1. Soester Anzeiger
  2. Politik

Wassernot und Mega-Inflation: Italiens Regierungskrise birgt große Risiken für Deutschland und Touristen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Patrick Mayer

Kommentare

Will zurücktreten, darf aber nicht: Italiens Ministerpräsident Mario Draghi.
Will zurücktreten, darf aber nicht: Italiens Ministerpräsident Mario Draghi. © IMAGO/Massimo Di Vita

Die neuerliche Regierungskrise trifft Italien zu einer Unzeit. Der Norden ächzt zwischen Mailand und Venedig unter der Wassernot, die Inflation setzt der Wirtschaft zu. Auch Deutschland drohen Folgen.

München/Rom - Italien taumelt immer weiter in die Krise, und das mitten in der wirtschaftlich wichtigen Urlaubssaison. Dürre und Waldbrände setzen dem Norden zwischen Mailand (Lombardei), Gardasee und Venedig (Venetien) zu. Die Landwirtschaft und die riesige Nahrungsmittelindustrie ächzen unter der Trockenheit. Hinzukommen eine galoppierende Inflation und die Energiekrise durch den Ukraine-Krieg.

Italien: Ministerpräsident Mario Draghi will zurücktreten - darf aber nicht

Und jetzt auch noch das: Mario Draghi, Italiens Ministerpräsident, will in dieser Situation zurücktreten, darf das aber nicht. Die Koalition der „Nationalen Einheit“ existiere nicht mehr, hatte der 74-jährige Römer am Donnerstag (14. Juli) mitgeteilt: „Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich heute Abend meinen Rücktritt beim Präsidenten der Republik einreichen werde. Die Mehrheit der nationalen Einheit, die diese Regierung bei ihrer Entstehung unterstützt hat, ist nicht mehr vorhanden.“

Sein Koalitionspartner, die Fünf-Sterne-Bewegung, war unter Parteichef und Draghi-Vorgänger Guiseppe Conte einer Vertrauensabstimmung ferngeblieben. Zuvor wurde über ein Konjunkturpaket gestritten. Nur: Staatspräsident Sergio Mattarella lehnte das Rücktrittsgesuch ab.

Im Video: Italiens Regierungschef Draghi kündigt Rücktritt an

Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union (EU), wird damit umgehend zum Unsicherheitsfaktor innerhalb der Eurozone. Als wichtigster Gradmesser für das italienische Risiko an den Finanzmärkten gilt laut Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) der Zinsabstand zwischen den zehnjährigen Staatsanleihen aus Italien und Deutschland. Dieser Zinsabstand schnellte demnach um mehr als 5 Prozent auf 222 Punkte in die Höhe. Laut dem Bericht würde die linksliberale Fünf-Sterne-Bewegung fürchten, bei der nächsten Wahl unterzugehen, da die Umfragewerte schlecht seien. Deshalb stelle sie sich quer.

Während in der Hauptstadt politisch gerungen wird, wartet die Wirtschaft indes auf Signale aus Rom. Nachdem sie zuvor ordentlich gewachsen war und gute Monate hinter sich hatte. So wird wegen großzügiger Investitionsförderung für Haushalte viel gebaut, die Tourismusbranche boomt. Die Folge: Die EU-Kommission hatte die Wachstumsprognose für Italien für dieses Jahr zuletzt von 2,4 auf 2,9 Prozent angehoben.

Italien: Tourismus und Bauwirtschaft boomen - doch Gas-Krise macht Sorgen

Ein Beispiel: Wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA berichtete, werden nach Angaben des Forschungsinstituts JFC Observatory in den Badeortschaften am Meer 418,5 Millionen Übernachtungen und ein Umsatz von 31,8 Milliarden Euro für die Sommermonate erwartet. Und das gilt nur für den Strandtourismus. Besagter Umsatz soll demnach um mehr als sechs Milliarden Euro höher liegen als 2021. Schon im Juni kamen 800.000 mehr Touristen als im Vergleichszeitraum 2019, insgesamt besuchten neun Millionen Ausländer die Urlaubsdestinationen zwischen italienischer Riviera in Ligurien, der Adria bei Venedig und der Amalfiküste im Süden.

Wichtiger Wirtschaftsfaktor: Der Tourismus in Italien, hier ein Strand in Savona (Ligurien).
Wichtiger Wirtschaftsfaktor: Der Tourismus in Italien, hier ein Strand in Savona (Ligurien). © IMAGO / blickwinkel

Aber: Für 2023 hat die EU-Kommission die Wachstumsprognose von 1,9 auf 0,9 Prozent gesenkt. Denn: Italien ist ähnlich abhängig von russischem Gas wie Deutschland. In dieser Gemengelage reist Draghi an diesem Montag (18. Juli) nach Algerien, dem mittlerweile wichtigsten Gaslieferanten seines Landes. Er muss als Regierungschef diesen Termin wahrnehmen. Wie überall in der EU geht es auch Rom darum, die Gaslieferungen insbesondere für die kalten (oder zumindest kälteren) Monate sicherzustellen. Und damit auch die galoppierende Inflation etwas einzudämmen.

Seit 36 Jahren war die Inflation in Italien nicht mehr so hoch wie derzeit. Vor allem Energie- und Lebensmittelpreise sind rasant gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahresmonat lag die Teuerung im Mai im Schnitt bei 6,9 Prozent. Mancherorts kostet ein halbes Kilo Büffelmozzarella mittlerweile 9,30 Euro. Es ist nur ein Beispiel unter vielen. „Die Inflation trifft die untersten Einkommensschichten. Die Regierung hat etwa 30 Milliarden Euro ausgegeben, um die Auswirkungen der Energiepreise auf die ärmsten Familien abzumildern, und auch bei den Unternehmen wurde eingegriffen. Wir werden weiterhin alles tun, was nötig ist, um zu helfen“, hatte Draghi Anfang Juni gesagt. Nach dessen Rücktritt könnte auch das Verhältnis Italiens zu Russland in ein neues Licht geraten.

Die Inflation trifft die untersten Einkommensschichten.

Mario Draghi, Italiens Ministerpräsident

Italien: Risiken durch Regierungskrise für Eurozone - Kosten-Gefahr für Touristen und Urlauber

Doch jetzt steht er einer instabilen Regierung vor, die er selbst nicht mehr will. Das politische Europa ist nervös. Mit knapp 60 Millionen hat Italien deutlich mehr Einwohner als das einst kriselnde Griechenland (10,3 Millionen Einwohner). Taumelt die italienische Wirtschaft, birgt das innerhalb der Eurozone auch große Risiken für die Mitgliedstaaten, die aushelfen müssten. Nicht zuletzt gilt das für die größte Volkswirtschaft der EU, Deutschland.

Und: Die Regierungskrise Italiens kann die Touristen monetär erheblich treffen. So muss die Regierung sowohl die galoppierenden Energiepreise als auch die hohe Inflation in den Griff bekommen. Ansonsten werden deren Auswirkungen auf die Preise in Restaurants, Supermärkten oder bei Hotel-Buchungen umgelegt. Auch diese Branche schaut deshalb gebannt nach Rom. (pm)

Auch interessant

Kommentare