„Haben Wut im Bauch“

Journalist reist per Anhalter von Würselen nach Templin - er erlebt ein zerrissenes Land

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dpa-Story - Per Anhalter durch die Republik

Der Journalist Nico Pointner fuhr per Anhalter durch Deutschland. Seine Mission: Mit den Menschen über die Bundestagswahl sprechen. Er traf Schulz-Fans, Merkel-Anhänger -  und viele Frustrierte.

Deutschland im Sommer 2017. Bunte Wahlplakate säumen die Straßen der Republik. Nur noch wenige Wochen bis zur Bundestagswahl. Während sich SPD-Herausforderer Martin Schulz angesichts miserabler Umfragewerte abstrampelt, meidet Kanzlerin Angela Merkel jede echte Konfrontation. Wie denkt Deutschland im Wahlsommer? Eine Reporter-Reise per Anhalter soll Antworten bringen. Von Würselen, wo Martin Schulz mal Bürgermeister war. Nach Templin, wo Merkel groß geworden ist. Vom Rheinland in die Uckermark. 700 Kilometer Deutschland, drei Tage von West nach Ost.

Würselen 

Meine Reise beginnt im Rheinland. Würselen ist eine gemütliche Kleinstadt bei Aachen, rund 40.000 Einwohner, niedrige Nachkriegsbauten, große Kirche in der Mitte. Seit der Kandidatur von Martin Schulz ist Würselen bekannt, auch weil der SPD-Mann seine Herkunft in bald jedem zweiten Satz erwähnt. Viele nennen ihn „den Martin“.

Der Erstwähler (62)

Helmut Jungnitsch steht in Würselen in der Innenstadt neben einem Wahlplakat.

 Das Plakat von Angela Merkel hängt frisch auf dem Morlaixplatz, aber Helmut Jungnitsch posiert nur ungern davor. Merkel wirbt darauf „für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Für Jungnitsch persönlich könnte es besser laufen. Er verschränkt die Arme, auf einem hat er ein Kreuz tätowiert. Einst verdiente er als Küchenmonteur sein Geld, nun ist er arbeitslos. Die Reichen würden immer reicher, klagt er, die Armen ärmer. Politikern habe er noch nie vertraut. Deshalb sei er noch nie zur Wahl gegangen. In diesem September will der 62-Jährige zum ersten Mal ein Kreuz machen - für Martin Schulz. Nicht nur, weil der SPD-Kandidat aus Würselen kommt. „Der ist sachlich und direkt, der schweift nicht aus“, sagt er.

Die Wütende

Die Verkäuferin Elke Göbbels steht in Würselen in einem Kiosk.

Am Kiosk auf dem Markt nennen sie Schulz den „Messias von Würselen“. Elke Göbbels steht hinter dem Tresen voller bunter Blätter, wie sie es seit 15 Jahren tut. Sie schimpft auf Angela Merkel, die sie nur „Frau Kuschelpolitik“ nennt. „Wir haben Wut im Bauch“, sagt Göbbels. Den Alten im Land gehe es immer schlechter, davon ist sie tief überzeugt. Da mögen die Renten noch so kräftig steigen - beim Blick aus ihrem Verkaufsfenster sieht Elke Göbbels eine andere Wirklichkeit.

Vor ihrem Büdchen sitzen ältere Männer, einer davon mit Rollator. Sie schimpfen mit. Der Staat solle sich weniger um Flüchtlinge kümmern, sondern mehr um die Deutschen. Der islamistische Terrorismus, die Kriminalität, das mache ihnen Angst, sagen sie.

Ich will nun losfahren. Am Rasthof Aachener Land Süd heißt es: Daumen raus. Es dauert eine Weile. Doch dann nimmt mich auf dem Rastplatz eine silberne Familienkutsche mit.

Die Mutbürger

Marco Adel, Lena Adel und die kleine Hannah Adel, aufgenommen am 07.08.2017 auf dem Weg von Aachen nach Koblenz.

Die kleine Hannah Adel brüllt ab und zu auf dem Rücksitz, aber wenn man nach hinten schaut, grinst sie fröhlich. Auch ihre Eltern Marco (31, Steuer) und Lena (28, Rückbank) machen einen zufriedenen Eindruck. Vielleicht auch, weil sie gerade aus dem Holland-Urlaub zurückkehren. Er arbeitet bei einer Straßenbaufirma, sie ist Sozialarbeiterin. Sie bauen gerade ein Haus.

