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Kann die Ukraine den Krieg mit Russland gewinnen? Experten sagen nein, Ex-General begründet ein Ja

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Von: Patrick Mayer

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Die Ukraine glaubt laut Wolodymyr Selenskyj an einen militärischen Sieg gegen Russland. Ist das realistisch? Die Meinungen von Experten gehen auseinander.

München/Kiew - Wolodymyr Selenskyj bekräftigt es immer wieder. Die Ukraine müsse sämtliche von Russland eroberten Gebiete zurückerobern, meint der Präsident. „Wir müssen sie brechen“, sagt er. Das hieße einen militärischen Sieg gegen die vermeintliche Übermacht der russischen Armee. Aber ist das realistisch? Russland ist viel größer, 144 Millionen Einwohner stehen 44 Millionen in der Ukraine gegenüber. Nicht zuletzt sind die Streitkräfte Russlands mit nominell 850.000 Soldaten nach Mannstärke den ukrainischen Truppen mit weniger als 200.000 aktiven Soldaten (Quelle: Global Fire Power; bei Beginn des Ukraine-Kriegs) deutlich überlegen.

Ukraine-Krieg: Enorme Verluste in der russischen Armee - Ex-General glaubt an Sieg

Doch Russland muss enorme Verluste unter seinen Soldaten hinnehmen, während die ukrainische Armee im Süden punktuell eine Gegenoffensive gestartet hat. Nach Angaben des Generalstabs aus Kiew wurden mehr als 38.000 gegnerische Soldaten getötet oder verwundet - Stand 15. Juli. Hinzukommen angeblich 1672 zerstörte Kampfpanzer sowie 3866 vernichtete oder erbeutete Schützenpanzer. Aber: Reichen diese Zahlen für einen militärischen Sieg? Die Meinungen von Experten gehen auseinander.

Der australische Ex-General Mick Ryan glaubt, dass die Ukraine zeitweise Gebiete aufgeben müsse, um den Krieg zu gewinnen. Deshalb seien die taktischen Rückzüge im Donbass richtig. Ryan verweist explizit auf den Rückzug aus der Stadt Sjewjerodonezk. „Trotz ihres extremen Mutes dürfen sich die Ukrainer nicht in Zermürbungskämpfe der russischen Armee hineinziehen lassen, die diese Taktik vorzieht“, erklärte Militärexperte Ryan Ende Juni in einer Analyse für den US-Sender ABC: „Die Ukrainer haben eine schreckliche Woche hinter sich. Aber es ist nicht dasselbe, als würden sie den Krieg verlieren.“

Krieg mit Russland: SPD-Außenpolitiker glaubt an Sieg der Ukraine

Dass die Ukraine den Krieg nicht verlieren dürfe, erklärte wiederholt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Und wurde dafür kritisiert, weil er explizit nicht von einem Sieg sprach. Ein Befürworter der ukrainischen Sieg-Theorie kommt dagegen aus den eigenen Reihen. „Das, was er sagt, ist ja nicht falsch. Ich habe kein Problem zu sagen: Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen und sie kann es auch. Allerdings muss man dann erläutern, was man damit genau meint. Für mich bedeutet ein Sieg der Ukraine, dass sie ein freies, souveränes Land mit territorialer Integrität bleibt“, sagte SPD-Außenpolitiker Michael Roth t-online.

Für mich bedeutet ein Sieg der Ukraine, dass sie ein freies, souveränes Land mit territorialer Integrität bleibt.

SPD-Außenpolitiker Michael Roth

Roth relativierte: „Wie diese Integrität am Ende aussieht, darüber entscheiden allein die Verantwortlichen der Ukraine in Verhandlungen mit Russland.“ Hinter solchen Annahmen steht die Einschätzung, die Ukraine könne Russland an den Verhandlungstisch zwingen, in dem sie ihrem Gegner hohe Verluste zufügt. Das Regime von Moskau-Machthaber Wladimir Putin hat gebietsweise mit der „Russifizierung“ eroberter Gebiete begonnen. Bleiben diese Russisch? Als Kompromiss?

Ukraine-Krieg: Russische Armee hat weite Teile des Ostens im Donbass besetzt

Es gibt Experten, die nicht an einen Sieg der Verteidiger glauben. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte zuletzt: „Die Chance, dass die Ukraine diesen Krieg gewinnt, tendiert gegen null.“ Und auch in einem Beitrag der wissenschaftlichen Publikation Foreign Affairs werden Zweifel laut. So sei die russische Armee wahrscheinlich stark genug, um die meisten ihrer Errungenschaften zu verteidigen, heißt es in der außenpolitischen Analyse. Zudem sei die Wirtschaft autonom genug und Putins Griff fest genug, sodass der russische „Präsident nicht gezwungen werden kann, diese Errungenschaften aufzugeben“, schreiben die Wissenschaftler. Ein ukrainischer Triumph sei nicht wahrscheinlich, „sondern ein langer, blutiger und letztlich unentschiedener Krieg“.

Wehren sich vehement: Ukrainische Soldaten mit einer Caesar-Haubitze, die von Frankreich geliefert wurde.
Wehren sich vehement: Ukrainische Soldaten mit einer Caesar-Haubitze, die von Frankreich geliefert wurde. © IMAGO / Cover-Images

Kann die Ukraine den Krieg gewinnen? Wissenschaftler erwarten „diplomatischen Kompromiss“

Weiter heißt es bei Foreign Affairs: „Die Regierung der Ukraine und ihre Unterstützer sprechen, als stünde der Sieg kurz bevor. Aber diese Ansicht scheint zunehmend eine Fantasie zu sein. Die Ukraine und der Westen sollten daher ihre Ambitionen überdenken und von einer Strategie, den Krieg zu gewinnen, zu einem realistischeren Ansatz übergehen: einem diplomatischen Kompromiss.“

Diese Einschätzung deckt sich mit neu veröffentlichten Zahlen. Denn: Auch die Verluste innerhalb der ukrainischen Armee und der territorialen Verteidigungskräfte sind enorm. Im Mai wurden täglich bis zu 100 ukrainische Soldaten an der Front getötet, erklärte der Verteidigungsminister Oleksii Reznikov an diesem Freitag (15. Juli) im Gespräch mit der britischen BBC. Zu dieser Zeit seien ferner jeden Tag zwischen 300 und 400 Soldaten verwundet worden. (pm)

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