Zwangsarbeit: Lebendiges Erbe in Bochum bewahrt

Nachgestellt wird auf einer historischen Führung in Bochum-Gerthe das Leben der Zwangsarbeiterin. ▪

Von Ann-Christin Müller ▪ BOCHUM– Im Jahr der Kulturhauptstadt ist das basisdemokratische „Wohnprojekt Gerthe“, auf dessen Grundstück in der NS-Zeit ein Lager stand, ein besonders stiller Ort im Rahmen der Feierlichkeiten. Es ist eine Reise in längst vergessene Zeiten.

Wenn sich Andrea Harmes den alten Kittel mit dem Ost-Zeichen überzieht, in die dicken Holzschuhe schlüpft und das Kopftuch über die Haare bindet, dann spielt sie Klawdija, eine junge Ukrainerin, die während des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiterin in Bochum-Gerthe lebte. Im Jahr der Kulturhauptstadt ist das basisdemokratische „Wohnprojekt Gerthe“, auf dessen Grundstück in der NS-Zeit ein Lager stand, ein besonders stiller Ort im Rahmen der Feierlichkeiten. Historische Theaterführungen erinnern an die unrühmliche deutsche Vergangenheit und gehen vielen Besuchern unter die Haut.

Während der Bauarbeiten an einem Fundament waren vor Jahren in den Bodenuntersuchungen Industriegifte nachgewiesen worden. Eigentlich hätte die komplette Bebauung der Gemeinschaft abgerissen werden müssen. Doch dann stellte sich heraus, dass sie auf historischem Grund lebten. „Auch wenn die Nachricht schrecklich war, sie rettete die Kommune“, erzählt Ria Billmann, Bewohnerin des Wohnprojektes und Vorsitzende des Vereins „Bewahren durch Beleben“, der sich aktiv für die Aufarbeitung der Lagergeschichte einsetzt. Rund 60 Zentimeter Boden wurden rund um die Häuser abgetragen.

„Mit jeder Schicht Erde, die abgetragen wurde, kam Geschichte zutage, und wir haben uns der Vergangenheit genähert.“ Die Bewohner entschlossen sich, mit der Geschichte offensiv umzugehen und das Gelände nicht zu verlassen. Erst kamen sie in einer Geschichts-AG zusammen, dann gründeten sie den Verein „Bewahren durch Beleben“, und seit fast fünf Jahren bieten sie historische Führungen für Besucher.

„Mit den Führungen wollen wir das Geschehene dokumentieren und erfahrbar machen“, sagt Billmann. „Wir wollen Aussöhnung schaffen und zeigen, was aus den Menschen und Orten geworden ist“, ergänzt Andrea Harmes. Es gehe nicht darum, über das Geschehene mit erhobenem Zeigefinger zu urteilen oder die Namen der Täter zu nennen, sondern darum, Geschichte abzubilden und zu zeigen, wozu Menschen fähig seien. „Die Nachfolgegenerationen müssen das erfahren“, sagt Harmes.

Lange hatte Billmann in Archiven und alten Dokumenten recherchiert und Zeitzeugen befragt. Die in den Führungen beschriebenen Menschen habe es tatsächlich gegeben, auch die Geschichte von Klawdija sei real. Zusätzlich wurden aber auch andere Lebensgeschichten in die Erzählung mit hinein gewoben, um ein umfassenderes Bild der jeweiligen Zeit zu geben. Die Führungen erzählen die komplette Geschichte des Ortes.

Das Wichtigste aber sei, dass die Führungen nicht statisch und festgeschrieben, sondern lebendig und veränderbar seien, sagt Billmann. „Es ist auch schon vorgekommen, dass nach einer Führung Personen auf uns zukamen, die uns ihre eigene Geschichte oder die von Verwandten erzählten, die als Zwangsarbeiter in Bochum leben mussten. Diese Informationen haben wir dann wiederum in unsere Vorführung einfließen lassen.“

Mit Herzblut spricht die Sozialarbeiterin von ihren Führungen und dem Leben in der Gerther Gemeinschaft. Als junge Studentin kam sie vor über 20 Jahren nach Bochum. Sie erlebte den Zusammenhalt in der Gruppe in deren Anfangszeit in den 80er Jahren genauso mit wie die Entwicklung von einer alternativen Kommune zur Wohngenossenschaft.

