Nach US-Abzug

Wird China zur Schutzmacht Afghanistans? Peking strebt nach Sicherheit – und spricht sogar mit den Taliban

China will sich nach dem Abzug der USA in Afghanistan engagieren. Oberstes Ziel ist die Sicherheit vor Terroraktivitäten. Dafür spricht Peking sogar mit den Taliban.

Kabul/Tianjin/München - Wie geht es weiter in Afghanistan nach dem Abzug der US-amerikanischen Truppen und ihrer Verbündeten? Die Taliban sind auf dem Vormarsch; es droht ein Machtvakuum und im schlimmsten Fall Bürgerkrieg. Was Beobachter seit einer Weile vermuten, hat sich diese Woche bestätigt: China* will sich in dem Staat am Hindukusch, mit dem die Volksrepublik eine 75 Kilometer lange Grenze teilt, engagieren. Vor wenigen Wochen hatte sich Außenminister Wang Yi mit seinem afghanischen Amtskollegen Mohammad Hanif Atmar getroffen. Diese Woche tagte Wang mit einer Delegation der radikalislamischen Taliban.

China hat ebensowenig wie der Westen ein Interesse daran, dass Afghanistan im Bürgerkrieg versinkt oder wieder zum Exporteur von Drogen und Terror wird. Gleichwohl hat Peking als Regionalmacht natürlich auch eigene Ziele - ökonomisch und strategisch. Bei einem Treffen mit seinen afghanischen und pakistanischen Amtskollegen im Juni versprach Wang Yi, „die Taliban wieder in den politischen Mainstream zu bringen“, und bot an, innerafghanische Friedensgespräche auszurichten. 

Damit würde China eine konstruktive Rolle spielen, die dem Land bei späteren wirtschaftlichen Interessen zugute kommen könnte. So möchte Peking unter anderem Afghanistan durch den Bau einer Autobahn von Kabul ins pakistanische Peshawar an den China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) anbinden, der eines der zentralen Infrastrukturprojekte der Neuen Seidenstraße* ist. Auch soll Peking an Mineralien wie Erz, Kupfer oder Lithium interessiert sein, die unter der Erde Afghanistans lagern.

China: Sorge um die Sicherheit der Region

Wang Yi und Mullah Abdul Ghani Baradar: China und die Taliban sind keine natürlichen Verbündeten - aber sprechen trotzdem miteinander.

Afghanistan befindet sich indes bereits mit einem Fuß im Bürgerkrieg. Seit dem Abzug der meisten westlichen Truppen übernehmen die Taliban einen Distrikt nach dem anderen, viele davon kampflos. Die Taliban behaupten, bereits 85 Prozent des Landes unter ihrer Kontrolle zu haben – Beobachter sprechen eher von der Hälfte. Die USA bombardieren die Aufständischen teils aus der Luft. „Im absoluten Best-Case-Szenario könnten sich die afghanische Regierung und die Taliban die Macht teilen, aber das erscheint immer mehr als Wunschdenken“, glaubt Derek Grossman, Verteidigungsexperte der US-Denkfabrik Rand Corporation. Noch ist aber nicht ausgemacht, dass die Taliban das gesamte Land übernehmen werden; neben der afghanischen Armee rüsten sich regionale Warlords wieder zum Kampf gegen die Aufständischen. 

Und so geht es China zunächst einmal vor allem um Sicherheit. Ziel müsse sein, ein Übergreifen der Sicherheitsrisiken Afghanistans auf die Region wirksam einzudämmen und die allgemeine Stabilität zu gewährleisten, sagte Wang Yi kürzlich in Pakistan. Für die zunehmend instabile Lage gab China bereits mehrfach den USA wegen ihres überhasteten Abzugs die Schuld* – zuletzt bei dem Treffen Wangs mit der amerikanischen Vize-Außenministerin Wendy Sherman. 

Afghanistan: Friedhof der Großmächte

Die Amerikaner sind in Afghanistan letztlich genauso gescheitert wie zum Ende des Kalten Krieges die Sowjetunion oder in der Kolonialzeit die Briten in ihrer Konfrontation mit dem russischen Zarenreich. Afghanistan gilt daher als „Friedhof der Imperien“. Auch China dürfte das wissen – und scheint dennoch ein Engagement als vielversprechend oder zumindest notwendig zu erachten. Dabei agiert Peking realpolitisch und spricht daher mit beiden Seiten. Wer am Ende in Kabul regiert, ist Chinas Regierung weniger wichtig als der Erhalt der Sicherheit in der Region.

Chinas Realpolitik: Gespräche mit der Regierung in Kabul und mit den Taliban

Beim Treffen mit Außenminister Atmar Mitte Juli wiederholte Wang Yi das Angebot, in China Friedensgespräche zwischen der Regierung und den Taliban auszurichten. Wang sagte Atmar zudem zu, nicht aufgrund geopolitischer Erwägungen zu agieren. „China spielt definitiv eine Rolle bei der Schaffung eines regionalen Konsenses, der Zusammenarbeit mit Pakistan und der Unterstützung des Friedensprozesses”, sagte Atmar der US-Zeitschrift Foreign Policy. Auch übe Peking den notwendigen Druck auf die Taliban aus, so Atmar. Kabul scheint ein Engagement Chinas also durchaus zu befürworten.

