Kanzlerin will „Tabuthemen“ ansprechen

TV-Debatte: Syrischer Flüchtling macht Merkel eine Liebeserklärung

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ZDF-Sendung "Klartext, Frau Merkel!"

Das Thema Flüchtlinge beschäftigte Angela Merkel bei der TV-Debatte am Donnerstag. Die Kanzlerin erhielt Zuspruch - aber auch Kritik von Asylsuchenden und Einheimischen.

Update vom 16. September 2017: Wären ihre Fragen zu unbequem für die Kanzlerin gewesen? Wie jetzt bekannt wird, lud das ZDF ein Berliner Terror-Opfer aus der Sendung „Klartext, Frau Merkel!“ aus.

Mainz - Ein syrischer Flüchtling hat die TV-Debatte mit der Kanzlerin für eine Liebeserklärung an Angela Merkel genutzt. Der junge Mann, der nach eigenen Worten in Duisburg als Praxishelfer arbeitet, sagte am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung „Klartext, Frau Merkel“: „Bevor sie meinen Namen kennen: Ich liebe Sie.“ Als er lachend nachschob, seine Frau werde das jetzt sehen, erwiderte Merkel: „Die wird schon verstehen, wie Sie's meinen.“ Der Syrer fuhr fort: „Die Frau Merkel ist die Beste nach meinem Papa und Mama, weil sie mit Herz arbeitet.“

Die Kanzlerin hatte es im Herbst 2015 ermöglicht, dass Migranten und Flüchtlinge unter anderem aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Deutschland kommen konnten. Dafür war sie zunächst von Teilen der Bevölkerung gelobt und später scharf kritisiert worden.

Merkel will Mut machen - gibt aber explizit keine Garantie

Der junge Mann sagte, er sei seit etwa zwei Jahren in Deutschland und habe „einen großen Schritt nach vorne gemacht“. Aber er habe noch mit Problemen zu kämpfen. So könne seine Frau immer noch nicht zu ihm kommen, obwohl er Anspruch auf Familiennachzug habe. Sein syrisches Zertifikat als Physiotherapeut sei noch nicht anerkannt worden. Und: Sein Aufenthaltsstatus in Deutschland gelte nur bis 2019, was ihn bedrücke. „Ich will nicht Tschüss sagen.“

Merkel bat den jungen Mann um Verständnis dafür, dass die Prüfung des Familiennachzugs Zeit in Anspruch nehme. „Das dauert vielleicht länger, als Sie sich das vielleicht wünschen“, sagte die CDU-Chefin. Auch könne sie ihm nicht garantieren, dass er in Deutschland bleiben könne. Wenn der Krieg in Syrien vorbei sein, müsse man prüfen: „Kann man da vielleicht auch zurückgehen?“ Bei der Anerkennung des beruflichen Zertifikats versprach sie, den örtlichen CDU-Bundestagsabgeordneten zu bitten, bei den Behörden nachzuhaken. „Halten Sie noch ein bisschen durch.“

Probleme mit Flüchtlingen: „Darüber muss gesprochen werden“

Merkel sprach sich außerdem dafür aus, auch Probleme bei der Integration von Einwanderern und Flüchtlingen offen zu diskutieren. "Ich möchte eine Gesellschaft, in der man über alles offen reden kann", sagte sie. Sie äußerte sich unter anderem auf die Frage einer Schulrektorin aus Frankfurt am Main. 

Die Schulleiterin hatte über entsprechende Probleme im Schulalltag geklagt und den Eindruck geäußert, über Schwierigkeiten bei der Integration könne nicht offen gesprochen werden. "Wenn sie diesen Eindruck haben, dass darüber nicht gesprochen werden darf, dann ist das ganz schlecht", sagte Merkel. "Darüber muss gesprochen werden."

Die Kanzlerin selbst nannte etwa das Fehlen muslimischer Kinder im Sportunterricht oder auf Klassenfahrten. Ein weiteres Problem sei, wenn etwa Mütter gar nicht zu Elternversammlungen kommen dürften. "Da haben wir riesige Probleme", räumte Merkel ein. Es müsse gerade auch mehr mit den Vätern gesprochen werden, weil die oft "das Regime zu Hause führen".

Merkel spricht über Sexualdelikte

Um Probleme bei der Integration ging es in der Wahlsendung auch in der Frage einer Erfurterin, die durch die vielen seit 2015 ins Land gekommenen männlichen Flüchtlinge einen Männerüberschuss in der Gesellschaft und dadurch negative Folgen wie etwa einen Anstieg der Sexualstraftaten kritisierte. 

Die Bundesregierung verfolge die Entwicklung der Kriminalstatistik inklusive der Sexualdelikte sehr genau und habe "die Erkenntnis, dass es nicht generell so ist", widersprach Merkel, auch wenn es "schlimme Einzelfälle" gebe. Auch ein "großes demographisches Problem" sehe sie nicht, fügte die CDU-Vorsitzende hinzu. "Es darf, wenn es um Kriminalität geht, überhaupt gar keine Tabuthemen geben", stellte Merkel klar.

Schwer ins Schlingern geriet Merkel unterdessen beim Themenkomplex Rente.

dpa/AFP/fn

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