Drama um Migranten

Flüchtlinge im Mittelmeer: EU berät über Schleppereinsatz

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Tausende Flüchtlinge erreichen den Hafen von Piräus.

Athen/Istanbul/Brüssel/New York - Das Flüchtlingsdrama in der Ägäis dauert an. Wieder sind Menschen auf Booten ums Leben gekommen. Tausende Flüchtlinge erreichen von den Inseln aus mit Fähren das Festland. Die EU will nun Konsequenzen ziehen. 

Die EU-Verteidigungsminister beraten am Donnerstag in Luxemburg über Pläne, Europas Militäreinsatz gegen Schlepperbanden im Mittelmeer auszuweiten (ab 8.30 Uhr). Nach dem Tod von 700 Flüchtlingen hatte die EU im Mai einen Drei-Stufen-Plan zur Bekämpfung krimineller Schleuser beschlossen. Derzeit läuft die erste Phase, in der Informationen über Schleppernetzwerke gesammelt werden. Ab Oktober soll die zweite Phase gestartet werden, bei der Schiffe von Schleusern außerhalb der libyschen Küstengewässer gestoppt, beschlagnahmt und womöglich zerstört werden. Eine endgültige Entscheidung wird am Donnerstag noch nicht fallen. Daneben beraten die EU-Minister mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg über eine verstärkte Zusammenarbeit. Dabei geht es insbesondere um eine gemeinsame Strategie gegen sogenannte hybride Kriegsführung, die der Westen Russland im Ukraine-Konflikt vorwirft.

Die Flüchtlingskrise wird auch Thema im UN-Sicherheitsrat. Das mächtigste UN-Gremium werde das Problem in diesem Monat auf die Tagesordnung setzen, sagte Moskaus UN-Botschafter Witali Tschurkin am Mittwoch in New York. Russland führt den Rat in diesem Monat, der durch das Treffen der Staats- und Regierungschefs zur Vollversammlung Ende September geprägt ist.

Dem Sicherheitsrat liegt nach wie vor ein Resolutionsentwurf vor, der eine Ausweitung der Kontrollen im Mittelmeer vorsieht. Die internationalen Schiffsverbände könnten dann nicht nur in internationalen Gewässern, sondern auch direkt vor der Küste Libyens nach Schleppern suchen, die Flüchtlinge in oft nicht seetüchtigen Booten auf die lebensgefährliche Fahrt schicken.

Empörung über nummerierte Flüchtlinge in Tschechien

Die Markierung von Flüchtlingen mit Filzstiften auf der Haut durch die tschechische Fremdenpolizei ruft über die Landesgrenzen hinaus Empörung hervor. „Wie die Nazis in den Konzentrationslagern“, lautete am Mittwoch ein Kommentar im Kurznachrichtendienst Twitter, wo neben tschechischen auch polnische Internet-Nutzer ihrem Ärger Luft machten. Auch die Jüdische Gemeinde in Rom bezeichnete es als völlig inakzeptabel, dass Migranten mit Ziffern durchnummeriert würden

Die Polizei hatte mehr als 200 überwiegend syrische Flüchtlinge aufgegriffen, die in Budapest Züge in Richtung Deutschland gestürmt hatten. Eine Sprecherin der Fremdenpolizei begründete die Nummerierung mit der großen Zahl an Kindern unter den Flüchtlingen. Man sei bemüht gewesen, Eltern und ihre Kinder bei der Aufteilung auf Unterkünfte zusammenzuhalten.

Syrische Flüchtlinge werden in Tschechien nicht mehr an der Weiterfahrt nach Deutschland gehindert. Die tschechische Fremdenpolizei bringe aufgegriffene Syrer, sofern sie in Ungarn Asyl beantragt haben, ab sofort nicht mehr in Abschiebelager, sagte eine Polizeisprecherin der Agentur CTK. „Wir lassen sie mit der Maßgabe frei, innerhalb von sieben Tagen das Land zu verlassen, und begleiten sie zum Bahnhof“, erläuterte sie. Alternativ werde den Flüchtlingen angeboten, in Tschechien Asyl zu beantragen. Damit reagiere Prag darauf, dass Ungarn die Flüchtlinge nicht länger zurücknehme, hieß es zur Begründung. Nach dem Dubliner Abkommen ist eigentlich das Land für das Asylverfahren zuständig, in dem ein Flüchtling zuerst EU-Gebiet betreten hat.

