Weil die drei Toten aus Werl Flüchtlinge sind

Bürgermeister erhält Schmäh-Mails nach Trauer um Absturz-Opfer

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Nach dem Flugzeugabsturz im Iran bekundete Werls Bürgermeister Michael Grossmann offiziell die Trauer in seiner Stadt über drei Opfer. Das gefällt nicht jedem.

Bürgermeister Michael Grossmann hat nach seinen zahlreichen medialen Bekundungen der Trauer in Werl nach dem Tod einer Flüchtlingsfamilie beim Flugzeugabsturz im Iran einige Mails erhalten, deren Inhalt auf Akteure aus dem rechten politischen Spektrum schließen lassen.

Werl – Das bestätigte er auf Anfrage unserer Redaktion. Gleichwohl misst Werls Stadtoberhaupt diesen Äußerungen nicht viel Beachtung zu, schon gar nicht ist er bereit, darauf zu antworten. "Dieses Amt ist immer wieder auch mit einem Restrisiko durch Leute verbunden, die verwirrt sind.“

Ein Schreiber nennt es „befremdlich, dass die Trauer der ganzen Stadt via n-tv der Öffentlichkeit mitgeteilt wird, wohingegen über Südtirol geschwiegen wird.“ Hier werde Indoktrination betrieben. „Was verbindet mich/uns mit anerkannten Asylbewerbern, die in den Iran fliegen!“, heißt es in der Mail. Und weiter: „Schätzen Sie diese Menschen als Gemeindemitglieder? Tragen diese Menschen substanziell zu unserem Gemeinwesen bei?“ Für die deutschen Unfallopfer aus Südtirol würde er sich öffentliche Beileidsbekundungen wünschen. 

Bürgermeister versteht die Kritik nicht

„Mir stellt sich die Frage: was haben iranische Asylbewerber im Iran zu suchen und wer bezahlt so etwas“, heißt es in einem weiteren Schreiben. „Ich wüsste gerne, wer die Opfer des von anderen Politikern hingenommenen Terroraktes vom Breitscheidplatz in Berlin waren, um mitzutrauern. Kennen Sie Namen und Gesichter? Wahrscheinlich nicht, denn es waren wohl Deutsche. Erkennen Sie das Spiel des Heucheltums?“, schreibt ein weiterer per Mail an den Bürgermeister. Der versteht die Kritik nicht. „Ich finde, dass wir das gemacht haben, was angemessen ist: gemeinsam um Menschen getrauert.“ 

Beleidigungen und Bedrohungen im Anoymen

Das, was ihn an Schmähungen per Mail erreichte, sei aber auch nichts wirklich Neues, sagt Grossmann. Und es sei bezeichnend, dass solche Äußerungen, auch Beleidigungen und Bedrohungen, im Anonymen stattfinden. „Die zeigen ihre Gesichter nicht und sind auch nicht bereit zur Diskussion.“ Dabei dürfe ihm natürlich jeder ins Gesicht sagen, was ihn störe, „das interessiert mich schon.“ 

Aber in seiner Laufbahn habe er auch schon ganz andere Mails bekommen mit massiven Beleidigungen, auch Drohungen. Erst im letzten Jahr habe ein Mensch mit der Ermordung des Bürgermeisters gedroht, der dann später in der Psychiatrie landete. Dass er nicht zurechnungsfähig war, habe man gemerkt, daher habe er die Bedrohung auch nicht zu ernst genommen, sagt der Verwaltungschef. Die Polizei habe gleichwohl öfter mal Streife gefahren. Panik ist aber nicht Grossmanns Sache. „Das entspricht nicht meiner Persönlichkeit.“ Kühlen Kopf bewahren, dass sei entscheidend. 

Kein Verständnis für Wunsch der Bewaffnung

Und schon gar nicht kann der Bürgermeister dem Ansinnen seines Amtskollegen aus Kamp-Lintfort folgen, der sich gerne bewaffnen würde. „Wie kann man nur auf eine solche Idee kommen?“, wundert sich Michael Grossmann. „Das ist völlig überzogen.“ Man dürfe auch nicht so tun, als ob nun Bürgermeister im Speziellen in einem Bedrohungs-Fokus stünden. Wenn es in einer Stadt ein so konkretes Sicherheitsrisiko gebe, müsse eher Personenschutz her. 

Immer pauschal damit zu rechnen, Ziel von Aggressionen zu werden, würde den klaren Blick verstellen. „Aber ich bin auch keiner, der schnell Angst hat und kann ruhig bleiben, wenn andere unruhig werden.“ Er gehe auf Menschen zu, wenn die aus dem Auto heraus ein Pistolenzeichen in seine Richtung machen. „Aber dann hauen sie ab.“ 

Kein Grund, sich ins Schneckenhaus zurückzuziehen

Nein, er fühle sich nicht wirklich so bedroht, dass er sich ins Schneckenhaus zurückziehen müsse, sagt der Bürgermeister. Außerdem treffe man in jedem öffentlichen Amt auf Menschen, die ihrer Abneigung und ihrem Hass im stillen Kämmerlein freien Lauf lassen. „Damit muss man leben.“ Und so gelte es, aufmerksam zu sein, aber sich nicht zu sehr beeinflussen zu lassen. Was im Netz passiere, sei sicher ein Problem. „Aber irgendwie sind diese Menschen ja auch bedauernswert.“

So geht es einem Verwandten der Absturzopfer

Tiefe Trauer, Wut, aber auch Dankbarkeit, sind die Gefühle, die Mirza Hossein Khavari bewegen. Der 36-Jährige ist der Bruder der jungen Werlerin, die mit ihren beiden Kindern in dem ukrainischen Flugzeug saß, das über dem Iran abgeschossen wurde

Quelle: wa.de

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