EU will Dienstzeiten der Piloten verlängern

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Piloten haben sehr lange Dienstzeiten, die EU will sie noch weiter ausdehnen. Das löst jetzt eine Sicherheitsdebatte aus. ▪

Von Detlef Burrichter ▪ DÜSSELDORF Das NRW-Verkehrsministerium ist alarmiert, sieht die Sicherheit des Luftverkehrs in Europa „latent gefährdet“: Die EU-Kommission plant ab 2012 europaweit längere Flugdienstzeiten für Piloten. Dabei sind schon heute Arbeitszeiten bis zu 13 Stunden pro Tag erlaubt, zwei Mal wöchentlich sogar 14 Stunden. Immer häufiger kommt es außerdem vor, dass Kapitäne „Überstunden“ anordnen. Mit dem so genannten Kommandantenentscheid darf dieselbe Crew dann bis zu 15 Stunden fliegen.

Doch selbst diese Dienstzeiten will die Europäische Agentur für Flugsicherheit EASA noch ausdehnen: Bis zu 16 Stunden am Tag und bis zu 12 Stunden in der Nacht soll künftig geflogen werden dürfen. Außerdem soll die Ruhezeit zwischen zwei Diensten auf nur noch 7,5 Stunden verkürzt werden.

„Die Spitzenbelastungen, die hier ermöglicht werden sollen, werden zwangsläufig zu Übermüdung und zu Unfällen führen“, warnt Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit im Gespräch mit unserer Zeitung. Handwerg weiß, wovon er spricht. Er ist seit 19 Jahren Berufspilot. „Aus unserer Sicht sind Flugzeiten von mehr als 12 Stunden absolut nicht vertretbar.“ Der erfahrene Kapitän verweist auf Studien. Demnach steigt die Fehlerhäufigkeit bei 13 Stunden Dienstzeit gegenüber sieben Stunden um das 5,6-fache.

Horst Becker, Staatssekretär im NRW-Verkehrsministerium, nimmt diese Warnungen sehr ernst. Der Grünen-Politiker setzte zu Beginn dieser Woche alle Hebel in Bewegung, um das Thema auf die politische Agenda zu setzen. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) solle prüfen lassen, ob angesichts der langen Dienstzeiten von Piloten nicht schon heute „eine latente Gefährdung des Luftverkehrs vorliegt“. Ramsauer soll bei allen Fluggesellschaften eine „dezidierte Abfrage“ veranlassen, wie häufig Flugzeitverlängerungen durch die Kapitäne angeordnet wurden.

Laut einem Bericht des WDR soll es allein bei Air-Berlin mehr als 1000 solcher Entscheide im vergangenen Jahr gegeben haben. Auch an die EASA wandte sich Becker und bat darum, von den Plänen Abstand zu nehmen, „damit der Luftverkehr in Europa weiterhin mit dem notwendigen hohen Maß an Sicherheit betrieben wird.“

Lkw-Fahrer dürfen hierzulande maximal neun Stunden pro Tag hinterm Steuer sitzen. Piloten von Passagierflugzeugen sitzen aber bis zu 13 Stunden und in Ausnahmefällen noch länger im Cockpit. Und jetzt will die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) die Ausnahme auch noch zur Regel machen. Bis zu 16 Stunden pro Tag sollen Piloten fliegen und auch am Ende eines so langen Arbeitstages ein Flugzeug sicher landen können.

„Das wäre eine völlig inakzeptable Regelung“, schimpft Jörg Handwerg von der Pilotenvereinigung Cockpit. Es gebe keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, „dass Menschen so etwas ohne deutliche Risikoerhöhung leisten können.“ Sehenden Auges wolle die EASA zulassen, dass Piloten unausgeruht ins Cockpit steigen. Denn die Ruhezeit zwischen so langen Flugdienstzeiten solle auch nur noch siebeneinhalb Stunden betragen. Davon blieben maximal fünfeinhalb Stunden Schlaf. Unter dauerhaftem Schlafdefizit aber werde die Fehlerhäufigkeit und damit die Gefahr von Unfällen durch Übermüdung steigen.

Ursprünglich seien die langen Flugdienstzeiten als Ausnahme gedacht gewesen – insbesondere für Langstreckenflüge zu entfernten Kontinenten. Inzwischen würden dieselben Regeln aber auch für Kurz- und Mittelstreckenflüge angewendet, obwohl das Stresspotenzial durch mehrfaches Aus- und Einchecken, Starten und Landen deutlich größer sei. Die Airlines kalkulierten die Flugpläne derart eng, dass sie so genannte Kommandantenentscheide einrechneten. Sie setzten stillschweigend voraus, dass die Flugkapitäne von ihrem Ausnahmerecht Gebrauch machen, und „Überstunden“ über die 13 Stunden Regelflugzeit hinaus anordnen. Andernfalls müsste die Crew ja irgendwo auf einem entfernten Flughafen ausgetauscht werden. Diese Kosten wollten sich die Betreiber aber sparen.

Horst Becker, Staatssekretär im NRW-Verkehrsministerium, hat jetzt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) aufgefordert, bei allen in Deutschland operierenden Fluggesellschaften abzufragen, in welchen Ausmaß von der Ausnahmeanordnung durch die Flugkapitäne Gebrauch gemacht wurde. Der erfahrene Pilot Jörg Handwerg bezweifelt, dass so das wahre Ausmaß ans Tageslicht kommt. Eine Meldung ans Luftfahrtbundesamt erfolge laut EU-Verordnung ohnehin nur dann, wenn die maximale gesetzliche Regelflugzeit von 13 Stunden um mindestens eine volle Stunde überschritten wurde. Die Mehrzahl aller Fälle falle damit unter den Tisch, das Problem der Übermüdung von Piloten aber nicht.

Handwerg warnt eindringlich vor dem Sicherheitsrisiko durch verschleppte Müdigkeit. „Die Übermüdung kommt schleichend. Man kann den Grad selbst nicht richtig einschätzen.“

Quelle: wa.de

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