Experte Fauci findet‘s „bizarr“

„Messer gezückt“: Trump demontiert Star-Virologen spektakulär - nun sind selbst Vertraute irritiert

Donald Trump hält an seinem Kurs in der Corona-Krise fest - und geht nun sogar gegen einen Regierungsberater vor. Auch Republikaner sind irritiert.

  • Die USA sind weiter auf das Heftigste von der Corona-Pandemie* betroffen.
  • Präsident Donald Trump fordert dennoch Lockerungen - und erntet Gegenwind von Berater Anthony Fauci.
  • Nun will Trump den Virologen offenbar diskreditieren, irritiert damit aber sogar enge Vertraute.

Washington - Es dürfte Seltenheitswert haben, dass Fanartikel von Gesundheitsexperten produziert werden. In Deutschland bekommt Viren-Experte Christian Drosten zwar einen Punksong - aber US-Immunologe Anthony Fauci ist inzwischen so prominent in den Vereinigten Staaten, dass es Sweatshirts, Socken und natürlich Schutzmasken mit seinem Konterfei zu kaufen gibt. 

Mit seiner ruhigen Art versucht er, den Amerikanern in der Corona-Pandemie nicht nur Rat, sondern auch Halt zu geben. Dabei scheut sich der 79-Jährige nicht, Einschätzungen von Präsident Donald Trump* zu widersprechen. Nun scheint es, als wolle Trumps-Regierung Fauci diskreditieren. Der jüngste Höhepunkt: Ein Gastbeitrag von Trumps Handelsberater Peter Navarro in der Zeitung USA Today.

Dabei gehört Fauci selbst zur Corona-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses. Der Experte warnt davor, die Gefahr durch das Virus zu unterschätzen und Schutzmaßnahmen vorschnell zu lockern. Damit liegt er über Kreuz mit Trump, der möglichst rasch zur Normalität zurückkehren möchte und die Bedrohung herunterspielt - etwa, indem er sagt, dass 99 Prozent der Infektionen „völlig harmlos“ verliefen. Fauci widersprach dem in der Financial Times und verwies darauf, dass es auch bei nicht-tödlichen Infektionen schwere Krankheitsverläufe geben könne.

Corona: Üble Rekordwerte in den USA - Statistiken sprechen nicht für Trumps Kurs

Während der Präsident also vor allem mit Blick auf die wirtschaftliche Öffnung vorprescht, steht der Immunologe mit seinen Warnungen auf der Bremse. Und die Statistiken scheinen Fauci recht zu geben. 

Die Zahl der Neuinfektionen in dem Land mit seinen rund 330 Millionen Einwohnern steigen seit der Rücknahme von Schutzmaßnahmen in den Bundesstaaten wieder dramatisch an. Erst am Dienstag verzeichneten die Forscher der Johns-Hopkins-Universität mit 67.417 Ansteckungen binnen 24 Stunden einen neuen Höchststand. Zum Vergleich: Die Gesundheitsämter in Deutschland (rund 83 Millionen Einwohner) meldeten am Dienstag 351 neue Corona-Infektionen.

Corona-Krise in den USA: Trump gegen Virologe Fauci? Wem vertrauen die Amerikaner?

Trump hat mit fragwürdigen Aussagen Glaubwürdigkeit verspielt - etwa mit jener Überlegung im April, ob es im Kampf gegen das Virus helfen könnte, Menschen Desinfektionsmittel zu spritzen (was er später als „Sarkasmus“ relativierte). Auch sein Dauer-Optimismus, wonach die Krise bald überwunden ist, deckt sich seit Langem nur schwerlich mit der tatsächlichen Lage. Kritiker werfen ihm außerdem vor, von eigenen Verfehlungen in der Krise ablenken zu wollen, indem er Sündenböcke sucht - lange schon macht der Präsident China für die Pandemie verantwortlich. Nun scheint Fauci ins Visier geraten zu sein.

Wie es um das Vertrauen der Amerikaner in der Corona-Krise bestellt ist, zeigte eine Ende Juni veröffentlichte Umfrage des Forschungsinstituts Pew: 30 Prozent der Befragten meinten, Trump und seine Regierung lägen mit den Fakten in der Pandemie fast immer oder meistens richtig. 64 Prozent bescheinigten das den Gesundheitsbehörden - Fauci ist der Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten. Trump reagierte zuletzt unerwartet auf schlechte Umfragewerte.

