In der Sendung „Klartext“

Duell Putzfrau vs. Merkel: Was das ZDF den Zuschauern verschwiegen hat

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Kanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit Petra Vogel (M.).

Eine Reinigungskraft mit Igel-Frisur lässt die Kanzlerin eine gute Woche vor der Wahl alt aussehen. Doch wer ist die Frau eigentlich genau? Und wie gelang ihr der Coup in ihrem TV-Duell mit Merkel? 

Update vom 16. September 2017: Wären ihre Fragen zu unbequem für die Kanzlerin gewesen? Wie jetzt bekannt wird, lud das ZDF ein Berliner Terror-Opfer aus der Sendung „Klartext, Frau Merkel!“ aus.

Bochum/Berlin - Petra Vogel empfindet Genugtuung. Es hat sich viel aufgestaut in der Bochumerin - und jetzt hat sie der Kanzlerin so richtig einen eingeschenkt. Das war in der Sendung „Klartext, Frau Merkel“ im ZDF. Es ging um Vogels Minirente. Am Tag danach ist die Gebäudereinigerin zufrieden: „Es hat mir gut getan, der Kanzlerin mal meine Meinung zu sagen und ihr klarzumachen, dass sie sich nicht immer aus allem herauswinden kann.“ Der Fall wird heiß diskutiert: Wer ist Petra Vogel? Warum kommt die Kanzlerin beim Sozialen ins Schlingern? Hat das Fernsehen Angela Merkel eine Falle gestellt?

Petra Vogel ist Mitglied der Linkspartei

Es konnten einem fast die Tränen kommen beim Einspieler, mit dem das ZDF Petra Vogel vorgestellt hat. „Petra Vogel ist Reinigungskraft in einer Klinik - ein Knochenjob.“ Im Alter werde sie trotzdem mit 656 Euro Rente arm sein. Ein Stück Kabeljau vom Markt sei ihr größter Luxus.

Zwar erwähnt der Sender vor 3,8 Millionen Zuschauern, dass Vogel im Betriebsrat ist und auch an Tarifverhandlungen mitwirkt. Dass sie aber schon vor 14 Jahren zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde und seitdem vom Putzdienst in der Regel freigestellt ist, blieb unklar, ebenso dass sie in der Gewerkschaft IG Bau aktiv ist und seit 2004 Mitglied der Linkspartei. Allerdings hat Chefredakteur und Moderator Peter Frey die 150 Bürger, die Merkel löchern sollten, durchaus als „quer durch die politischen Lager“ angekündigt.

„Aber Frau Merkel, das ist nicht die Beantwortung meiner Frage“

Vogel jedenfalls kam der Kanzlerin gegenüber auf den Punkt mit ihrer Frage, warum es in Deutschland nicht auskömmliche Renten für alle gibt. Als Merkel die Vorzüge der Riesterrente lobte, hakte die 59-Jährige nach: „Aber Frau Merkel, das ist nicht die Beantwortung meiner Frage. Ich habe Sie gefragt, warum es in Deutschland nicht möglich ist, ein (...) Rentensystem zu schaffen, wo die Menschen wenigstens eine Grundrente von 1000, 1050 Euro bekommen können und nicht nach 40 Jahren Arbeiten am Bahnhof rumstreichen müssen, um Flaschen und Dosen zu sammeln.“

Merkel meinte, sie verstehe, verteidigte die Grundsicherung, gab zu bedenken, dass Reinigungsdienste auch oft aus Kliniken ausgegliedert seien und schlecht bezahlten. „Aber unser Rentensystem kann ich jetzt nicht versprechen, sofort zu ändern.“ - „Was heißt sofort?“, konterte Vogel. Tatsächlich will die Union laut Wahlprogramm erstmals nichts groß anders machen bei der Rente, während SPD und Linke eine schnelle grundlegende Rentenreform versprechen.

Bei den Linken Mitglied geworden ist die resolute Reinigungskraft, weil sie sich „so über die 'Agenda 2010' geärgert“ habe. In der Gewerkschaft sitzt sie in der Tarifkommission. Dass sie als in der Regel freigestellte Betriebsratsvorsitzende bessergestellt ist als ihre Kolleginnen, glaubt sie nicht. „Wenn Aufträge reinkommen, ist es nicht so, dass ich an meinem Bürosessel klebe, sondern helfe natürlich mit.“

Die Linke: „Wir haben da niemanden hingeschickt“

Beim ZDF betont man: „Es ging der Redaktion in den beiden 'Klartext'-Sendungen darum, die deutsche Gesellschaft in ihrer Vielfalt zu zeigen - Alt und Jung, Mann und Frau, Stadt und Land, Ost und West, Menschen mit und ohne klarer politischer Heimat.“ Die Moderatoren hätten einige der Gäste aus vorbereiteten Profilen oder Fernseh- und Netzformaten gekannt. Dass Vogel Mitglied der Linken ist, sei der Redaktion bekannt gewesen. Die Moderatoren hätten auch eine Orientierung gehabt, welche der eingeladenen Gäste zu welchen Themenkomplexen gut befragt werden können. Viel sei dann aber auch der Dynamik einer solchen Sendung geschuldet.

Die Linke beteuert, mit der Sache nichts zu tun zu haben. „Wir haben da niemanden hingeschickt“, sagt ein Parteisprecher. Allerdings freut man sich im Berliner Karl-Liebknecht-Haus, dass es offenbar nicht selten Linke sind, die in Gewerkschaften aktiv und auch sonst kampfeslustig sind.

Die Kanzlerin kam nach der Sendung noch zu Petra Vogel. Was hatten sich die beiden Frauen zu sagen? „Sie hat mir die Hand gegeben und gesagt, es täte ihr sehr leid, dass ich in so einer Situation bin“, sagt Vogel. „Man könne in der Politik eben nicht alles regeln, aber es würden sicher noch Nachbesserungen kommen.“

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dpa

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