Weltruhm? Unwichtig!

Pussy Riot nehmen sich neues Protestziel vor

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Die vor Kurzem freigelassenen Mitglieder der russischen Band Pussy Riot wollen gegen die Bedingungen in Straflagern protestieren

Moskau - Die aus dem Straflager entlassenen Frauen von der Punkband Pussy Riot wollen mit der Organisation „Sona Prawa“ - Rechtszone - künftig für einen humaneren Strafvollzug in Russland kämpfen.

Perfekt gestylt versichern Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina von der kremlkritischen Punkband Pussy Riot, der im Straflager erlangte Weltruhm bedeute ihnen rein gar nichts. Sie wollen - nun in Freiheit - kein Kapital schlagen daraus, dass westliche Hochglanzmagazine oder Weltstars wie Paul McCartney und Madonna sie populär gemacht hätten. Neue schrille Punkkonzerte mit provozierenden Kampfansagen an Kremlchef Wladimir Putin? Tolokonnikowa meint, dies sei möglich, hänge aber von vielen Dingen ab - auch davon, wie die Band überhaupt weitermacht.

Die Aktivistinnen von Pussy Riot wollen sich nach rund 20 Monaten in den für ihre Brutalität berüchtigten Straflagern als Menschenrechtlerinnen für bessere Bedingungen im russischen Frauenknast einsetzen. Die schwere Lage weiblicher Inhaftierter in Russland werde bisher kaum wahrgenommen, betont Tolokonnikowa in einem ihrer vielen Interviews dieser Tage.

Fast muss sich die 24-Jährige im Gespräch mit der Starreporterin Xenia Sobtschak vom kremlkritischen Internetfernsehkanal Doschd dafür rechtfertigen, dass sie ihre Schönheit - die vollen Lippen und großen Augen - nicht einsetze, um das große Geld zu machen. Tolokonnikowa betont im sibirischen Krasnojarsk, ihr Kampf gelte jetzt nur dem von Putin geschaffenen „autoritären System“.

Einer anderen Reporterin von der Agentur lenta.ru erklärt Tolokonnikowa, dass es ihr Vater gewesen, der sie von der Modeschiene abgebracht habe. Sie habe ihn als Jugendliche mal darum gebeten, eine Frauenzeitschrift zu kaufen. Doch Papa - ein „toller Typ“ - habe sie dann dazu gebracht, den kremlkritischen Radiosender Echo Moskwy zu hören und politische Zeitschriften zu lesen, sagt die studierte Philosophin.

Bei Echo Moskwy berichten sie und Aljochina - zugeschaltet aus Krasnojarsk - von Misshandlungen im Straflager. Vor und nach jedem Besuch hätten sie sich ausziehen und in dreckigen Kammern im Intimbereich untersuchen lassen müssen. „Diese ganze Prozedur war nicht nur psychisch außerordentlich erniedrigend, sondern auch einfach physisch schmerzvoll. Ich halte das für Gewalt“, sagt Aljochina.

Tolokonnikowa erzählt von verdorbenem, übelriechendem und verschimmeltem Essen für Gefangene. Und sie beklagt, dass Frauen durch zu dünne Kleidung, unterkühlte Säle mit Durchzug gezielt mit Kälte gefoltert würden. Besonders politische Häftlinge seien einem „teuflischen Druck“ ausgesetzt, sagt sie.

Als Tolokonnikowa selbst aus Protest im Hungerstreik nur Flüssigkeit zu sich nahm, habe sie ein rabiater Wächter festgehalten und ihr die privaten Trinkwasservorräte wegnehmen lassen. Ihr sei dann nur schmutziges Leitungswasser geblieben.

Ruhig, selbstbewusst und schlagfertig parlieren die Frauen in den vielen Interviews. Dabei geht es oft um die Frage, warum sie als junge Mütter nicht zuerst ihre kleinen Kinder wiedersehen. Schroff antwortet Tolokonnikowa, dass einem Mann solche Fragen kaum gestellt würden in Russland. In Sibirien wollen sie eben zuerst die nächsten gemeinsamen politischen Schritte besprechen, ehe es an das Private geht. „Wir popularisieren den Feminismus“, sagt Tolokonnikowa.

Während kremlkritische Journalisten die Frauen seit Tagen fast wie Heldinnen feiern und von Moskau ins mehr als 4000 Kilometer entfernte Krasnojarsk fliegen, blenden Staatsmedien das Phänomen Pussy Riot völlig aus.

Ihre internationale Bekanntheit wollen sie jetzt allenfalls dafür einsetzen, um anderen Frauen zu helfen - mit einer Menschenrechtsorganisation, die sie „Sona Prawa“, Rechtszone, nennen. „Die Popularität kam ja einfach zu uns. Jetzt müssen wir arbeiten. Das ist unsere Verantwortung, unsere Pflicht, daraus etwas Gutes zu machen“, sagt Aljochina bei Echo Moskwy. „Das tun wir für unsere Kinder, die in diesem Land leben müssen.“

dpa

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