Mehr Geburten plus Zuwanderung

Studie: Schülerzahlen steigen stark an

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Seit 2012 ist die Geburtenrate zum fünften Mal in Folge gestiegen. Foto: Julian Stratenschulte

Was kommt da auf Deutschlands Schulen zu? Eine neue Prognose legt nahe, dass es mit der "demografischen Rendite" nichts wird. Denn so erfreulich mehr Geburten auch sind: Wenn die Schülerzahlen nicht sinken, wird für Bildung doch mehr Geld fällig als bisher angenommen.

Gütersloh/Berlin (dpa) - In Deutschland gehen nach einer neuen Studie bis 2030 viel mehr Kinder zur Schule als bislang angenommen - mit möglicherweise drastischen Folgen für Länder und Kommunen.

Die Schülerzahl steigt von knapp 8 Millionen (2015) um acht Prozent auf fast 8,6 Millionen in 13 Jahren, wie aus den Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung hervorgeht. Bisher wurde ein Absinken auf gut 7,2 Millionen Schüler bis 2025 vorhergesagt. Die Prognoselücke könnte sich massiv auf den Bedarf an Pädagogen, Schulklassen und guten Schulgebäuden auswirken.

Laut Studie werden 2030 über alle Schulstufen hinweg etwa 28 100 zusätzliche Klassen und 42 800 zusätzliche Vollzeitlehrkräfte benötigt. Auf Länder und Kommunen kämen pro Jahr 4,7 Milliarden Euro höhere Bildungskosten zu. Zwischen den Jahren 2000 und 2015 waren indes wegen sinkender Schülerzahlen knapp 1800 deutsche Grundschulen geschlossen worden, schreiben die Autoren der Studie um die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn.

Bildungsexperten warnten am Mittwoch vor einer Überforderung des Schulsystems - es sei derzeit nicht ausreichend vorbereitet. Bislang basieren die Berechnungen der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) auf Schülerzahlen aus dem Jahr 2012. Seitdem aber ist die Geburtenrate fünfmal in Folge gestiegen, und der Flüchtlingszustrom 2015/16 hat bis zu 300 000 zusätzliche Schüler nach Deutschland gebracht. Das Schulministerium von Nordrhein-Westfalen regte daher an, Ergebnisse der nächsten KMK-Vorausberechnung nicht erst Ende 2018, sondern noch vor Ende des Schuljahres 2017/18 vorzulegen.

KMK-Generalsekretär Udo Michallik widersprach dem Eindruck, die Länder hätten falsch kalkuliert. "Die Zahlen der Kultusministerkonferenz sind nicht Planungsgrundlage für das, was in den Ländern passiert", sagte er im Deutschlandfunk. Die einzelnen Bildungsministerien ermittelten vielmehr eigene Schülerprognosen. "Insofern haben die Länder aktuelle Zahlen, auf deren Basis sie dann auch die entsprechenden Planungen in den Ländern machen." Die KMK gehe schon länger von steigenden Schülerzahlen aus.

Laut Bertelsmann-Stiftung würde es schon im Jahr 2020 mit 7,87 Millionen Schülern im Gegensatz zur KMK-Prognose von 2012 (7,39) ein Plus von fast 480 000 geben. 2025 steigt die Schülerzahl der Studie zufolge auf 8,26 Millionen an, die Prognoselücke würde sich dann auf eine Million vergrößern. 2030 könnte es 8,59 Millionen Schüler geben - da die KMK-Prognose 2025 endet, ist hier kein Abgleich mehr möglich.

Der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart warnte gleichwohl vor einem Vergleich der alten und heute problematischen KMK-Zahlen mit unsicheren Prognosen. "Die Studie ist gut, aber wir müssen auch die Lücken und Grenzen sehen", sagte der Professor der Uni Münster. Für den Bertelsmann-Report hatten die Autoren die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes mit der "Milupa-Geburtenliste" aktualisiert. Das Babynahrungsunternehmen verfügt über Geburtenzahlen aller deutschen Geburtsstationen der Krankenhäuser des Jahres 2016.

Angesichts möglicher Folgen für das Bildungssystem machte sich die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack für eine Bund-Länder-Offensive für die Schulen in Deutschland stark. "Unser Schulsystem ist drastisch unterfinanziert", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Vielerorts bröckelt der Putz von den Wänden, es fehlen Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Schulpsychologen." Die Länder allein seien "mit der Finanzierung eines zukunftsfesten Schulsystems überfordert". Das sogenannte Kooperationsverbot müsse daher "für das gesamte Bildungswesen fallen", so Hannack.

Die Gewerkschaften, aber auch SPD, Linke, Grüne und FDP fordern angesichts großer Herausforderungen für die Schulpolitik, das 2006 ins Grundgesetz geschriebene Kooperationsverbot zu kippen. Der Bund darf den Länder seitdem nur in Ausnahmefällen finanziell helfen. Befürworter wollen damit die Bildungsautonomie der Länder sichern.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte eine gemeinsame Kraftanstrengung für mehr Lehrernachwuchs. "Es wird immer schwieriger, die steigende Zahl von Schülerinnen und Schülern mit qualifizierten Lehrkräften zu versorgen", sagte die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) meinte, die Prognose der Stiftung zum Lehrkräftemangel sei "eher optimistisch". VBE-Chef Udo Beckmann: "Die Situation wurde von der Politik viel zu lange schöngeredet."

Die Gymnasiallehrer-Gewerkschaft Deutscher Philologenverband forderte, die Konsequenz könne "nur heißen, alle auf den bisherigen Annahmen basierenden Streichungen von Lehrerstellen in einzelnen Bundesländern sofort zu stoppen". Durch zusätzliche Investitionen in den Bildungsbereich gelte es "dafür zu sorgen, dass steigende Schülerzahlen nicht wieder wie in den 80er und 90er Jahren zu Verschlechterungen bei der Bildungsqualität, etwa steigenden Klassengrößen, führen", sagte Verbandschef Heinz-Peter Meidinger.

"Vor allem in den Ballungsgebieten, wo der Schüleranstieg am stärksten ist, aber nicht nur dort, müssen zeitnah milliardenschwere Neubauprogramme von Schulhäusern aufgelegt werden", sagte Meidinger. Hinzu kommt: Schon jetzt gibt es einen großen Sanierungsstau für Schulgebäude. Das Deutsche Institut für Urbanistik schätzte den Nachholbedarf im Vorjahr auf Investitionen von 34 Milliarden Euro.

Pressemitteilungen Bertelsmann-Stiftung

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