Ebenso die Taliban: Deren Sprecher Suhail Shaheen nannte China kürzlich ein befreundetes Land: „Wir begrüßen es für den Wiederaufbau und die Entwicklung Afghanistans.“ Natürlich werde man die Sicherheit chinesischer Investitionen gewährleisten, so Shaheen. Nun reisten die Gotteskrieger gar nach China, angeführt von Mullah Abdul Ghani Baradar, dem Vorsitzenden des Politischen Komitees der Taliban. Fotos von dem Treffen in der Hafenstadt Tianjin zeigen Wang Yi und seinen Vize in einer Reihe mit einer größeren Gruppe von Taliban-Anführern in traditionellen Gewändern.

Ein ungewohnter Anblick, der optisch verdeutlicht, wie wenig die Kommunistische Partei Chinas* ideologisch mit den radikalislamischen Taliban verbindet: Während in China etwa seit 1949 formal Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrscht, verboten die Taliban während ihrer Herrschaft Mädchen jegliche Schulausbildung, und zwangen alle Frauen unter eine Burka. Mullah Abdul Ghani Baradar ist als einer der Taliban-Gründer für diese Politik mit verantwortlich. Umgekehrt verbietet China Muslimen in Xinjiang* wie den Uiguren, Bärte oder Kopftücher zu tragen oder den Fastenmonat Ramadan einzuhalten. Natürliche Verbündete sind die Gotteskrieger und Peking daher wahrlich nicht.

Zumal Peking den Taliban seit vielen Jahren vorwirft, islamistischen Terror in China zu unterstützen. Wang Yi forderte die Taliban in Tianjin auf, ihre Verbindungen zur Islamischen Bewegung Ostturkestans (ETIM) abzubrechen. ETIM wird von Peking für Terrorattacken in der muslimisch geprägten Nordwestregion Xinjiang verantwortlich gemacht und stand jahrelang auch auf Terrorlisten der USA. Wang betonte dennoch, eine Rolle der Taliban bei Versöhnung und Wiederaufbau Afghanistans anzuerkennen.

Afghanistan: Unsichere Lage am Hindukusch - auch mit Gefahren für China

Chinas einziger Grenzübergang nach Afghanistan ist im einsamen Gelände zwischen Xinjiang und dem Wakhan-Korridor – auf der Landkarte der sogenannte „Griff” des Landes im äußersten Nordosten. Die Grenzen des 350 km lange Korridors durch ein atemberaubend schönes Berggebiet wurden 1893 als Pufferzone zwischen Britisch-Indien und dem zaristischen Russland gezogen, die sich in Zentralasien Machtspiele um Rohstoffe und Einfluss lieferten. Peking baut derzeit als Seidenstraßen-Projekt eine erste Schotterstraße durch den isolierten Streifen. Doch nun zogen die Taliban in Teile der Region ein. Peking dürfte dies durchaus nervös machen. 

Mitte Juli zeigte sich an anderer Stelle die Gefährlichkeit der unruhigen Region für China. Bei der Explosion eines Busses mit chinesischen Vertragsarbeitern in Pakistan starben mindestens 13 Menschen, weitere wurden verletzt. Die Chinesen waren auf dem Weg zur Baustelle eines Seidenstraßen-Projekts nahe der afghanischen Grenze. Pakistan suchte zunächst nach Unfallursachen, während Peking sofort von einem Anschlag sprach. Später räumte auch Islamabad einen terroristischen Hintergrund ein; das Land kämpft selbst mit radikalislamischen Separatisten - von denen viele wegen der Lage in Xinjiang nicht gut auf China zu sprechen sind.

Zu den afghanischen Taliban hatte Pakistan dagegen immer einen Draht. „Peking wird sich stark auf Islamabad stützen, um produktiv mit den Taliban zusammenzuarbeiten und sie vielleicht sogar zu kontrollieren“, ist Grossmann überzeugt. Kürzlich vereinbarten die Außenminister Chinas und Pakistans eine Zusammenarbeit zum Thema Afghanistan. 

Hindukusch: Großmachtgerangel um die Vormachtstellung

Dies wiederum macht Pakistans Erzrivalen Indien nervös, ein Land, das Peking gegenüber stets misstrauisch ist. Anfang Juli besuchte der indische Außenminister Moskau und Teheran, während gleichzeitig Taliban-Vertreter in beiden Städten gesichtet wurden. „Dies brachte die Frage auf, ob hinter den Kulissen Verhandlungen im Gange sein könnten”, schreibt Derek Grossmann in Foreign Policy.

Die Lage ist generell angespannt und unübersichtlich. Im Juli setzte die Shanghai Cooperation Organization – eine Wirtschafts- und Sicherheitsgruppe bestehend aus China, Indien, Pakistan, Russland und vier zentralasiatischen Staaten – die zukünftige Stabilität Afghanistans ganz oben auf die Agenda eines Außenministertreffens. Doch auch dort sei es mit der Einigkeit nicht weit her, warnt Derek Grossmann. Pekings wachsender Einfluss in der Region könne in Moskau den Verdacht aufkommen lassen, dass China plane, Russland als dominierende Macht in Zentralasien zu verdrängen. Es wirkt ein wenig wie die Wiederkehr der Großmachtspiele des 19. Jahrhunderts in der Region.

Und die USA? Präsident Joe Biden* betonte, die Afghanen könnten und sollten selbst entscheiden, wie sie ihr Land führen. Außenminister Antony Blinken sagte diese Woche in Indien, es wäre „positiv“, wenn Peking eine Art Regierung fördere, die „repräsentativ und inklusiv sei”. Jeder habe Interesse an einer friedlichen Lösung. Am 31. August will Biden den Abzug aus Afghanistan vollendet haben. Es ist gut möglich, dass die kommende Schutzmacht des Landes dann China heißt. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Li Ran/Xinhua/dpa

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