Den größten Einschnitt erlebten die Bewohner im Jahr 2001. „Es war ein Schock für uns alle, als wir erfuhren, dass hier auf unserem alten Zechengelände nicht Wohnheime für Bergwerkslehrlinge standen, sondern dass dahinter ein ehemaliges NS-Zwangsarbeiterlager steckte“, erinnert sich die Bewohnerin.

Neben der Geschichte von Klawdija erwecken die Bewohner im Kulturhauptstadtjahr zwei weitere „Charaktere“ zum Leben. In der Geschichte „Es geschah unter uns!“ wird von Heinrich Fischer erzählt. Der Bürger aus Gerthe war Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde von Nachbarn verraten und von den Nationalsozialisten zu Tode gefoltert. Im Oktober gibt es mit „Verhinderte Heimkehr“ noch eine Uraufführung, die an den Bochumer Pastor Hans Ehrenberg, einen Mitbegründer der Bekennenden Kirche, erinnert. Er war ein zum Christentum konvertierter Jude, der vor den Nazis nach England fliehen musste und nie mehr nach Bochum zurückkehren durfte. Diese Geschichte wird am Ort des Geschehens, an der Christuskirche und dem Platz des Europäischen Versprechens, erzählt.

Doch das Herzstück des Führungsrepertoires bleibt die Erzählung der Ukrainerin Klawdija. Als besonders empfindsame und ruhige Person beschreibt Andrea Harmes die damalige Zwangsarbeiterin, die mit 17 Jahren aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurde. Harmes bewegt am meisten, dass Klawdija schwanger wurde, aber in einem Entbindungslager das Kind verlor und dann selbst starb. „Als Geist hat sie aber überlebt, als eine Art Schutzgeist für die Kinder, die auf dem Gelände wohnten“, glaubt Harmes. Klawdija müsse in gewisser Weise die Menschen auf dem Gelände beschützt haben, sonst wären möglicherweise noch viel schrecklichere Dinge geschehen. ▪ epd

10. Oktober, 15 Uhr in der Fußgängerzone in Bochum-Gerthe, Ecke Hegelstrasse: „Es geschah unter uns“ (Heinrich Fischer)

31. Oktober, 6. November, 15 Uhr an der Christuskirche, Westring 26 A, in Bochum Innenstadt „Verhinderte Heimkehr“ (Pastor Hans Ehrenberg)

Anmeldungen zu den Führungen: Tel. 01578/1581756 oder per Mail: anmelden@bewahren-durch-beleben.de. www.

bewahren-durch-beleben.de

Zwnagsarbeit

Mehr als 13 Millionen Menschen wurden in der NS-Zeit als Zwangsarbeiter ausgebeutet; Mindestens 2,7 Millionen von ihnen starben an den Folgen. Die Zwangsarbeit sei ein „öffentliches Verbrechen“ gewesen, das keinem in Deutschland verborgen blieb, sagte der Direktor der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge. Von den über tausend Zwangsarbeiterlager während der NS-Zeit bestehen nur noch vier oder fünf in Deutschland, sagt Markus Lutter, Mitarbeiter der Stadt Bochum.

Derzeit ist eine Ausstellung zum Thema Zwangsarbeit im

Jüdische Museum in Berlin zu sehen. Bis 30. Januar. Zentrale These der Ausstellungsmacher um Volkhard Knigge ist, dass die Zwangsarbeit mit der Machtübernahme der Nazis 1933 „Teil der rassistischen Gesellschaftsordnung“ war und als „Instrument der Ausgrenzung und Verfolgung“ ganzer Bevölkerungsgruppen in den Folgejahren ausgeweitet wurde. „Jeder Deutsche ist ihnen begegnet“, heißt es im Begleitband zur Schau. Eingesetzt wurden Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft, auf Baustellen, in Rüstungsbetrieben, im Handwerk und in Privathaushalten. Spätestens ab 1942 habe es sich um ein „Massenphänomen“ gehandelt. Nachgewiesen ist, dass bereits kurz nach dem Überfall auf Polen am 12. September Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegswirtschaft in Lodz eingezogen wurden.

Quelle: wa.de

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