Die A 42 wird zur Parkautobahn

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Neue Büsche und Bäume am Autobahnkreuz Castrop-Rauxel-Ost: Landschaftsarchitekt Hans Peter Rohler (links), Michael Gebert, Leiter der Niederlassung Ruhr vom Landesbetrieb Straßen NRW, und Egon Fleer (rechts) von der Autobahnmeisterei Gelsenkirchen stehen im Ohrenpark an der A42. ▪

Von Achim Lettmann–Zieräpfel an der Autobahn, in Reihen gepflanzt und von weiß-blauem Flieder umsäumt; dazu Berberitzen, ein Dornengehölz, das noch im Winter rotlaubig strahlt. Was ist passiert? Am Autobahnkreuz Castrop-Rauxel-Ost ist ein Ohrenpark entstanden. „Ein Pilot“, sagt Kai Spurling (38), Landschaftsarchitekt des GTL-Büros aus Düsseldorf. Noch entwickelt sich das Grün. Spurling verspricht Blumenwiesen in Rot, Gelb und Blau. So wird die Autobahn eine Kulturlandschaft. An anderer Stelle sollen Haselnusssträucher in den ungewöhnlichen Farben rot und gelb wachsen. Im nächsten Jahr werde alles seine Pracht entfalten, sagt Kai Spurling.

Mit der „Parkautobahn“ hat die Kulturhauptstadt ein Projekt aufgenommen, das kontrovers diskutiert wird. Michael Gebert (60) kennt die Attacken: Geldverschwendung; Bäume raus, Bäume rein; wer wolle denn an der Autobahn parken, lauten die Vorwürfe. Der Leiter der Niederlassung Ruhr vom Landesbetrieb Straßen.NRW will eine „schöne Autobahn“ und wirbt für die neue Dimension. Der Emscherschnellweg, die A42, soll nach und nach mit dem Emscher Landschaftspark korrespondieren. Das heißt, die Autobahn wird als prägender Teil des Ruhrgebiets und seiner Industriegeschichte begriffen und gestaltet. Hier sieht Gebert auch praktische Gründe. Gegen den Bewuchs am Autobahnrand kommen seine Kollegen nicht mehr an. „Die Natur ist zu wüchsig“, sagt er. Vor über 30 Jahren wurden Autobahnen dicht bepflanzt. „Sie sollten nicht so nackig wirken“, sagt Gebert. Egon Fleer, Leiter der Autobahnmeisterei Gelsenkirchen, ist für 58 Kilometer zwischen Kamp-Lintfort und Castrop-Rauxel zuständig. Buchen und Eichen, die seinerzeit gesetzt wurden, seien von Eiben verdrängt worden. Weiden und Pappeln hätten sich ausgebreitet, sagt Fleer, und „die drohen irgendwann umzufallen, wenn sie zu groß werden.“ Die Autobahnmeisterei kann nur noch Schilder freihalten und da eingreifen, wo Äste an die Fahrbahn reichen. Eine Sisyphus-Arbeit. Kahlschlag ist auch keine Lösung, denn Umwelt- und Naturschutzgruppen protestieren gegen jeden gefällten Baum. Es gab schon Anzeigen.

Die Alternative heißt „Parkautobahn“. Zum Beispiel ist die Böschung zur Glück-auf-Kampfbahn zwischen Gelsenkirchen-Zentrum und Gelsenkirchen-Horsthausen gelichtet worden. Einzelne Bäume sind stehen geblieben. Hans Peter Rohler will erreichen, dass die neue Gehölzpflanzung nicht ständig geschnitten werden muss. Pflegeleicht und mit Durchblick sind die neuen Anforderungen an einen modernen Randstreifen. Rohler (46), Landschaftsarchitekt des Planungsbüros foundation 5+in Kassel hat das Projekt „Parkautobahn“ mit Harald Fritz von der Planergruppe Oberhausen entwickelt. Seit der IBA Emscher Park gibt es Überlegungen. Anfang 2000 zielt die Entwicklungslinie auf Emscher-Park, A42 und Rhein-Herne-Kanal. Alles liegt nah beieinander. „Der Regionalpark ist eine Planungsfigur aus den 90er-Jahren“, sagt Rohler, wo in Ballungsräumen neue Einheiten entwickelt wurden. Wie gehen wir mit Infrastrukturen um, ist eine aktuelle Frage im Planungswesen, weiß der Landschaftsarchitekt. Deshalb sei die „Parkautobahn“ auch international von Interesse. Da die Ruhr.2010 gern Projekte unterstützt, die mit anderen vernetzt sind, sei auch die „Parkautobahn“ Teil der Kulturhauptstadt geworden, glaubt Rohler.

Nötig hat es die A42 allemal. Alte Lärmschutzwände aus den 70er-Jahren werden zwischen Essen und Gelsenkirchen erneuert. Damals waren sie grün, heute werden sie grau gestrichen. Ein Erfahrungswert, denn die alten Wände sind über die Zeit grau geworden. Die „Parkautobahn“ ist Teil dieser Erneuerungen und nicht kostspielig, sagt Michael Gebert von Straßen.NRW. Er weiß, dass Schallschutz auf drei Kilometer 3 bis 4 Millionen Euro kostet. „Der Aufwand wird nicht erhöht“, sagt er. Und die 700 000 Euro für die Bepflanzung des Pilot-Ohrenparks sind vom Umweltministerium in Düsseldorf genehmigt worden, das die EU-Fördergelder für solche Projekte verwaltet. Inklusive des Leitbaums an der A42, dem Mammutbaum. Er ist bereits alle vierhundert Meter gesetzt und mit einer roten Stele markiert. Wichtig ist Gebert, dass kein Geld aus dem Straßenbau abgezweigt wurde, und dass das Verkehrsministerium zum Projekt steht.

Die „Parkautobahn“ ist auf Jahrzehnte gedacht und soll die Industrieregion sichtbar machen. Keine „grüne Wurst“ mehr, wie die Randbegrünung auch abschätzig genannt wird. Der Autofahrer soll den Durchblick haben. Sichtachsen werden in die Umgebung geschaffen, so dass der Tetraeder bei Bottrop zu sehen ist, das Tanklager von BP, die Kohlenhalde bei Essen-Altenessen, die sich verändert, weil Wärmekraftwerke und Kokereien auf die Reserve zugreifen können. Oder die Bramme von Richard Serra, ein Kunstobjekt. Aber dafür müsste der Kopf der Halde Schurenbach von grünem Wildwuchs freigehalten werden. Nur so kann der Autofahrer das Werk von der A42 sehen. Nur machen nicht alle Kommunen mit. Essen ist ausgestiegen, so dass auch der Ohrenpark am Kreuz Essen-Nord nicht verwirklicht wurde. Insgesamt könnten fünf angelegt werden. Das Projekt braucht mehr Verständnis und mehr Fürsprecher.

Quelle: wa.de

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