"Distribution" und Herforder Brauerei zum Verkauf / Mit Kommentar

Warsteiner Brauerei baut 240 Stellen ab - Aderlass auch am Stammsitz

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Warstein - Das „Zukunftsprogramm“ wird zum Aderlass: Die Warsteiner Brauerei will in ihrer gesamten "Warsteiner Gruppe" bis zu 240 Stellen abbauen, davon über 100 am Stammsitz in Warstein. Um wirtschaftlich stabil zu werden, stehen die "Distribution" und die Herforder Brauerei zum Verkauf – falls kein strategischer Partner einsteigt. Am Donnerstagmorgen erfuhren die Mitarbeiter bei einer Versammlung im Besucherzentrum "Unsere Warsteiner Welt" von Inhaberin Catharina Cramer und der Geschäftsführung das ganze Ausmaß der Einschnitte. 

In den 1990er Jahren überholte Warstein Dortmund als Deutschlands Bierstadt Nummer eins. Über sechs Millionen Hektoliter wurden gebraut und verkauft. Seither ging es bergab. Auch im Jubiläumsjahr 2003, als bereits einmal 150 Stellen gestrichen wurden. 

Der Abwärtstrend konnte auch danach nicht gestoppt werden. Im vergangenen Jahr gingen erneut 100.000 Hektoliter verloren, so dass in Warstein nur noch 2,15 Millionen Hektoliter gebraut werden – zu wenig, um den Apparat mit 1500 Mitarbeitern, darunter 730 am Stammsitz in Warstein, weiter am Laufen zu halten.

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Warstein ist unter den Biermarken in Deutschland auf Platz sieben abgerutscht. Ende August 2017 kündigte die Brauerei an, dass die Unternehmensberatung Berger verpflichtet worden sei, das Unternehmen zu durchleuchten. "Jeder Stein wird umgedreht", sagte seinerzeit der gerade neu eingestellte Kaufmännische Geschäftsführer Dr. Carsten Rockholtz

Sein Vorgänger Stephan Fahrig hatte bereits im Zuge des Verkaufs der Welcome-Hotelkette und des Millionen-schweren Investitions-Beschlusses zur Anschaffung neuer goldener Bierkästen das Handtuch geworfen. 

Verkündeten gemeinsam die schwierigen Nachrichten: Alessandra Cama, die neue starke Frau an der Spitze, und der scheidende Finanz-Geschäftsführer Dr. Carsten Rockholtz, der aus privaten Gründen zukünftig das Schicksal der Brauerei nur noch aus dem Beirats-Amt verfolgt.

Dem folgte während der internen Berger-Untersuchungen Vertriebs- und Marketing-Geschäftsführer Martin Hötzel und zuletzt auch Personalchef und "Direktor Human Ressources" Arne Kaufmann. Und auch Dr. Rockholtz verlässt Ende März wieder die Geschäftsführung – aus privaten Gründen.

Warsteiner Brauerei: Harte Einschnitte durch Zukunftsprogramm

Richten sollen es nun zwei frühere Berger-Leute: als Vertriebs- und Marketingchefin die 50-jährige Italienerin Alessandra Cama und als Kaufmännischer Geschäftsführer der 46-jährige Christian Gieselmann, der gerade die Stellenkürzungen und Umstrukturierungen nach Durchleuchtung des Hauses vorgeschlagen hat.

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Der Personalabbau von "bis zu 240 Stellen" macht allein in Warstein über 100 Arbeitsplätze aus. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Verwaltung.

Nur wenige Möglichkeiten bieten Vorruhestandsregelungen, so dass allein hier 80 Kündigungen anstehen. 35 der Betroffenen wohnen sogar im Stadtgebiet von Warstein und sind dem Familienunternehmen oft über Generationen verbunden.

Als "schwierige Herausforderungen" bezeichnete dies Inhaberin Catharina Cramer. Doch die harten Einschnitte seien nötig. "Ich möchte dieses grundsolide Unternehmen eines Tages an die zehnte Generation übergeben können", erklärt die 39-Jährige.

