfinde es als sehr wichtig, dass wir gut vorbereitet in die Programmpunkte gehen. Und im Nachgang noch einmal Möglichkeit und den Raum dafür haben, das Erlebte gemeinsam zu besprechen und zu verarbeiten. Zum anderen erfahren wir hier viel mehr Dinge, als die meisten anderen Besucher der Gedenkstätten. Wir lernen so gut wie sämtliche verschiedene Perspektiven kennen: den Blick der Opfer, den Blick der Täter. Das Programm ist sehr vielfältig.

...und es geht über sieben Tage und ist sehr anspruchsvoll.
Ja, stimmt. Man wird mit vielen Bildern und Informationen konfrontiert, die sehr belastend sind. Ich selbst brauchte beispielsweise gestern Abend, nach drei Tagen Programm, auch mal meine Zeit für mich. Es ist halt mental sehr anstrengend festzustellen, welches System hinter diesem strukturierten Massenmord steckte. Das muss man erst einmal sacken lassen. Während meiner Schulzeit ist dies nicht so deutlich geworden.

Was ist das Wichtigste, was Sie von dieser Reise mit nach Hause nehmen werden?
Zum einen, dass ich mir immer einen kritischen Blick bewahren werde. Wir haben hier zum Beispiel gelernt, dass man sich durch Fotos nicht täuschen lassen darf. Viele historische Aufnahmen aus Auschwitz, die wir uns angesehen haben, haben nicht zu den Aussagen gepasst, die damals gemacht wurden. Oft schienen die Menschen auf den Fotos sehr ruhig zu sein. Aber wenn man die Zitate dagegen gehalten hat, war dem überhaupt nicht so. Zum anderen, dass jeder sensibel und kritisch bleiben muss, was aktuelle politische Entwicklungen angeht. Viele Menschen lassen sich heute durch Aussagen aus einer bestimmten Richtung beeinflussen, kennen aber die Hintergründe nicht. Ich glaube, dass da auch sehr viel Unwissenheit herrscht.

In Deutschland sind in den vergangenen Jahren viele Flüchtlinge angekommen. Vergleicht man das mit der Situation damals?
Das ist ein sehr emotionaler Punkt, an dem man Parallelen ziehen kann. Die Menschen, die heute zu uns kommen, bringen auch eine Geschichte mit, warum sie irgendwo vertrieben worden sind. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, genau hinzuschauen, woher diese Menschen kommen und warum sie kommen.

Hintergrund: Die BVB-Fanprojekte zur historisch-politischen Bildung

Seit dem Jahr 2008 macht der BVB seinen Fans Angebote zur historisch-politischen Bildung. Den Anfang bildeten gemeinsame Besuche der Gedenkstätten Dachau und Sachsenhausen, die an die Bundesliga-Auswärtsspiele der Borussia in München und Berlin gekoppelt waren. Seit 2011 bilden regelmäßige Erinnerungs- und Bildungsprojekte eine wichtige Säule der Antidiskriminierungsarbeit des Vereins.

Die Besuche in Auschwitz oder Lublin mit den Gedenkstätten Majdanek sowie Belzec und Sobibor werden von einem aufwendigen Konzept flankiert. Dazu zählt eine intensive wissenschaftliche und pädagogische Vor- und Nachbereitung durch die mitreisenden Fachkräfte, die die Teilnehmer betreuen. Zudem bieten die Reisen die Möglichkeit, sich im geschützen Raum mit den unterschiedlichen Aspekten des Holocaust auseinanderzusetzen.

Seit Beginn der Projekte haben über 800 Menschen im Alter von 14 bis 76 Jahren an den Reisen teilgenommen. Neun Reisen fanden bislang mit BVB-Fans statt, zwei Reisen mit Mitarbeitern der Borussia und Evonik.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare