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AfD in zwei Bundesländern stärkste Kraft - Weidel und Meuthen liefern dennoch eiskalt-skurrile Szenen

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Von: Florian Naumann

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Jörg Meuthen, Tino Chrupalla und Alice Weidel (v.l.) in der Bundespressekonferenz.
Unstimmigkeiten auf offener Bühne: Jörg Meuthen, Tino Chrupalla und Alice Weidel (v.l.) in der Bundespressekonferenz. © Political Moments/www.imago-images.de

Die AfD hat bei der Bundestagswahl Prozentpunkte eingebüßt - und wurde im Osten dennoch teils stärkste Kraft. Die Parteispitze streitet am Montag aber auf offener Bühne.

Berlin - Die AfD zählt unter dem Strich zu den Verlierern der Bundestagswahl: Nicht nur 2,3 Prozentpunkte haben die Rechtspopulisten verloren, sondern wohl auch die Rolle als Oppositionsführer im Parlament. Die dürften künftig entweder Union oder SPD übernehmen - oder die Grünen, sollte es tatsächlich noch einmal zu einer GroKo kommen. Allerdings hat die AfD gerade im Osten auch einen aus Sicht der politischen Mitte bedrohlichen Wählerzustrom verzeichnet.

In jedem Fall könnten der AfD* turbulente Monate ins Haus stehen: in der Pressekonferenz der Partei zum Wahlergebnis zeigten sich am Montag auf offener Bühne heftige Unstimmigkeiten in der Parteispitze. Sogar erste Indizien für einen Abgang des als für AfD-Verhältnisse gemäßigt geltenden Bundessprecher Jörg Meuthen gab es dabei. Es wäre das nächste Beispiel in einer langen Reihe von kontinuierlichen Rechtsrutschen in der AfD.

Bundestagswahl: AfD präsentiert Richtungsstreit auf offener Bühne - Meuthen rügt „Altparteien-Manier“

Denn während sich das Spitzenduo Alice Weidel und Tino Chrupalla mit dem Ergebnis insgesamt zufrieden zeigte, übte Meuthen scharfe Kritik an der Performance seiner Partei. Das Ergebnis dürfe nicht nach „Altparteien-Manier“ schöngeredet werden, sagte Meuthen während des gemeinsamen Auftritts. Zur Zukunft der AfD sagte er: „Wir müssen schauen, in welche Richtung bewegt sich diese Partei, kommen wir da auf einen gemeinsamen Nenner oder kommen wir das nicht.“

Meuthen forderte eine „innerparteilich klare Analyse“. Das Wahlprogramm und auch das Spitzenkandidatenduo hätten die „Kernklientel“ bedient, sagte Meuthen. Es sei aber nicht gelungen, neue Wählerschichten zu erreichen, kritisierte er - eine kaum verhohlene Kritik an einem seiner Ansicht nach zu stark rechtsgerichteten Kurs. In der AfD verlagert sich das Machtgefüge seit längerem in Richtung der radikalen Kräfte um den Thüringer Rechtsaußen Björn Höcke. 

Der Europaabgeordnete sagte etwa auch, die AfD müsse intern auch darüber reden, ob es klug gewesen sei, die Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union ins Wahlprogramm* zu schreiben. Er sei bei Wahlkampfveranstaltungen oft auf diese trotz aller Kritik an der EU für viele Wähler nicht nachvollziehbare Position angesprochen worden.

AfD: Weidel fährt Meuthen indirekt über den Mund - und schweigt zu Höcke-Frage

„100 Prozent zufrieden mit dem Ergebnis bin ich nicht unbedingt“, räumte Spitzenkandidat Tino Chrupalla ein, der die Partei seit knapp zwei Jahren als Co-Vorsitzender gemeinsam mit Meuthen führt. Er sprach dennoch von einem „sehr stabilen Ergebnis“. Co-Spitzenkandidatin Alice Weidel sagte, dass sie sich das Ergebnis „nicht schlecht reden lasse, von niemandem“. Auf die Frage, wie sie zu Meuthen stehe, sagte sie: „Er ist ein Charakterkopf. ich habe immer sehr gerne mit ihm zusammengearbeitet.“ Das klang schon ein wenig so, als sei Meuthen in der AfD schon Vergangenheit.

Ob er selbst auf dem Bundesparteitag im Dezember erneut für den Parteivorsitz kandidieren wird, ließ Meuthen offen. Auf eine Frage an Weidel, ob „der Faschist Björn Höcke“ ein möglicher Nachfolger sein könnte, herrschte kurz Stille auf dem Podium. „Alice, du bist gefragt worden“, sagte Meuthen. Die Fraktionschefin reagierte mit längerem Schweigen und einem „Hm?“. „Ich beantworte diese Frage nicht“, konstatierte sie schließlich.

Vorausgegangen war eine weitere skurril anmutende Szene. Nach Chrupallas Eingangs-Statement wollten zunächst weder Meuthen noch Weidel fortfahren. „Nein, der Bundessprecher“ sei dran, sagte Weidel in Richtung Meuthen, wie fr.de* berichtete. „Du bist zuerst dran“, sagte Weidel auf Nachfrage von Meuthen. Der reagierte lakonisch: „Sei‘s drum, können wir gerne so machen.“

AfD bei der Bundestagswahl: Rechtspopulisten werden stärkste Kraft in Sachsen und Thüringen

Allerdings hatte die hart rechte Partei am Sonntagabend auch gejubelt. In Sachsen und Thüringen wurde die AfD bei der Bundestagswahl stärkste Kraft: In Thüringen - wo die Partei um Landeschef Björn Höcke vom Verfassungsschutz beobachtet wird - standen am Ende 24 Prozent der Zweitstimmen zu Buche, in Sachsen sogar 24,6 Prozent. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern landete die AfD auf Platz zwei.

Den größten Zuspruch erhielt die Partei bei der Bundestagswahl nach ersten demoskopischen Analysen von Arbeitern und Arbeitslosen. Damit setzt sie den von Ex-Parteichef Alexander Gauland forcierten Kurs fort, sich als „Partei der kleinen Leute“ zu etablieren. Bei Selbstständigen und Rentnern schnitt die einstige „Professorenpartei“ dagegen deutlich schwächer ab. 

Bundestagswahl: AfD-Fraktion wählt neue Vorsitzende - Weidel und Chrupalla wollen „Doppelpack“ geben

Gauland selbst wird in der neuen Legislatur aber nicht mehr der AfD-Fraktion vorstehen. Die neue Fraktionsspitze soll am Mittwoch gewählt werden. Weidel und Chrupalla haben angekündigt, gemeinsam antreten zu wollen. So lief es auch vor vier Jahren. Nach der Bundestagswahl hatte sich Weidel gemeinsam mit Alexander Gauland um den Fraktionsvorsitz beworben. Meuthen sagte, er wolle sich in die Belange der Fraktion nicht einmischen, er halte es aber grundsätzlich für keine gute Praxis „im Doppelpack anzutreten“. (fn/AFP/dpa) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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