Strategiepapier bis 2040

Polens Klimapolitik setzt auf Kernkraft und Erneuerbare Energie – so soll die Wende gelingen

Rauch steigt aus den Schornsteinen des Kraftwerks Turow in Polen in der Nähe der Braunkohlegrube auf.
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Rauch steigt aus den Schornsteinen des Kraftwerks Turow in Polen in der Nähe der Braunkohlegrube auf.

Der Ausbau der Erneuerbaren und der Bau vom Kernkraftwerken stehen im Zentrum der polnischen Klimapolitik. Das Erdgas wird hingegen dringend als Brückentechnologie gebraucht.

Warschau – Um die im Rahmen der EU-Klimaziele anvisierte CO2-Reduktion von 30 % bis zum Jahr 2030 zu erreichen, will Polen die Nutzung der erneuerbaren Energiequellen, wie Wind und Sonne, massiv ausbauen. Ein weiterer Ausbau der Kernkraft soll hingegen ab 2033 schrittweise den kompletten Ausstieg aus der Kohle bis 2049 möglich machen. Bis dahin wird Gas als Brückentechnologie eine wichtige Rolle spielen.

Unter der Leitung des Klima- und Umweltministeriums wurde ein Strategiepapier (PEP 2040) zur Klima- und Energiepolitik entwickelt, das sich auf die Energienutzung bis zum Jahre 2040 bezieht. Das Strategiepapier wird durch die Beschreibung von drei Schwerpunkten eingeleitet, wobei der Begriff der gerechten Energietransformation verwendet wird. Politisch ist dieser Begriff in Polen von enormer Bedeutung. Es geht dabei um die ökonomische Grundlage ganzer Regionen, die heute von der Kohle leben. Dieser Terminus geht aber auch über die reine finanzielle Kompensation und regionale Förderung hinaus und umfasst ebenso die Vermeidung von Energiearmut, sowie Bemühungen weitreichenden Wettbewerbsnachteile für die Industrie entgegenzuwirken.

Klimapolitik in Polen: Strategiepapier zum Ausbau von Erneuerbaren und Bau von Kernkraftwerken

Im Februar 2021 wurde dieses Strategiepapier vom Ministerrat angenommen. Bereits im Vorfeld sickerten vor allem Informationen zum Bau von Kernkraftwerken und zu den horrenden Kosten der polnischen Energiewende durch. Man geht davon aus, dass die angestrebte Gesamtumstellung der polnischen Energieerzeugung auf emissionsarme und emissionslose Energiequellen bis zu 1,6 Billionen Zloty kosten wird. Das sind umgerechnet rund 0,351 Billionen Euro.

„Wir stehen vor der Herausforderung, in den nächsten zwei Jahrzehnten ein neues Energiesystem aufzubauen zu müssen. Auf der einen Seite verleiht [diese Strategie] dem Streben nach einer emissionsarmen und emissionsfreien Transformation der polnischen Wirtschaft Dynamik, aber auch die Notwendigkeit, Energiesicherheit zu gewährleisten“, sagte der polnische Klimaminister Michał Kurtyka bei der Vorstellung des Papiers.

Ein neues Energieerzeugungssystem in Polen: Ausstieg aus der Kohle

Der von Kurtyka angesprochene Aufbau eines quasi neuen Energieversorgungssystems bezieht sich vor allem auf die Einschnitte bei der Kohle. Die Kohle ist aktuell mit einem Anteil von knapp unter 70 % die wichtigste Energiequelle bei der Stromerzeugung. Bis 2030 soll dieser Anteil auf 56 % sinken. Die Stiftung Instrat stellte hingegen in ihren Modellen Alternativen zum schleppenden Ausstieg aus der Kohle vor. Instrat hält einen Anteil der Kohle von 11 % bis 2030 grundsätzlich für möglich. Dafür müsste aber die Windkraft an Land gesetzlich besser geregelt werden, um die strengen Abstandsregeln abzubauen und die Netzanschlüsse schneller und weniger bürokratisch zu regeln. Die Stiftung kommt zu dem Schluss, dass der von der Regierung für das Jahr 2049 angepeilte Kohleausstieg auch schon 2035 stattfinden könnte.

Insgesamt ist geplant, dass die Energiegewinnung bis zum Jahr 2040 zu 50% emissionsfrei erfolgen soll. Um dieses Ziel zu erreichen, werden Offshore-Windenergie in der polnischen Ostsee weiter ausgebaut und die Photovoltaik soll bis 2030 eine Leistung von bis zu 7 GW erreichen. Diese beiden Ziele sind bereits heute weit vorangeschritten. Die bei polnischen Hausbesitzern außerordentlich beliebte Photovoltaik hat in Polen* Ende April dieses Jahres ein Leistungsvolumen von 4,7 GW erreicht. Experten gehen davon aus, dass der jährliche Zubau der Sonnenenergie bis zu 1 GW betragen wird.

Ferner sollen in Polen bis zu sechs neue Kernkraftreaktoren entstehen. Diese emissionsfreie Energie wird auch zur Produktion von Wasserstoff genutzt werden. Erwartet wird, dass die Wasserstoffwirtschaft im Verkehr und in der Wärmeversorgung zu Emissionseinsparungen führen wird.

Überarbeitung des Strategiepapiers in Polen für 2023 erwartet

Die Einschätzung der Stiftung Instrat teilt auch der Energieexperte und Chefredakteur des Energiefachportals BiznesAlert Wojciech Jakóbik. Er ist der Meinung, dass einige Kerndaten der aktuellen Strategie bereits überholt sind. Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien werden schneller als gedacht gebaut, aber die konventionelle Energieerzeugung kann mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. In Polen könnte es in den kommenden Jahren zu einer fehlenden Energieproduktionsleistung von bis zu 4,6 GW (2034) kommen.

Ausschlaggebend sind dabei weder die Kernkraftreaktoren noch der Zubau von erneuerbaren Energien, sondern eine nicht ausreichende konventionelle Energieproduktion. Jakóbik geht davon aus, dass es zur grundlegenden Überarbeitung der gerade veröffentlichten klimapolitischen Strategie im Jahr 2023 kommen muss. Polen wird vor allem mehr Gaskraftwerke brauchen, um die Schwankungen bei den Erneuerbaren ausgleichen zu können. Der Experte erwartet von der Regierung erhebliche Bemühungen zur Verbesserung der Bedingungen und Mechanismen bei der Erteilung von Baugenehmigungen von Gaskraftwerken sowie den Bau der dafür nötigen Infrastruktur. (Aleksandra Fedorska) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Lesen Sie auch: Polen plant einen neuen* Flughafen- und Bahnknotenpunkt. Das Milliarden-Projekt könnte den Verkehr im Land neu aufstellen - und bis nach Deutschland hinein wirken.

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