Flüchtlinge vor türkischer Küste ertrunken

In der Ägäis spielen sich derweil weiterhin dramatische Szenen ab. Beim Untergang von zwei Flüchtlingsbooten vor der türkischen Küste sind am Mittwoch mindestens elf Menschen ertrunken. Unter den Toten seien drei Kinder, berichtete die türkische Nachrichtenagentur DHA. Fünf der überwiegend aus Syrien stammenden Flüchtlinge würden noch vermisst. Die Boote seien vom westtürkischen Akyarlar im Bezirk Bodrum aus gestartet und hätten die griechische Insel Kos als Ziel gehabt. Einige Migranten konnten nach dem Unglück zurück zur türkischen Küste schwimmen. 

In der griechischen Hafenstadt Piräus kamen am frühen Mittwochmorgen 2500 Migranten an Bord der Fähre „Eleftherios Venizelos“ an. Bereits am späten Dienstagabend hatte die Fähre „Tera Jet“ mehr als 1700 Migranten nach Piräus gebracht, wie die griechische Küstenwache am Mittwoch mitteilte. Die Schiffe hatten die Migranten aus der völlig überfüllten Insel Lesbos abgeholt. Beide Fähren sollten am Nachmittag erneut auslaufen, um weitere Migranten zum Festland zu bringen. In der kommenden Woche soll nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur eine dritte Fähre auf dieser Route eingesetzt werden.

Auch am Mittwoch kamen nach Berichten örtlicher Medien Hunderte Migranten aus der Türkei auf den griechischen Ostägäisinseln an. Sie kommen meist mit einfachen Schlauchbooten, die leicht kentern. In den vergangenen Wochen versammelten sich Hunderte Flüchtlinge vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in Bodrum, um auf die von Schmugglern organisierte Überfahrt nach Kos und Kalymnos zu warten.

Chaos auf den Inseln

Die Türkei hat nach Regierungsangaben rund zwei Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Nur ein kleiner Teil ist in einem der 25 Flüchtlingslager untergebracht. Außerhalb der Lager sind die Flüchtlinge auf sich alleine gestellt.

Der Weg der Flüchtlinge aus der Türkei führt von Griechenland über Mazedonien und Serbien nach Ungarn und Österreich. Viele der überwiegend syrischen Flüchtlinge wollen weiter nach Deutschland.

Auf Inseln der Ostägäis herrschen teils chaotische Zustände. Hunderte Migranten schlafen im Freien und werden nicht richtig versorgt, weil die Behörden kein Geld haben. Betroffen sind vor allem die Inseln Leros, Kos, Lesbos, Kalymnos, Samos und Agathonisi. Auf Lesbos kam es am Mittwoch erneut zu Protesten Hunderter Migranten im Hafen des Hauptortes der Insel Mytilini. Sie forderten mehr Fähren, die sie zum Festland bringen sollen.

Hunderte Migranten haben am Mittwoch erneut stundenlang unter praller Sonne an der griechisch-mazedonischen Grenze auf einen weiteren Schritt in Richtung Westeuropa ausgeharrt. Um chaotische Zustände zu vermeiden, ließen die Behörden die Menschen in Gruppen von rund 50 Menschen die Grenze passieren. Anschließend gingen die Migranten auf mazedonischer Seite in Gevgelija zum Bahnhof und nahmen einen Zug nach Serbien. Vorrang hätten Kinder und Frauen, berichteten Reporter vor Ort im griechischen Fernsehen. Die überwiegend aus Syrien, Afghanistan und Pakistan stammenden Migranten waren in den vergangenen Tagen mit Fähren von den griechischen Inseln zum Festland gekommen.

dpa/AFP

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