"Chaos bewusst in Kauf genommen"

Legionellen-Befunde bereits vor neun Tagen

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WARSTEIN - „Es ist alles sehr, sehr gut gelaufen. Das hat es noch nie gegeben, dass schon drei Tage nach einem Massenausbruch konkret nach der Quelle gesucht werden kann“, lobte am Donnerstag Dr. Frank Renken als Leiter des Kreisgesundheitsamt den Ablauf der aktuellen Krisensituation in Warstein.

Am Montag hatte der Kreis die Erkrankungswelle gemeinsam mit dem Krankenhaus öffentlich gemacht und als Ursache noch ein „unbekanntes Bakterium“ genannt. Recherchen unserer Zeitung ergaben allerdings, dass im „Maria Hilf“ bereits fünf Tage zuvor zwei Legionellen-Fälle nachgewiesen worden waren. Dies sei nach Aussagen von Pflegedienstleiter Klaus Wohlmeiner und Oberarzt Lutz Humpert dem Kreis mit dem zusätzlichen Hinweis auf eine deutlich verstärkte Anzahl von Lungenentzündungsfällen gemeldet worden.

Die Einlieferung des ersten Falles einer schweren Lungenentzündung datiert bereits von Samstag, 10. August. Schon am folgenden Montag waren im Krankenhaus verschärfte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen worden, da die Ärzte von Ansteckungsgefahr ausgingen. Zwei Zimmer auf Station 6 waren als Quarantäne-Bereich gesichert und durften nur durch eine Schleuse betreten werden.

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„Bis Mittwochmorgen hatten wir dann 14 Fälle, das war schon ungewöhnlich und wir haben uns gesagt: ‘Da stimmt was nicht’“, schilderte der Oberarzt gestern unserer Zeitung. Auch lag zu diesem Zeitpunkt bereits der Nachweis von Legionellen-Erkrankungen bei zwei Patienten vor. Dies alles habe man dem Kreis Soest am Mittwochmorgen mitgeteilt, schließlich seien Legionellen-Erkrankungen meldepflichtig. In den folgenden Tagen sei die „Welle von Erkrankungen“ dann richtig aufgetreten.

Jeden Tag kamen rund zehn Fälle hinzu. Dennoch wurde bis zum Wochenende keine Mitteilung an die Öffentlichkeit gemacht, obwohl am Donnerstag auch der erste Tote, ein 47-jähriger Bewohner einer LWL-Wohngruppe in der Von-Möller-Straße, zu beklagen war. In der Nacht zu Samstag verstarb dann auf der Intensivstation das zweite Opfer, ein in Hirschberg wohnender 53-jähriger Rangierer der WLE, an den typischen Symptomen. Am Montagmorgen wurden Kreis und Krankenhaus dann mit der Ankündigung einer Pressekonferenz öffentlich aktiv. Vereinzelte Legionellen-Erkrankungen seien für das Kreis-Gesundheitsamt noch kein Indiz für einen Massenvorfall, erklärte gestern Dr. Frank Renken, warum man zunächst abgewartet habe.

Wenn zudem eine größere Zahl von Lungenentzündungen hinzukomme, könne dies auch eine Sommergrippe als Ursache haben. Bis Montag dieser Woche habe es überdies nur die zwei Legionellen-Nachweise gegeben. Dann seien zwei weitere hinzugekommen, was den Kreis mit Blick auf die übers Wochenende weiter angestiegenen Patientenzahlen zum Handeln veranlasst habe.

62 Erkrankungsfälle wurden am Montag der Öffentlichkeit mitgeteilt. Am Dienstag lag die Zahl der Patienten bei 72, am Mittwoch stieg sie auf über 80 an. Gestern am späten Nachmittag teilte der Kreis die Zahl von 86 mit. Zwei Betroffene werden intensivmedizinisch versorgt. Ein Patient ist mittlerweile stabil. In dem anderen Fall bewerten die Mediziner die Situation kritisch. Von den insgesamt 86 Personen sind acht Personen in umliegenden Krankenhäusern untergebracht und zwar eine in Dortmund, zwei in Lippstadt und fünf in Meschede. Bisher gibt es sieben positive Legionellenbefunde.

Beim Kreis wollte man sich ursprünglich am Dienstagmorgen auf die Suche nach großen, möglicherweise in Frage kommenden Klima-Anlagen machen, nach dem Kontakt und der Verpflichtung des Legionellen-Experten Prof. Dr. Martin Exner habe man dies aber gestoppt, so Dr. Renken. „Erst Dr. Exner hat deutlich gemacht, was wir eigentlich suchen.“

Der Leiter des „Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit“ der Universität Bonn sei unmittelbar nach seiner Ankunft nach Warstein aufgebrochen, um Proben zu entnehmen. Allerdings stand er am Mittwoch nachmittag fast überall vor verschlossenen Türen, Ansprechpartner waren zumeist nicht vorhanden und mussten herbeitelefoniert werden. „Wir haben das Chaos bewusst in Kauf genommen“, erklärte Dr. Renken die fehlende Vorbereitung. „Es lag am großen Zeitmangel.“ 

Von 41 Anlagen 6 Proben gezogen

Am Donnerstag erfolgte die Suche nach der „Nadel im Heuhaufen“, so Ordnungsamtsleiterin Roswitha Wrede, dann etwas strukturierter. 41 Klimaanlagen sind nun überprüft, 35 bauartbedingt als Quelle ausgeschlossen und in sechs wurden vor Ort Proben gezogen. Weil der Aufruf Erfolg gezeigt hat, klimatechnische Anlagen zu melden, erhöhte sich die Zahl der zu besichtigenden Installationen stetig. Wo Proben gezogen wurden, wurden die Geräte entweder abgeschaltet oder desinfiziert. Etwa ein gutes Dutzend Anlagen steht noch auf der Liste, die meisten scheinen zwar nicht in Frage zu kommen, werden trotzdem heute aufgesucht. Der Fokus liegt vor allem auf Rückkühlwerken bzw. Verdunstungskühlanlagen. Schlecht gewartete Systeme können Legionellen mit der wasserdampfgesättigten und warmen Austrittsluft verbreiten. Diese mögliche Quelle soll möglichst schnell versiegen, um weitere Neuerkrankungen zu verhindern.

Fahrlässige Tötung?

Der Betreiber der Anlage, auf die die Streuung von Legionellen in Warstein zurückzuführen ist, muss möglicherweise mit Ermittlungen und einer Anklage wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung rechnen. Das erklärte Oberstaatsanwalt Werner Wolff von der Staatsanwaltschaft Arnsberg im Gespräch mit unserer Zeitung. Noch ist die Staatsanwaltschaft nicht offiziell in Erscheinung getreten, aber über die Polizei lässt sie sich über die aktuellen Entwicklungen stets informieren. „Wir beobachten genau, was in Warstein passiert und werden gegebenenfalls prüfen, ob eine strafrechtliche Verfolgung möglich ist“, meinte Wolff. Wenn eine Anlage als Auslöser der Legionellenerkrankungen festgemacht ist, müsse festgestellt werden, ob zum Beispiel die Wartungsvorschriften beachtet wurden. Auch sei verfolgt worden, ob eine Obduktion erfolgte. Das ist im Fall eines der beiden verstorbenen Männer auf Veranlassung des Kreisgesundheitsamtes in der Uniklinik Bochum passiert, weil die Angehörigen zugestimmt hatten. Hätte die Zustimmung gefehlt, dann hätte die Staatsanwaltschaft die Obduktion angeordnet.

Von Reinhold Großelohmann

Quelle: wa.de

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