Corona: Trumps Weißes Haus verschickt Liste mit Fehlern Faucis - „Messer sind gezückt“

An Faucis Ruf soll nun offenbar mitten in der Krise - und einige Monate vor der US-Präsidentenwahl* - gekratzt werden. In der vergangenen Woche widersprach der Präsident in der Sendung „Full Court Press“ Faucis Einschätzung, dass die USA immer noch „knietief“ in der ersten Coronavirus-Welle steckten. Seinem Haussender Fox News sagte Trump kurz darauf, Fauci sei „ein netter Mann, aber er hat viele Fehler gemacht“. Am Wochenende zitierten US-Medien dann einen ungenannten Regierungsvertreter, mehrere Mitarbeiter im Weißen Haus seien besorgt darüber, wie oft Fauci sich geirrt habe.

Um diesen Vorwurf zu untermauern, verschickte das Weiße Haus an ausgewählte US-Medien eine Aufzählung mit früheren Aussagen Faucis. Der Sender CNN verglich die Liste mit einer Recherche über einen politischen Gegner. Die Washington Post schrieb: „Für Anthony S. Fauci sind im Weißen Haus die Messer gezückt.“

Trump-Vertrauter schießt gegen Fauci - hat der US-Präsident ihn dazu ermutigt?

Am Dienstag schrieb Trump-Berater Navarro dann, Fauci habe in jedem Punkt, in dem er mit ihm in der Krise zu tun gehabt habe, falsch gelegen. „Wenn Sie mich also fragen, ob ich auf Dr. Faucis Rat höre, ist meine Antwort: nur mit Skepsis und Vorsicht.“ 

Das Weiße Haus ruderte am Mittwoch zwar zurück und teilte mit, der Gastbeitrag habe nicht den Genehmigungsprozess durchlaufen und gebe nur Navarros Meinung wieder. Trump äußerte sich ähnlich und betonte, er habe „ein sehr gutes Verhältnis“ zu Fauci. Die Los Angeles Times zitierte allerdings einen ungenannten Regierungsvertreter, demzufolge Trump Navarro gar zu dem Gastbeitrag ermutigt habe.

Trump-Lager schießt gegen Corona-Experten - Virologe Fauci wehrt sich

Fauci - der unter allen US-Präsidenten seit Ronald Reagan gearbeitet hat - macht nicht den Eindruck, als ließe er sich einschüchtern. In einem Interview der Zeitschrift The Atlantic wurde er auf die Versuche der Regierung angesprochen, ihn zu diskreditieren. „Das ist ein bisschen bizarr“, sagte Fauci. 

Anthony Fauci bei einer Befragung des Repräsentantenhaus zu Donald Trumps Corona-Politik.

Er stehe zu seinen früheren Aussagen, die im damaligen Kontext „absolut wahr“ gewesen seien. Die Liste sei „Unsinn“. Dass das Weiße Haus sie verschickt habe, sei ein Fehler gewesen, den er sich in seinen kühnsten Träumen nicht erklären könne. Über Navarro sagte Fauci: „Er lebt in seiner eigenen Welt.“

Corona-Turbulenzen im Weißen Haus: Sogar Trump-Verbündete auf Virologen-Seite?

Fauci betonte, er denke mitten in der Pandemie nicht an Rücktritt. „Das Problem ist zu wichtig, um mich auf solche Gedanken und Diskussionen einzulassen. Ich will einfach nur meine Arbeit machen. Ich bin wirklich gut darin. Und ich werde sie weitermachen.“

Rückendeckung erhält er dabei auch aus dem Trump-Lager. Senator Lindsey Graham - ein enger Verbündeter des Präsidenten - sagte mit Blick auf die Pandemie: „Wir haben kein Doktor-Fauci-Problem. Wir müssen uns darauf konzentrieren, Dinge zu tun, die uns dorthin bringen, wo wir hin müssen.“ Er habe „allen Respekt der Welt“ vor Fauci. 

„Ehrlich gesagt denke ich, dass jegliche Bemühungen, ihn zu schwächen, nicht produktiv sein werden.“ Der Mehrheitsführer von Trumps Republikanern im US-Senat, Mitch McConnell, wurde am Mittwoch gefragt, wie sehr er Fauci vertraue. McConnells Antwort: „Total.“

Wegen des Coronavirus ist in den USA die Arbeitslosigkeit gestiegen. Mit ihrer neuen Kampagne, die sich an Betroffene richtet, erntete Ivanka Trump nun Kritik. Weiteres über die Entwicklungen der Corona-Pandemie in den USA lesen sie in unserem News-Ticker. (dpa/fn) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © dpa / Patrick Semansky

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