Die drei leben im rheinland-pfälzischen Lütz. „Bei uns ist es eher CDU-geprägt“, erzählt Marco Adel. Im September ist er Wahlhelfer. Er sagt: „Wenn du mitdiskutieren willst, musst du dein Wahlrecht nutzen.“ Die Adels stehen keiner Partei nahe, aber sie wissen, was ihnen wichtig ist: eine sichere Rente, weniger Steuern jetzt und eine gute Zukunft für ihr Kind. Hannah ist zehn Monate alt. Wird sie sich vor Terror fürchten müssen in einer Welt voll Krisen? „Wir haben ein kleines Kind in die Welt gesetzt. Da muss man optimistisch sein. Da bleibt uns nichts anderes übrig“, sagt der Vater.

Familie Adel muss Richtung Koblenz weiter. Sie setzen mich auf einer Brücke beim Erftkanal ab, mitten in der Pampa. Ich winke und recke wieder den Daumen gen Straße. Keine fünf Minuten später fährt ein alter VW-Bus rechts ran.

Der Möchtegern-Wähler

Thorin Hopkins, aufgenommen am 07.08.2017 zwischen Koblenz und Köln

Mit seinem brustlangen Bart und dem schwarzen Kopftuch wirkt Thorin Hopkins wie ein Pirat. Das Innenleben seines VW-Busses sieht wild aus. Der 33-Jährige braucht eine Weile, bis er die Werkzeuge, Elektrogeräte und Kabel vom Beifahrersitz geräumt hat. Er ist halb Ire, halb Schweizer. Mitwählen darf er am 24. September nicht. Trotzdem brennt er für Politik. Seine Meinungen sprudeln aus ihm heraus: „Wenn sich jemand nicht für Politik interessiert, interessiert er sich nicht, wie es ihm und seinen Mitmenschen geht“, sagt er. Hopkins kämpfte sich lange mit Gelegenheitsjobs durch, seit März ist er arbeitslos. Über eine „kapitalistische Oberklasse“ zieht er her, über Parteien, die sich nur noch an den Interessen der Wirtschaft ausrichteten.

Der Halbire hält bei Köln. Ein Pärchen in einem Kleinwagen nimmt mich mit bis Remscheid. Von geht es weiter mit dem 75-jährigen Gunnar, einem Schweden. Was Gunnar unterwegs sagt, könnte auch von deutschen Islamgegnern stammen: Er ist überzeugt, dass Muslime und Christen nicht friedlich zusammenleben können. Er erzählt von Verbrechen, die mit Einwanderern in sein Land gekommen seien. Ob Gunnar weiß, dass die Zahl der Straftaten von Migranten hierzulande zuletzt gesunken ist? Beim Dortmunder Flughafen steige ich aus und male das Wort „Bielefeld“ auf mein Pappschild. Ein schwarzer Kombi stoppt.

Der Besserverdiener

Lars Müller sagt, ihm habe das Bielefeld-Schild gefallen. Dort kommt er her, dort muss er hin. Müller, 48, Softwareentwickler, geänderter Name, bezeichnet sich als Besserverdiener. Politisch stehe er den Gewerkschaften nahe. Seit Jahren sei er im Betriebsrat. Wie Arbeitgeber mit ihren Angestellten umgingen, das rege ihn auf. In der Politik gehe es nur noch um die Wirtschaft, um Lobbyisten. Das Geld fließe immer nur nach oben.

An der Raststätte Gütersloh Süd an der A2 bei Bielefeld lässt mich der 48-Jährige raus. Zwei junge Niederländer nehmen mich nach Hannover mit. Am nächsten Morgen stelle ich mich dort an den Autohof Garbsen Süd. Sofort hält ein Wagen.

Die Friedliebende

Conny Tell, dreifache Mutter aus Magdeburg, fährt am 08.08.2017 auf der Autobahn bei Hannover in Richtung Magdeburg.

Ein paar Stoffbären baumeln am Rückspiegel. Leise Popmusik summt aus dem Radio. Conny Tell nimmt häufig die Hand vom Lenkrad, um zu gestikulieren. Eigentlich traue sie keinem Politiker, sagt die dreifache Mutter aus Magdeburg. Mit Ausnahme der Kanzlerin: „Angie ist Angie - ich mag die Frau. Die hatte es als Ostkind auch nicht leicht.“ Conny Tell muss selbst gerade kämpfen: Die 49-Jährige hat ihren langjährigen Job in einem Call-Center verloren und lebt in Trennung. Aber sie sieht sich als „Stehauf-Männchen“. Sie macht eine Fortbildung zur Bürokauffrau. „Man kann ja nicht den Kopf in den Sand stecken.“ Die AfD ist ihr nicht geheuer, die rechte Gewalt macht ihr Angst.

