Gezielter Anschlag zum 11. September?

US-Botschafter in Libyen von Islamisten getötet

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Der US-Botschafter in Libyen Christopher Stevens ist tot.

Washington - Militante Islamisten haben das US-Konsulat im libyschen Bengasi angegriffen und den Botschafter getötet. Möglicherweise handelte es sich dabei um einen gezielten Terroranschlag zum 11. September.  

Die USA ermitteln nun, ob der Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi ein anlässlich des Jahrestags von 9/11 geplanter Terroranschlag war. Das wurde am Mittwoch in Washington bekannt.

US-Medien hatten berichtet, dass der Angriff von Bengasi womöglich geplant war. Der Fernsehsender CNN berichtete unter Berufung auf US-Kreise, die Angreifer hätten die Proteste vor dem Konsulat als Ablenkungsmanöver genutzt. Ob die Angreifer die Proteste initiiert oder nur für ihr Vorhaben ausgenutzt hätten, sei allerdings unklar. Die Gewährsleute schlossen jedoch aus, dass der Angriff dem dabei getöteten Botschafter der USA in Libyen, Chris Stevens, galt, wie CNN am Mittwoch auf seiner Website berichtete.

Neben Chris Stevens starben in der Nacht zum Mittwoch drei weitere Amerikaner, wie US-Präsident Barack Obama bestätigte. Auch in Kairo versuchten aufgebrachte Muslime, in die US-Botschaft einzudringen. Auslöser der Proteste war ein in den USA produzierter islamfeindlicher Filmtrailer. International wurde die Gewalt scharf verurteilt. Zugleich wuchs die Angst vor weiteren Ausschreitungen und Anschlägen.

Militante Islamisten griffen das US-Konsulat in Bengasi mit Brandbomben und Panzerfäusten an. Botschafter Stevens, der sich zu einem Besuch in der ostlibyschen Stadt aufhielt, starb arabischen Medienberichten zufolge an einer Rauchvergiftung. Die US-Regierung schickte laut Medienberichten am Mittwoch 200 Marines nach Bengasi, um die Diplomaten zu schützen.

In Kairo erkletterten aufgebrachte Islamisten die Mauer der Botschaft und rissen die US-Flagge herunter. An die Wand des Botschaftsgebäudes sprühten sie am Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September den Namen Osama bin Laden.

In den auf YouTube veröffentlichten Sequenzen des mit einfachen Mitteln produzierten Films „Innocence of Muslims“ („Unschuld der Muslime“) wird der Prophet als Trottel und Weiberheld dargestellt. Im Islam ist die Darstellung Gottes oder des Propheten Mohammed verboten.

„Ich verurteile die empörenden Attacken auf unsere diplomatische Einrichtung auf das Schärfste“, erklärte Obama. Die Getöteten stünden für Freiheit, Gerechtigkeit und Partnerschaft mit Ländern und Völkern rund um die Welt - Werte, denen sein Land verpflichtet sei. Die USA erteilten jedweder Erniedrigung religiöser Überzeugungen anderer eine Absage, sagte Obama. Dennoch „müssen wir eindeutig jene Art von sinnloser Gewalt ablehnen, die das Leben dieser Staatsdiener gekostet hat“.

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen erklärte: „Diese Gewalt ist niemals zu rechtfertigen.“ Es sei wichtig, „dass das neue Libyen sich auch weiterhin zu einer friedlichen, sicheren und demokratischen Zukunft“ hinbewege.

Auch die Bundesregierung verurteilte die Angriffe auf die US-Vertretungen scharf. „Es ist tragisch und schwer erträglich, dass in Bengasi vier Menschen, darunter ein Diplomat, Opfer dieses religiösen Fanatismus geworden sind“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte: „Ich fordere die Regierungen in Ägypten und in Libyen eindringlich auf, die Sicherheit der Botschaften und Konsulate in ihren Ländern in vollem Umfang zu gewährleisten.“

Frankreichs Präsident François Hollande nannte den Angriff auf das Konsulat ein abscheuliches Verbrechen. Die Verantwortlichen müssten ermittelt und vor Gericht gebracht werden. Italiens Regierungschef Mario Monti sprach ebenfalls von einer abscheulichen Tat und sicherte der Regierung des neuen und demokratischen Libyen seine Unterstützung zu. Auch der Vatikan wandte sich gegen die „völlig inakzeptable Gewalt“.

Der israelische Außenminister Avigdor Lieberman sprach von „bösartigen Terroranschlägen, die gegen die freie Welt und den ganzen Westen gerichtet“ seien. Die USA kämpften an vorderster Front gegen den radikalen Islam. Staatspräsident Schimon Peres schickte ein Beileidstelegramm an Obama.

Terrorismusexperten erwarten als Folge der Veröffentlichung des Films weltweit weitere Ausschreitungen. Die höchste Gefahr drohe in Ländern mit militanten islamischen Rebellengruppen, teilte das auf die Beobachtung terroristischer Aktivitäten spezialisierte IntelCenter am Dienstag in Alexandria bei Washington mit.

Autor, Regisseur und Produzent des islamfeindlichen Films ist nach Informationen des „Wall Street Journals“ Sam Bacile. Der 52-Jährige habe sowohl die israelische als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Für den rund zwei Stunden langen Film habe er fünf Millionen Dollar (3,9 Millionen Euro) von rund 100 jüdischen Spendern eingesammelt. Bacile wolle seine Sicht zeigen, dass der Islam eine hasserfüllte Religion sei, zitiert das Blatt aus einem Telefoninterview. „Islam ist wie Krebs“, sagte Bacile demnach.

Der Trailer war nach Angaben des „Wall Street Journal“ seit Juli auf YouTube zu sehen. Aufmerksamkeit habe er aber erst erregt, seit sich der als Koranhasser bekanntgewordene Pastor Terry Jones aus Florida für den Film eingesetzt habe. Eine Koran-Verbrennung in der Kirche von Jones hatte im März vergangenen Jahres gewalttätige Proteste von Muslimen ausgelöst. In Afghanistan starben damals sieben UN-Mitarbeiter.

US-Außenministerin Hillary Clinton erklärte zu dem Film: „Die USA missbilligen jeden absichtlichen Angriff auf die religiösen Gefühle von Andersgläubigen.“ Derartige Provokationen könnten jedoch nicht als Rechtfertigung für Gewalt benutzt werden.

Die ägyptische Muslimbruderschaft verurteilte den Angriff auf die US-Botschaft in Libyen. Wer gegen den Film auf die Straße gehe, solle seinen Ärger friedlich zum Ausdruck bringen, mahnte die Organisation im Kurznachrichtendienst Twitter an.

Mehrere christliche Gemeinden in Ägypten distanzierten sich von dem Film, nachdem in lokalen Medien zunächst berichtet worden war, dass in die USA ausgewanderte koptische Christen aus Ägypten an der Produktion beteiligt gewesen seien.

In Libyen zeigten sich Aktivisten und Politiker entsetzt von der Gewalt in Bengasi. Parlamentspräsident Mohammed Magariaf entschuldigte sich im Namen des libyschen Volkes bei den USA. Einige Regierungsvertreter äußerten die Vermutung, bewaffnete Anhänger des 2011 gestürzten Regimes von Oberst Muammar al-Gaddafi könnten sich unter die Demonstranten gemischt haben, „um Rache an den Amerikanern zu üben“. Die USA hatten sich an den Nato-Luftangriffen zum Schutz der Zivilbevölkerung beteiligt, die letztlich den Sturz des Gaddafi-Regimes herbeiführten.

dpa

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