Zehn Jahre nach der US-Invasion

Weiter kein Frieden im Irak

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Dieses Foto entstand vergangene Woche in Latifiyah

Bagdad - Vor zehn Jahren, am 20. März 2003, begann die US-Invasion im Irak. Die Hoffnung, dass in dem Land innerhalb kürzester Zeit Ruhe einkehrt, hat die Regierung in Washington schnell aufgeben müssen.

Seit einem Autobombenanschlag vor sechs Jahren in Bagdad ist Schams Karim blind. Ihre Mutter starb. Psychopharmaka helfen der traumatisierten Siebenjährigen kaum: Manchmal sitze sie zu Hause und schlage mit dem Kopf gegen die Wand, erzählt ihr Vater. Schams ist eines der vielen Opfer des Krieges im Irak, in dem bis heute kein Frieden eingekehrt ist. Auch zehn Jahre nach der Invasion der US-Truppen sind Anschläge an der Tagesordnung, ist die politische Lage instabil, und wendet sich die irakische Regierung enger dem Iran zu, als es den USA lieb ist.

Auf den ersten Blick sieht in Bagdad alles so aus wie immer: Händler schieben mit Waren beladene Karren durch die schmalen Gassen der Basare, auf denen sich die Menschen mit dem Nötigen versorgen. Von den Türmen der Moscheen wird zum Gebet geläutet. Aber überall sind Hinterlassenschaften des Krieges zu sehen - Löcher von Gewehrkugeln in Hauswänden, ganz oder halb zerstörte Gebäude, die bisher nicht wieder aufgebaut sind, Militärwachposten an verschiedenen Kreuzungen, Armeefahrzeuge auf der Straße mit Soldaten, die den Finger am Abzug haben, immer in Angst vor einem neuen Anschlag. Es gibt kaum jemandem im Land, der im Krieg nicht Verwandte oder Freunde verloren hat. Die Friedhöfe sind überfüllt.

Als vor zehn Jahren die US-Luftangriffe begannen, ging die damalige Regierung von Präsident George W. Bush davon aus, dass Staatschef Saddam Hussein rasch entmachtet und eine demokratische Führung im Irak installiert werden könne. Die Hoffnung wurde enttäuscht. Zwar wurde Saddam nach einigen Monaten gefasst und später hingerichtet. Aber die Kämpfe gingen weiter. Von Demokratie ist der Irak auch heute noch weit entfernt.

Dessen ungeachtet ist der Preis für den Militäreinsatz hoch: Bis zum Abzug der US-Truppen im Dezember 2011 kamen mehr als 100 000 Iraker und 4500 US-Soldaten ums Leben. Die USA kostete der Krieg Milliarden Dollar. Die im Irak vermuteten Atomwaffen wurden nie gefunden. Zurück ließen die Soldaten ein traumatisiertes, gespaltenes Land ohne funktionierende Infrastruktur, Rechts- oder Sicherheitssystem, zerrissen von Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen, Anhängern verschiedener religiöser Richtungen und sozialer Klassen.

Das eine oder andere hat sich sehr wohl zum Besseren verändert. So haben inzwischen die meisten keine Angst vor politischer Repression, äußern frei ihre Meinung, kritisieren im Fernsehen offen Korruption oder Unfähigkeit der politischen Führung. Als Folge von Investitionen auf dem Ölsektor ist der Irak inzwischen wieder einer der größten Öllieferanten der OPEC-Staaten. Dies gibt der gesamten Wirtschaft Auftrieb, Unternehmen werden gegründet, Geschäfte und Hotels eröffnet.

All dies sei ein Zeichen dafür, dass es aufwärts gehe, sagt die Studentin Dalia Ajad. „Aber es geht nicht schnell genug.“ Ähnlich äußert sich Diaa al Mandalawi, Verkäufer in einem Saftgeschäft. „Die Amerikaner haben viel versprochen, und wir haben gedacht, dass alles besser wird“, sagt er. „Allerdings ist es wie bei einem Haus, das nicht fertig wird: Alles geht zu langsam.“

Mitglieder der schiitischen Bevölkerungsmehrheit bewerten den US-Militäreinsatz positiver als die der sunnitischen Minderheit. Diese zählte zu Zeiten Saddam Husseins zur Elite und hat weitgehend an Einfluss verloren. „Wir haben gedacht, dass die Amerikaner und die Vereinten Nationen uns ein demokratisches System bringen, das dem Land zu Sicherheit, Wiederaufbau und Wohlstand verhilft“, sagte Ahmed Abu Rischa, ein bekannter sunnitischer Scheich, der die USA anfangs im Kampf gegen Al Kaida unterstützt hatte, kürzlich in einem Interview. „Aber es hat sich herausgestellt, dass nichts anderes verändert wurde, als die Macht von den Sunniten den Schiiten zu übertragen. Natürlich ist das eine Enttäuschung.“

Sowohl die Sunniten als auch die nach Autonomie strebenden Kurden im Norden Iraks werfen Ministerpräsident Nuri al Maliki vor, auf ihre Kosten die Macht der Schiiten zu festigen. Al Maliki, der seit 2006 Regierungschef ist, gehört ebenfalls der schiitischen Glaubensrichtung an.

Die Unzufriedenheit mit der katastrophalen Sicherheitslage, der Arbeitslosigkeit, den schwierigen sozialen Bedingungen äußert sich seit einiger Zeit in Massendemonstrationen, die jeden Freitag in überwiegend von Sunniten bewohnten Regionen stattfinden. Eine weitere Herausforderung für Al Maliki, der neben seinem Posten als Ministerpräsident auch das Innenministerium führt und damit direkt verantwortlich ist für die innere Sicherheit im Land.

Er hat jegliche Kritik zurückgewiesen und kürzlich in einem Interview bekräftigt, er glaube, sein Land sei auf dem richtigen Weg, auch wenn der Übergang von einem zentralistischen zu einem eher föderalen System Zeit brauche. Die Beziehung zu den USA bewertete er ebenfalls positiv. „Wir glauben, dass die Amerikaner zufrieden sind mit dem Ergebnis ihres opferreichen Einsatzes und ihrer Anstrengungen im Irak“, sagte er.

Washington jedoch ist beunruhigt über eine Annäherung zwischen dem Irak und dem Iran - die zu Zeiten Saddam Husseins undenkbar gewesen wäre. So gehen die USA davon aus, dass die Regierung in Bagdad dem iranischen Militär erlaubt hat, irakisches Gebiet zu überfliegen und Waffen nach Syrien zu bringen. Al Maliki bestreitet dies. „Irak verbündet sich zunehmend mit dem Iran in einer Art und Weise, die es für den Irak schwierig macht, daran festzuhalten, man verfolge eine unabhängige Außenpolitik“, erklärt der Londoner Nahostexperte Toby Dodge.

Unterdessen geht die Gewalt weiter, die auch seit dem Abzug der Soldaten unzählige Menschenleben gefordert hat. Weder die Polizei noch das Militär war bisher in der Lage, die Anschläge zu beenden. So wird es weiter Opfer geben wie Schams Karim, deren Vater sagt: „Es gibt keine Zukunft für sie. Wenn es bei uns wirklich Sicherheit gäbe, würde so etwas nie passieren.“

AP

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