Tell lässt mich an der Raststätte Börde Süd bei Magdeburg raus. Nach einer Viertelstunde hält ein Cabrio. Ein junger Typ mit Sonnenbrille, Baseball-Mütze und Drei-Tage-Bart winkt mir zu.

Der Mit-Allen-Klarkommer

Paul Blumrath, aufgenommen am 08.08.2017 auf der Stecke Magdeburg-Berlin.

Es gibt Dinge, die sind Paul Blumrath wichtiger als Politik. Gutes Essen zum Beispiel. Je aufgeregter die Weltpolitik werde, desto weniger wolle er von Trump und Co. hören. „Ich mag die Panikmache nicht“, sagt er. Der 26-Jährige mag Multikulti, wie er erzählt. In Berlin lebte er mit Schwulen in einer WG, in Marburg mit Linksalternativen, im Fitnessstudio trainierte er mit Flüchtlingen. „Ich will mit allen Gruppen klarkommen“, sagt er, „verstehen, warum es Vorurteile gibt“. Paul Blumrath bewirbt sich derzeit auf ein Masterstudium in Berlin. Betriebswirtschaftslehre.

Paul lässt mich in Berlin-Schöneberg raus. Am nächsten Morgen stelle ich mich im Nordosten der Stadt an die B2 vor eine Brücke und halte mein „Templin“-Schild raus. Nach wenigen Minuten bremst ein Wagen.

Die Aktivistin

dpa-Story - Per Anhalter durch die Republik

Nena Bosbach denkt viel übers Auswandern nach, auch wenn sie nicht weiß wohin. In Deutschland fehle ihr Solidarität und soziale Gerechtigkeit, sagt sie. Zur Arbeit pendelt die 33-Jährige von Berlin nach Templin, wo sie Psychologin in einem Krankenhaus ist. „Da hängen die Wahlplakate der AfD und NPD schon tiefer, weil sie nicht abgerissen werden“, berichtet sie. Als Jugendliche habe sie ihre Haare grün gefärbt, da war sie ein Punk. Heute engagiert sie sich in Vereinen gegen Rechts. Sie hilft Flüchtlingen bei Behördengängen. Wenn sie mit ihrem schwarzen Bekannten Bahn fahre, bleibe auch mal ein Platz neben ihm frei, klagt sie über Vorurteile. Sie hofft, dass die Kinder der Flüchtlinge in einem weltoffeneren Deutschland leben werden. Sonst packe sie ihre Sachen.

Nena Bosbach parkt am Krankenhaus in Templin: über 16 000 Einwohner, Fachwerkhäuser und eine hübsche Stadtmauer. Drumherum liegen viele Seen. Auf dem Marktplatz will keiner über Politik sprechen. „Damit haben wir nichts zu tun“, winkt eine Rentnerin ab. „Ändern können wir nüscht“, sagt ein Taxifahrer, der am Rathaus auf Kundschaft wartet. Angela Merkel kenne er nur aus dem Fernsehen. Aber er weiß, wo sie aufgewachsen ist - und beschreibt den Weg zum „Waldhof“ am Stadtrand. Auf dem Gelände werden heute auch Behinderte betreut. Mittendrin steht das gelb-grüne „Haus Fichtengrund“. Dort treffe ich einen jungen Mann in blauer Arbeiterhose im Treppenhaus.

Der Nachbar der Kanzlerin

dpa-Story - Per Anhalter durch die Republik

Johannes Hein steht vor seiner Wohnungstür und raucht. Der Landschaftsbauer hat Mittagspause. Medienrummel ist er gewohnt. In der Wohnung neben seiner ist die Kanzlerin als Mädchen aufgewachsen. Würde Merkel heute als Politikerin dort noch wohnen, müsste sie sich im Treppenhaus womöglich unangenehmen Fragen stellen. Die Flüchtlinge, die bereiteten ihm Sorgen, beschwert sich Hein. Wieso? Seine Schwester sei in Templin fast von einem Asylbewerber attackiert worden, gibt er als Begründung seines Misstrauens an. Die da oben machten ihr Ding, er mache seins, sagt der 20-Jährige.

„Die da oben“. Mit diesen Worten endet die Reise quer durchs Land am ehemaligen Elternhaus Merkels. Von politischem Desinteresse, über das manche klagen, ist auf dieser Tour nur hier und da etwas zu spüren. Insgesamt gibt es nicht nur Gutmenschen und Wutbürger, sondern viele Zwischentöne. Die Deutschen mögen besorgt sein, enttäuscht, einige mögen nicht zur Wahl gehen. Aber eines sind sie nicht: unpolitisch.

Nico Pointner, dpa

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