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Bis zu 160 weitere Stellen sollen in 20 operativen Einheiten wie etwa der Distribution oder "Warsteiner International" abgebaut werden.

Unser Kommentar von Reinhold Großelohmann

Cramer mit Cama - Funktionieren Bier und Nüchternheit?

Gibt es irgendwen in der Brauerei, den es überrascht, dass die Durchleuchtung nun zum Stellenabbau führt? Vielleicht das Ausmaß des Arbeitsplatz-Abbaus, aber nicht die Tatsache, dass gehandelt werden muss.

Schon von außen betrachtet wird deutlich: Wenn viele Jahre immer weniger verkauft wird, kommt man irgendwann an den Punkt, wo gespart werden muss. So einfach und gleichzeitig so hart sind die Regeln der Wirtschaft.

Im Falle der Brauerei gab es im 250. Bestehensjahr 2003 gravierende Einschnitte mit der Streichung von 150 Stellen. Nachdem man 15 Jahre voller Hoffnung auf die Wende, die nicht kam, auch in Arbeitsplätze investiert hat, folgt nun im Unternehmensjahr 265 wieder ein schwerer Einschnitt. Weniger Bier mit mehr Leuten verkaufen, das klappt nicht.

Für jene, deren Arbeitsplatz betroffen ist, ist das schmerzhaft und schwierig und gewiss ungerecht. Die Nachteile müssen durch das Unternehmen abgefedert werden. Das wird machbar sein. Denn die – wie die Geschäftsleitung betont – finanziell gut aufgestellte Brauerei steht nicht am Abgrund.

Allerdings steht sie vor einer entscheidenden Zukunfts-Frage: Bleibt Warsteiner eine nationale Marke oder wird sie zur Regionalbrauerei? Bei der Suche nach der Antwort sind alle Augen auf Newcomerin Alessandra Cama gerichtet.

Die Italienerin mit Wohnsitz in München, Mutter zweier Teenager und Ehefrau eines Unternehmers, ist das Gegenteil ihres glücklosen Vorgängers Hötzel. Statt auf Äußerlichkeiten des Markenauftritts, Promi-Werbung und auf das Prinzip Hoffnung zu setzen, wird sie hart am Produkt, an Produktion und Vermarktung arbeiten. 

Genau das, nämlich die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Handel, formuliert sie als ihre Spezialität. Analytisch und strukturiert vorzugehen, das ist wohl ihre Arbeitsweise. Doch funktioniert eine solche Nüchternheit in der Männer-dominierten Bierbranche, von der man früher meinte, dass hier ohne Stallgeruch gar nichts geht? Und funktioniert es bei einem Produkt, das ganz viel mit Emotionen zu tun hat?

Eine große Wahl hat Catharina Cramer nicht, nachdem die Inhaberfamilie in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei der Auswahl der Männer an der Spitze nie das richtige Händchen hatte.

Warsteiner hat Bier einst aus dunklen Kneipenecken geholt und ins Rampenlicht gestellt. "Premium Verum" wurde wie Sekt oder Champagner serviert, so dass auch viele Frauen Gefallen daran fanden. "Frauenbier" hieß es mal anerkennend, mal milde lächelnd – je nach persönlicher Sichtweise.

Aber: Die ganze Branche schaute in den 1990er Jahren neidisch auf die erfolgreichen Warsteiner. Es hat also durchaus eine gewisse Logik, an diese Geschichte anzuknüpfen – mit einem weiblichem Doppelgespann an der Spitze: Cramer mit Cama, die Inhaberin auf der einen Seite, die neue Vertriebs-, Strategie- und Marketinggeschäftsführerin auf der anderen. 

Dennoch: Die Regeln des Biermarktes bleiben für sie die Gleichen. Am Ende sind sie auch sehr banal: Die Brauerei muss mehr Bier verkaufen!

Quelle: wa.de

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