Zeuge gegen Karadzic: "Muslimen Kehlen durchschnitten"

+
Radovan Karadzic war bis zu seiner Verhaftung im Juli 2008 einer der meistgesuchten Männer der Welt.

Den Haag - Erschlagen, erschossen, oder mit durchschnittener Kehle in Gräber gestoßen - so wurden im Bosnienkrieg nach Aussagen des ersten Zeugen im Völkermordprozess gegen Radovan Karadzic muslimische Gefangene umgebracht.

Der Zeuge hatte auch schon im Prozess gegen den früheren serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic ausgesagt, der im März 2006 im Untersuchungsgefängnis des Jugoslawien-Tribunals in Scheveningen starb. Zulic soll später auch für ein Kreuzverhör durch den Angeklagten und die Richter zur Verfügung stehen. Karadzic werden in elf Fällen Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkrieges 1992-1995 vorgeworfen.

Bei der Schilderung der Gräueltaten zeigte der angeklagte einstige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic am Dienstag keine Gemütsregung. Er werde in dem Verfahren von seinem Recht Gebrauch machen, falsche Aussagen richtig zu stellen, erklärte der 64-Jährige zum Auftakt der mehrmonatigen Beweisaufnahme in seinem Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag.

Protokoll des Grauens

Nach einer erneuten, sechswöchigen Unterbrechung, die Karadzic durch Verfahrensanträge erreicht hatte, rief die Staatsanwaltschaft jetzt einen früheren Insassen eines bosnisch-serbischen Gefangenenlagers für Muslime als ihren ersten Zeugen auf. Ahmet Zulic schilderte in einer umfangreichen schriftlichen Aussage, die durch Befragungen ergänzt wurde, grauenhafte Verbrechen, für die Karadzic als damaliger Präsident der bosnischen Serbenrepublik Verantwortung tragen soll.

Zulic erklärte unter anderem, er habe beobachtet, wie in einem Gefangenenlager in der Region Sanski Most im Nordwesten Bosniens 20 muslimische Männer gezwungen wurden, ihre eigenen Gräber zu schaufeln. “Dann schnitten sie ihnen die Kehlen durch oder töteten sie durch Schüsse.“ Er selbst habe nur überlebt, weil Russland bei den serbischen Führung intervenierte nachdem Bilder von halbverhungerten muslimischen Gefangenen um die Welt gingen. In seiner fünfmonatigen Haftzeit sei er schwer geschlagen worden, so dass er Kopfverletzungen und Rippenbrüche erlitt. Zudem sei er völlig abgemagert.

Anklage: Völkermord in Srebrenica

Zu den Hauptanklagepunkten gehört die mutmaßliche Verantwortung für den Völkermord an etwa 8000 Muslimen in der UN-Schutzzone Srebrenica durch bosnisch-serbische Truppen im Juli 1995. Ihm wird auch die 44 Monate während Belagerung und der andauernde Beschuss Sarajevos durch Scharfschützen zur Last gelegt, wodurch fast 11 000 Zivilisten umkamen - unter ihnen 1600 Kinder.

Karadzic, der im Juli 2008 nach 13-jähriger Flucht in Belgrad festgenommen wurde, hat die Vorwürfe als “fabrizierte Lügen“ zurückgewiesen. Den Völkermord von Srebrenica bezeichnete er im März bei der Eröffnungserklärung zu seiner Verteidigung als “Mythos“. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe.

Vor zwei Wochen war der Angeklagte mit einem Versuch gescheitert, seinen Prozess um weitere Monate zu verschieben. Die Berufungskammer des Jugoslawien-Tribunals für das ehemalige Jugoslawien lehnte entsprechende Anträge des 64-Jährigen am 1. April “in ihrer Gesamtheit“ ab. Karadzic hatte geltend gemacht, dass er mehr Zeit zur Vorbereitung seiner Verteidigung und insbesondere für der Zeugenvernehmungen brauche.

Die Eröffnung seines Prozesses am 26. Oktober 2009 hatte er aus Protest dagegen boykottiert, weil er nach eigenen Angaben “noch nicht ausreichend dafür vorbereitet“ war. Gegen Karadzic war bereits 1995 ebenso Anklage erhoben worden wie gegen den bis heute flüchtigen Chef des bosnisch-serbischen Militärs, Ratko Mladic. Für ihre Beweisführung und die Anhörung von möglicherweise mehr als 400 Zeugen hat die Staatsanwaltschaft mehrere Monate Zeit bekommen. Richter O-Gon Kwon legte fest, dass künftig pro Woche an dreieinhalb Tagen verhandelt wird.

dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare