Wettlauf zum WG-Zimmer in Münster

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Silke Pröpper studiert in der Mensa der Universität Münster die Wohnungsanzeigen am Schwarzen Brett.

MÜNSTER - Zum Start des Wintersemesters wird die Wohnungssuche wieder zur Geduldsprobe. Bei Massencastings in Wohngemeinschaften haben Zimmersuchende nur Minuten, sich zu präsentieren. Von Julia Wäschenbach

Es liegt etwas außerhalb in einem Vorort von Münster und kostet stolze 330 Euro. Trotzdem interessierten sich rund 170 Leute für das WG-Zimmer von Chemie-Student Christian van Bebber. Das Handy seiner Mitbewohnerin stand nicht mehr still – nach einer einzigen Anzeige. Kein Wunder: „Auf dem Wohnungsmarkt in der Stadt sieht es sehr, sehr düster aus“, sagt der 27-Jährige. Wer niemanden kennt, der jemanden kennt, oder zum Studienort pendeln kann, hat in Studentenstädten wie Münster oder Köln in diesen Wochen Pech gehabt.

Tausenden Umzugswilligen in Nordrhein-Westfalen droht die Vorstellungsrunde im Zehn-Minuten-Takt. „Wenn du kommst, schieben sie deinen Vorgänger aus der Tür, und wenn du dich gerade hingesetzt hast, klingelt schon der nächste“, erzählt Anabelle L., die nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen will. Sie studiert seit kurzem Public Administration in Münster. „Du trägst dich schnell in die Namensliste ein und bist schon wieder weg.“

Was studierst du? Welche Hobbies hast du? Wo kommst du her? Beim Bewerber-Schnelldurchlauf in der WG gerät die Zimmersuche zur Personality-Show. „Es ist schwierig, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen“, sagt die 23 Jahre alte Studentin. Um sich später noch an die vielen Gesichter zu erinnern, zückt so manche WG sogar den Fotoapparat. Zack, Blitz, der Nächste!

Zehntausende junge Menschen starten in diesen Tagen in Nordrhein-Westfalen in ihr Studium. Die 5500 Plätze in den Wohnheimen in Münster sind längst voll. Auf den Wartelisten stauen sich die Namen. Silke Pröppers Name steht dort schon seit mehr als vier Monaten. Ein Zimmer sucht die 21-Jährige noch länger. „Ich hab das Internet durchforstet und bei mindestens 50 Wohnungen angerufen“, sagt Pröpper, die ab dem Wintersemester an einer Akademie in Münster Physiotherapie studiert.

Die Hauptsache sei, am Ball zu bleiben, sagt Steffen Baranski, stellvertretender AStA-Vorsitzender in Münster. „Man darf sich nicht entmutigen lassen, auch wenn man sich bei 40 WGs vorgestellt hat. Das ist hier normal.“ Die Wohnungsnot sei in NRW sei aber kein flächendeckendes Phänomen, beruhigt Günther Remmel, Sprecher der AG der Studentenwerke in NRW. In Paderborn oder Bielefeld etwa sei die Lage weniger dramatisch. Das gelte auch für das Ruhrgebiet als dichten Ballungsraum mit guten Anbindungen.

Einen ganzen Monat lang ist Anabelle L. immer wieder mit dem Auto von Soest nach Münster gefahren. Schließlich hat sie ihr WG-Zimmer gefunden, aber: „Meine preisliche Schmerzgrenze ist überschritten“, sagt sie. Silke Pröpper lebt immer noch bei Bekannten und pendelt jeden Tag mit dem Auto zwischen Herbern und Münster. „Anstrengend“ sei das.

Uwe Warda, Wohnbeauftragter beim AStA in Münster, kann Wohnungssuchende „nur trösten, es ist wirklich nichts mehr da“. Dass es in zwei Jahren in NRW noch dicker kommen könnte, macht ihm schon jetzt Sorgen: „2013 möchte ich mir nicht vorstellen.“ - dpa

Quelle: wa.de

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